Die Abbruchkante der Altenrepublik
Eröffnungs-Keynote beim Kongress „Health in Care Professions". Eine Einordnung der Care-Arbeit in das große demografische Panorama — und ein Appell an die Pioniere der Altenrepublik.
▶ Vortrag mit Folien · 37 Minuten
Ich bin Soziologe, kein Mediziner — und typischerweise nicht unter so vielen Ärztinnen und Ärzten. Ich möchte mit Ihnen von der Arbeit am Patienten ins gesellschaftliche Panorama wechseln. Mein Thema ist der Dämon Demografie, der uns allen den Alltag vermiest, ohne sichtbar zu sein. Meine Hörer hatten Vorschläge: „Omageddon", „Opakalypse". Auf dem Buchtitel haben wir uns das dann nicht erlaubt — es wurde die Altenrepublik.
Wenn ich typischerweise zu Abendveranstaltungen eingeladen bin, in Hamburg, München, Düsseldorf, frage ich immer: Wo ist sie denn, die Altenrepublik? Dort, wo das Leben tobt, ist sie jedenfalls nicht. Heute bin ich nach Erfurt gefahren — ich komme selbst aus Thüringen —, und ich war selten so nah dran an der Altenrepublik wie heute bei Ihnen. Denn Sie alle operieren an der Abbruchkante zur Altenrepublik. Sie blicken schon in den Abgrund.
Care
- Sorge, Vertrauen, Zuwendung, Pflege
- gilt als „Gedöns", als Kostenstelle
- nicht automatisierbar, frauendominiert, Schichtarbeit
Arbeit
- Produktion, Wertschöpfung, das „produktive Gewerbe"
- gilt als das, was den Wohlstand schafft
- kommt aber ohne Vertrauen, ohne Sorge nicht aus
Deutschland trennt das fein säuberlich: hier die Sorgearbeit, dort das produktive Gewerbe — als ob die Reproduktion einer Gesellschaft für das Bruttoinlandsprodukt unerheblich wäre. Sie aber wissen: Keine Werkshalle kommt ohne Vertrauen aus, und in jedem Krankenhaus wird Produktivität gefordert. Care und Arbeit sind untrennbar. Warum dieser Wissenstransfer aus Ihren Berufen heraus nicht gelingt, verstehe ich nicht — und er führt Deutschland in eine echte Misere. Mein Angebot für heute: einmal von ganz außen auf die Lage blicken, die trotzdem mit Ihnen zu tun hat.
Nehmen wir die Pflege. Der Eigenanteil für einen stationären Heimplatz liegt inzwischen oberhalb des durchschnittlichen Nettoeinkommens. Das ist keine Petitesse — das ist eine historische Fehlspezifikation, die einer Volkswirtschaft typischerweise das Genick bricht. Wir sind im fünften Jahr der Stagnation und fragen uns, wo das Wachstum bleibt. Warum redet niemand über die einfachsten Zahlen?
Jede dieser Pflegekräfte, die privat einspringt, fehlt dem produktiven Sektor — obwohl ein System, das sich professionell kümmert, allen besser ginge. Niemand will die Großmutter ins Heim abschieben; es wäre eine Win-Win-Win-Situation. Statt diese Opportunitätskosten zu thematisieren — alles, was wir als Kostendruck verhandeln, ist eigentlich eine Investition in die Befreiung von Arbeitskraft —, führen wir die immergleiche Debatte.
Es geht immer um Deutschlands Wohlstand. Immer.Egal wie individuell das Problem scheint
Der Bundeskanzler regt sich über die Vier-Tage-Woche auf, sein Finanzminister will „nicht jedes Problem mit Geld zukippen", und die Teilzeit wird zur „Lifestyle-Teilzeit" erklärt. Die Soziologie hat dazu drei Angebote — man muss nur die Vorzeichen der Debatte umdrehen:
Schauen wir die Geburtsjahrgänge an. Links der Babyboomer-Bauch — noch ohne Migration. Diese Generation wechselt jetzt einfach die Seite, und das müssen wir hart doppelt verrechnen: Wer nicht mehr auf der Einzahlerseite der Rente steht, ist im selben Moment auf der Auszahlerseite. Und ungefähr dort beginnt auch der Pflegenotstand. Die, die mitten im Leben stehen, haben acht Stunden Job und Eltern, die Pflege brauchen — das eigentliche Pflegesystem ist damit schon außen vor.
