Legitime Wut   / 28. Juli 2010

Seit dem schlimmen Wochenende wurden im Internet zwei gut gemeinte Ideen populär, die bei mir nichts als Entsetzen auslösten. Zum einen die Idee, man könne aus dem unmittelbar über massenmediale Kanäle gesehenen keine Stellung beziehen, die auch Schuldzuweisung mit einschließen – siehe hier. Und zum anderen die Idee, man solle nicht nur so tun als wäre man betroffen, sondern besser Handeln, damit nie wieder solche Tragödien passieren – siehe hier. Darin steckt nämlich der implizite Vorwurf, dass die Betroffenen selbst schuld waren.

Die eigentliche Sachlage ist nämlich folgende: Jeder konnte vom ersten Moment an sehen, warum passiert ist was passiert ist! Ohne wenn und aber. Man brauchte weder spezifische Erfahrung noch spezialisiertes Wissen um zu erkennen was passierte. Viel schlimmer: Menschen die für gewöhnlich solche Veranstaltung besuchen und die vorkommende Enge auf solchen Veranstaltungen in ihrem Leben erfahren haben, sahen sich der Gefahr ausgesetzt, allein durch die massenmediale Berichterstattung spontan oder schleichend Traumatisiert zu werden. Durch die massenmediale Berichterstattung setzte quasi ein physischer Mitvollzug des Geschehenen ein.

Heute war nun der erste Tag, in dem das Weltbild – in dem man beispielsweise durch bloßes Hinsehen wütend werden darf – wieder zurecht gerückt wurde.  Man konnte zum einen die Pressekonferenz sehen und spüren, wie entsetzt diejenigen sind, die nun unmittelbar mit der Aufarbeitung der Tragödie zu tun haben. Zum anderen äußern sich hier Menschen, denen man die Ahnung nicht durch gut gemeinte Besserwisserei absprechen kann – und sie äußern sich so, wie es nötig ist. Sie reagieren völlig verständnislos und werfen dem Veranstalter Dummheit, Arroganz und Fahrlässigkeit vor.

Die Frage nach der Schuld stellt sich nämlich nicht mehr. Es geht nun vielmehr um den Aufbau des rechtlichen Rahmens dieser Schuldzuweisungen.

Halbe Woche Android   / 25. Juli 2010

Ich bin so ungeduldig – ich hatte mir am 23.06. ein iPhone 4 bestellt, von dem ich bis heute nicht weiß wo es ist – anscheinend ist es noch nicht mal produziert. Mittlerweile ist mir der Verbleib des guten Stücks egal. Nach einem Monat warten beschloss ich Mitte vergangener Woche mir ein HTC Desire zu holen.

Und so lebe ich nun mit einem Android-Handy ohne *HD*-Kamera ohne iMovie und ohne iRemote um mein iTunes bequemer als mit der Maus vom Sofa aus mit dem Handy zu bedienen. Und dars wars auch schon. Diese drei Aspekte sind die, die mir fehlen.

Neu hinzugekommen sind dafür folgende Lebensqualität steigernde Sachen: ein Podcastverzeichnis, das sich von selbst auf dem Laufenden hält, ohne gehirnintensive Zeitplanung und ohne Kabel. Ein stets aktuelles Twitter mit allen notwendigen Funktionen. Wenn ich an der Kasse stehe und Gefahr laufe mich 15 Sekunden zu langweilen, kann ich direkt meine Timeline lesen anstatt zuzusehen, wie die entsprechende App startet und die Timeline lädt – ich scrolle einfach los, alles ist bereit. Hinzugekommen ist auch ein funktionierendes Google Latitude, Google Goggles, ein benutzbarer Browser, weil er alle Schnittstellen hat die ich brauche und keine Bookmark-URL-Trick-Workarounds nötig sind. Auch meine Musik wird jetzt unmittelbar an Lastfm gescrobbelt (auch wenn ich nicht genau weiss, warum mir das so wichtig ist). Ich kann auf Knopfdruck nach hause navigieren, mit einem Navigationsgerät – keiner Karte, die mir bloß farbig den Weg einmalt, nachdem ich meine Adresse aus einer Liste ausgewählt habe… Ich kann mit einem Knopfdruck eine iTunes-Musikliste auswählen, anstatt ein Programm starten zu müssen, in den Listenmodus zu gehen, zur Liste zu scrollen, usw… Oh, und mein nächster Termin wird mir auch direkt angezeigt, nicht erst im Kalender in der entsprechenden Ansicht. Ach, und meine Browserbookmarks werden als Thumbnails dargestellt, schon bevor ich den Browser öffne. Und um die Display-Helligkeit exakt zu regeln muss ich nicht erst ins Settings-Unter-Unter-Unter-Menü.

