
Es begab sich zu einer Zeit, da Schreiben stellvertretendes Gotteswerk war. Von besonderen Menschen an besonderen Orten, die sich der Aufgabe stellten, der alles bestimmenden Natur neue Artefakte der Kultur gegenüberzustellen. Ora et labora. Man ging zur Lese – man holte die Früchte vom Feld und die Erkenntnisse aus dem Text.
Mönche saßen in ihren Schreibstuben und kopierten Zeile für Zeile, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe. Jede Federführung ein kleines Kunstwerk. Darüber wachten die Bibliothekare, die die Schreibaufgaben verteilten und die Resultate bewerteten. Ein falscher Federzug und das Tagewerk war dahin.
Wer heute seine Einkaufszettel noch mit Zettel und Stift verfasst, macht sich keine Vorstellungen, wie die alten Mönche darüber geurteilt hätten. Schreiben, ohne Latein zu studieren. Zu einem Stift greifen, ohne die Feder zu feiern und achtlos Papier nehmen, statt erstmal das Pergament zu begutachten. Blasphemie!
Dann kam die Druckerpresse und Geschichte wurde – buchstäblich – neu geschrieben.
Und jetzt geht das alles von vorne los. Leute schreiben Code, ohne Informatik studiert zu haben, ohne die Riesen zu ehren, auf deren Schultern sie stehen, ohne die Eleganz einer gut formulierten Funktion zu würdigen, weil sie sie nie zu Gesicht bekommen. Nachdem ich die Tage im Haken-Dran-Podcast ein wenig vom neuen Alltag erzählt habe, schrieben mir die Mönche. „Blasphemie!“ Wer achtet ihre Last und ihr Leid, fragen die Alchemisten, wenn jeder sein Gold einfach im Supermarkt kriegt?
Heute morgen dann hörte ich in anderen Podcasts dazu passendes, erstaunliches. Leo Laporte erzählte von seinen Erfahrungen mit Claude Code:
I spent many hours a day going through newsfeeds looking for stories for the show. You see them all in our rundown and every other show that I do, which involves going to a newsreader. I’ve tried a bunch of different newsreaders or going to websites like TechMeme and scanning them and then bookmarking them in, I use raindrop.io. I thought, you know, maybe I could speed this up with a simpler program that’s tailored specifically to my needs. So Sunday morning, I wrote this with Claude. I didn’t write any code. Claude said, you want to do this?
And I told, I gave it a, there’s Claude has, Claude code has a planning mode and a coding mode. You go into the planning mode and you say, hey, here’s what I want to do. So I gave it a list of features that I was looking for.
I said, okay, do you want to do this in Python or Rust? I thought, well, I’m not doing Rust. That’s supposed to be a good language.
I don’t know any Rust. I know some Python. I’m not in Rust.
So it wrote, by the way, this program as it stands now is 3000 lines of Rust code. I posted on GitHub, if people want to see it, it’s on my GitHub account, Leo Laporte. But what you would probably do with it is download it, clone it, run Claude code on it and say, now I want to customize this for my needs.
Here’s a starting point, but I’ll make this mine. So I called it Speedy Reader. By the way, I didn’t call it Speedy Reader to begin with.
I called it RSS Reader. But then I thought, you know, I should give it a good name. And I said, Claude, can you change the name?
And it said, yeah. So it just changes the name. Whatever you want, boss.
Er möchte mehr lesen, er wusste auch was. Es fehlte nur noch Infrastruktur, die Texte seiner Wahl entsprechend zusammenzustellen. Also ließ er sich, so frech möchte ich es formulieren, von Claude Code ein Buch als Gehäuse für seine Lektüre programmieren. Claude Code hat Leo Laporte ein handliches Buch hergestellt. Und ausgerechnet Jeff Jarvis sagte daraufhin, dass er da eine neue „Software Industrie“ heraufziehen sieht, die die Möglichkeit in sich birgt, dass man nun anderen diese neuen Bücher zur Verfügung stellen könnte.
Und Leo Laporte antwortet ihm: Nein! Der Punkt ist, jeder kann sein eigenes Buch herstellen. Man braucht nun gerade nicht mehr die anderen – Mönche, Informatiker; Infrastruktur, Industrie – die einem die Bücher bringen. Man holt sie sich einfach selbst. Text ist schon lange allgegenwärtig, nun zieht das „Buch“ nach.
Leo Laporte:
And I think the point is that people can now without any coding skills with, I mean, I guess you might have to be a little technical. This is going to change over time, right?
Jeff Jarvis
This is what I was trying to ask last week, personal software that scratches your itch specifically, but you can also create, it’s a whole new software industry. You can create applications agents called what you will for other people. You can charge less interested in that.
Leo Laporte
I think the real power is everybody should learn how to do this and do it themselves. You could, by the way, I did this with a $20 version. It just would take time because every, maybe every few hours it would say, okay, you got to take a break till two.
But you could absolutely do this, not probably in the free version, but you could absolutely do this with a $20 version. I think that this is the future of software.
Das ist in mehreren Punkten bemerkenswert. Einen möchte ich herausstellen. Jeff Jarvis selbst hat ein Buch zum Thema geschrieben. „The Gutenberg Parenthesis: The Age of Print and Its Lessons for the Age of the Internet“. Die Idee davon hat er auch bei mir gefunden. In „Redaktionsschluss“ schrieb ich über die Gutenberg-Parenthese, wie sie Lars Ole Sauerberg und Thomas Pettitt vorstellten. Die Argumentation ist so einfach wie wichtig:
In der Menschheitsgeschichte ist es nur ein kleiner Abschnitt, in dem der Text die Zeitläufte bestimmte. Die Macht der Verträge und Verfassungen wurde nur durch den Buchdruck möglich. Plötzlich galt, was in Dokumenten stand. Passagiere brauchten ihre Papiere. Grundgesetze galten über den Tod der Autoren hinaus. Wenn etwas wie die Druckerpresse passiert, spricht man von einer Zäsur. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Das Wort Parenthese bringt die zweite Wahrheit in den Blick: Was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Die Druckerpresse war nicht bloß der Marker zwischen zwei Geschichtsetappen, oder der Beginn eines Endes von Geschichte. Sie markierte lediglich den Anfang eines historischen Abschnitts und dessen Ende sehen wir jetzt.
Heute halten ICE-Terroristen Menschen ihr Handy ins Gesicht und lassen sich anzeigen, ob sie einen amerikanischen Staatsbürger sehen oder nicht. Was dieses Gerät sagt, gilt, nicht was im Ausweis steht. Der Präsident fühlt sich nur seiner Moral, nicht der Verfassung verpflichtet. Amtsträger erklären sich als „absolut immun“. Immun gegen was eigentlich? Gegen die Regeln der Gutenberg-Galaxie! Die Regentschaft der Druckerpresse geht vorüber. Code is Law! Schwarz auf Weiß reicht nicht mehr. Die Antike und die Archive dienen nur noch der Erinnerung. Die Welt wird nun jeden Morgen neu erfunden. Jetzt müssen wir alle neu lesen und schreiben lernen.
Klingt etwas nach Waffengleichheit mit Peter Thiel, gefällt als Gedanke.
Schreibe einen Kommentar