Vor zwei Jahren habe ich mich in mein iPhone verliebt. Doch nun mit Android in der Hosentasche ist es doch noch mal ein bisschen sehr anders, noch viel besser. Apple-SJ hat sich mit seinem “Nur Programme auf dem Homescreen” und “Bloß kein echtes Multitasking, die Batterie, die Batterie” meiner Ansicht nach verrannt. Ein Handy muss im Normalfall keine 3 Tage halten. Ein oder zwei Tage reichen vollkommen, wenn dafür die kleinen Bequemlichkeitszeitgewinne (siehe Twitter im Supermarkt oben) gegeben sind.

Und: Die Android-Apps sind meiner Ansicht nach ebenfalls gelungener. Twitter für iPhone (Tweetie) ist im direkten Vergleich zu Twitter für Android nicht gleich auf, weil es eben einfach nicht viel nützt, wenns aus ist und es muss nach Apple-Standards stets aus sein. (Facebook, Google-Reader das gleiche.) Die Bahnapp gefällt mir auf dem Android besser, Google Maps sowieso, das IMDb Dings, Dropbox stehen den iPhone-Pendants in nichts nach. Jabber-Client gibt’s native. Es könnte noch ne Weile so wietergehen. – Naja, eins noch: Die Benachrichtigungen – schön aufgelistet mit einem kleinen Hinweis, einzeln abarbeitbar. (Was für’n Stress das auf dem iPhone war…)

Alle die immernoch auf ihr iPhone 4 warten sollten sich ruhig mal die um die Hälfte billigeren Android-Alternativen angucken. Zahlt sich in vielen Hinsichten aus.

(Und lasst die Bitsundso-Crew ruhig lachen, weil so viele unterschiedliche Hardware-Voraussetzungen für die gleiche Software – das ist ja unfassbar!!!1!11!!1)

“Arschloch Adolf Sauerland”*   / 25. Juli 2010

Der Herr auf dem Bild ist Adolf Sauerland, Bürgermeister von Duisburg. Sein großer Traum war, obwohl er offenbar von keiner betroffenen Sachlage Ahnung hat, in seiner Stadt die Loveparade zu veranstalten. Fritz Pleitgen, der ebenfalls anscheinend kaum Ahnung hat, obwohl er gerade ein Megakulturevent organisiert, wollte ihn unterstützen und hat die Loveparade in das Programm seiner Kulturveranstaltung aufgenommen. Die Loveparade wurde ihm “angeboten”, da hat er nicht nein gesagt – er hat jedoch weder finanziell noch organisatorisch damit zu tun – das ist ihm mittlerweile sehr wichtig zu betonen.

Beide Herren, jeweils weit über 50 und wie gesagt offensichtlich ahnungslos,  wollten sich und ihre Stadt schmücken, sich die Jugend Europas ins Haus (kleine, häßliche Schotterpiste zwischen Gleisen und Autobahn) holen und zeigen wie fit und spritzig sie sind.

Jetzt sind viele dieser Jugend tot und verletzt und unzählige mussten erstmalig und vielleicht einmalig in ihrem Leben Todesangst erleiden. Und das alles, so wie es aussieht, aus Fahrlässigkeit und Dummheit der Organisatoren und derjenigen, die es letztendlich durchführten.

So wie man heute morgen ließt, glaubt Herr Sauerland, viele der Todesopfer seien rumgeklettert und abgestürzt. Man kennt ja die Bilder der 90er, als in Berlin die “Raver” auf den Ampeln und Strassenlaternen rumgeklettert sind. Ausserdem sei – “wahrscheinlich” (…) “individuelle Schwächen” Auslöser der Katastrophe gewesen.

Es gibt so viel Forschung über das (individuell nicht beeinflussbare) Verhalten von Personenverkehr auf engen Räumen. Man konnte für die Loveparade quasi alle Variablen des Ablaufs vorhersehen, weil man diese Veranstaltung und das Publikum kennt und Erfahrungen aus vorjährigen Organisationen und Abläufen hat.

Diese ganze Sache ist einfach unfaßbar.

*Zitat von dem Typ hier am Stammtisch. (Die Überschrift meiner Meinungsbekundung hier ist juristisch durchaus behandelbar. Das kleine Risiko nehme ich jedoch in Kauf, es ist mein kleiner Solidarbeitrag für die vielen leichtfertig hingenommenen und im Nachhinein von den Verantwortlichen belogenen Opfer.)

(Das Bild ist ein Pressebild von Adolf Sauerlands Website)

WM macht doch noch Spaß   / 29. Juni 2010

Es sieht so aus, als könne die WM noch gerettet werden. Das erste Problem, Torlosigkeit, wurde beseitigt. Das Zweite, Vuvuzelas, hat sich mit dem Abschluß der Vorrunde erledigt. Nur das dritte, kleinere Problem ist noch da: Spieler wie Robinho, die angestrengt gekünzelt Tricks versuchen, scheitern, dabei den Gegenspieler umrennen aber trotz satter Führung energisch auf ihre Unfehlbarkeit bestehen. Wahrscheinlich gilt es Engagement zu zeigen. Und wer es nicht durch Laufarbeit tut, der macht es eben mit Schreierei.

Geretet wurde die WM jedoch durch den Weg, den Deutschland geht. Nicht nur, weil sie so hervorragende Gegner wie England und Argentinien haben, sondern auch weil sie so spielen wie sie es tun und weil der Ball macht was er macht.

Durch die Schiri-Entscheidungen wird gerade der ganze Technik-Kram gefordert. Doch eine physikalisch-technische Matheaufgabe würde mich mal interessieren: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ball so geschossen wird, dass er an den Pfosten, dann hinter die Linie, dann zurück an den Pfosten und aus dem Tor wieder raus fliegt + Das dies in einer WM zwischen England und Deutschland passiert, die fast die gleiche Ballflugsituation in genau umgekehrter Weise bereits bei einer WM erlebten. Genau, diese Wahrscheinlichkeit ist, grob gerundet, Null – wenn nicht sogar irgendwie negativ.

In Sachen Fussball kommt man also mit noch soviel Wissenschaftlichkeit und Technik nicht weiter. Die Realität liegt irgendwo zwischen “Ist-Möglich” und “Muss man dran glauben”. Und nun das nächste Spiel gegen Argentinien, die ihre gesamte nationale Fussballangelegenheit auf die Seite “Muss man dran glauben” gelegt haben. Maradona, der sich über 90 Minuten hinweig teilweise nicht weniger als acht Mal in Folge andachtsvoll kreuzigt (heisst es so?) und bei dem keiner daran glauben kann, das er jemals was von Mannschaftstaktik gehört hat.

Samstag trifft deutsche Spielfreude auf argenitnischen Aberglaube und keine Technik der Welt kann dabei helfen, den letztlichen Weltmeister zu Recht eine Runde weiter zu führen.

Brille modern   / 21. Juni 2010

Brillenträger gehen in die Offensive und verstecken sich nicht mehr wie Westerwelle hinter beinah unsichtbaren Vollglasmodellen.

Prinz Daniel

Marc Bator

Witzig sieht dieser Trend auch bei Bela Rethy aus. Muss man mal drauf achten, wenn er Mittwoch im Bild eingeblendet wird.

Schweden ohne Fussball ist besser als Südafrika mit WM   / 19. Juni 2010

Ich bin von der WM bisher regelrecht enttäuscht. Das ganze fing schon an, als Henry damals per Hand Frankreich zur WM brachte und die Kämpfer-Iren mit vorsätzlichem und zugegebenem Betrug auf die Plätze verwies. Mittlerweile steht fest, dass die Folgen dieser Nachspielszene noch schlimmer sind. Frankreich zeigt auf dem Platz, dass es ein Haufen von Scheiß-Millionären ist, die sich weder für ihre Fans noch für ihre Teamkollegen interessieren. Was Frankreich bei dieser WM veranstaltet ist eine wahre Frechheit, deren emotionale Kälte noch ausgeprägter ist als die meteologische vor Ort. Dass Deutschland bei einem Final-Quali-Spiel gegen gute Serben eigentlich gegen einen unbezwingbaren Spanier spielt, ist ebenso WM-Stimmungstrübend – kann aber und wird auch gut ausgeglichen werden. Es gab, von Deutschland wegen Befangenheit abgesehen, für mich erst zwei interessante Spiele: Italien geg. Paraguay und England geg. Algerien – da wurde zwar beide Male nur unentschieden gespielt, aber gut und fair gekämpft.

Die WM findet zwar auf ein paar Rängen in den Stadien und im Fernsehen statt, Südafrika durchlebt gerade allerdings nichts anderes, als einen sehr kalten Winter, der in dem Land die sozialen und individuellen Katastrophen verschärft. Die WM wird dort nichts verändern. Sie kurbelt nicht mal gegenwärtig den Tourismus an – von allen anderen Wirtschaftszweigen ganz zu schweigen.

Aber, es ist nicht alles schlecht. In Schweden hat eine angehende Königin ihren Prinzen geheiratet und wenn man sich auf solche Veranstaltungen so einlassen kann, dass einem die niedlichen Details nicht verborgen bleiben, war es eine traumhafte Veranstaltung. Die Schweden, die weder mit dem schönsten Songcontest-Titel aller Zeiten, noch mit ihrer Nationalmannschaft letztens sonderlich erfolgreich waren, hatten heute wieder etwas schönes zu feiern.