Jeder Jahrgang wird kleiner; die ganze Volkswirtschaft rekrutiert in diesem schrumpfenden Potenzial. Dass es die Pflege schafft, ausgerechnet gegen diesen Trend rund jeden zehnten eines Jahrgangs zu gewinnen, ist bewundernswert — aber zehn Prozent, da dampft es schon im Kessel, da ist demografisch ziemlich ausgebeutet. Dass der Sektor in dieser Lage wächst, während die Industrie über ihre Lage klagt, ist gigantisch. Hier liegt ein Lehrauftrag für die ganze Gesellschaft: wie man das managt.
Und dann kürzt man. Statt all das als Investition zu sehen, um die noch Verfügbaren produktiv zu halten, fährt die Politik Sparzahlen auf. Dabei ist ausgerechnet die Patientenversorgung beim betrieblichen Gesundheitsmanagement Entwicklungsland: Die Polizei bekommt Sport-Angebote, die Banken ein eigenes Fitnessstudio — und am Universitätsklinikum Frankfurt habe ich niemanden gefunden, der überhaupt Kontakt zu seinem Betriebsarzt hatte. Außer bei der Impfung. Wenn das der Trend ist, müssen aus der ganzen Branche neue politische Geschütze aufgefahren werden.
Deutschland ist ein Einwanderungsland: seit Bestehen sind 18, 19 Millionen Menschen zugewandert. In zwei Jahren — 2015 und 2022 — überstieg die Zuwanderung sogar die inländischen Geburten. Ein paar Fun Facts dazu:
Wenn wir es wie Japan gemacht hätten — Migration grundsätzlich nicht —, wären wir heute bei 57 Millionen. Der Babyboomer-Bauch muss durch zwölf, zwanzig Jahre Rente und Lebensarbeit; die Zuwanderung ist genau diese zwölf Jahre jünger. Eins plus eins ist hier wirklich zwei. Die Frage ist nur die Großwetterlage. Ich habe von einer Klinik gehört, die 25 Pflegestellen mit Migrantinnen besetzte und unter einer Fluktuation litt, die alle zwei Jahre die ganze Belegschaft austauschte — bis sie eine Stelle schuf, die sich nicht um Medizin kümmert, sondern um Ankommen und Willkommenskultur. Danach sind alle geblieben. Ralf Bollmann sagt: Ohne die Zuwanderung von 2015 hätten wir Corona nie geschafft. So könnte man die jüngste deutsche Geschichte neu schreiben — und die Pflege hätte dazu ein Angebot.
Hier bin ich stutzig geworden. 76 Prozent Frauenanteil — und doch kreuzt keine amtliche Statistik Frauen, Alter und Branche. Ich musste mir die Zahlen aus Verlegenheit zusammenklauben. Es fehlt schlicht die Datengrundlage.
Wir wissen über diese Frauen gar nichts. Außer, dass es sie gibt.Für den frauenreichsten Sektor des Landes
Ohne Daten lässt sich weder die Familienphase ausformulieren noch eine ordentliche Familienpolitik daraus ableiten. Noch dramatischer sind die Wechseljahre: ein medizinisches Mysterium, das gerade erst als Thema entdeckt wird, mit Beschwerden, die die Medizin kaum kennt. Und doch: Rechnet man das Potenzial durch — fast drei Millionen Frauen arbeiten im Sektor in Teilzeit, viele nur aus Verlegenheit — und motivierte jede zu fünf Stunden mehr pro Woche, ohne Zwang, dann stecken allein in diesen fünf Stunden 365.000 Vollzeitstellen. Das ist kein Kostenfaktor. Das ist eine reine Investition — wenn man die, die die Sorgearbeit leisten, befähigt, sie auch leisten zu können: mit Geld und mit betriebsärztlicher Begleitung.
Automatisieren lässt sich hier wenig — weder durch Roboter noch durch künstliche Intelligenz. Aber in der Assistenz für klar definierte Aufgaben liegt ein erhebliches Potenzial. Die KI ist, wenn sie eines ist, wahnsinnig fleißig; sie kann die nervige Arbeit erledigen und damit ein Stück Arbeitsfreude in einen auszehrenden Beruf zurückbringen. Das Thema Sektorensilos wiederum kann man gar nicht groß genug denken: Überall wird Pionierarbeit für sich gemacht, statt sie zu koordinieren. Und beim Obstkorb, bei der Achtsamkeit, beim Resilienz-Predigen muss man professionell dagegenhalten. Der Staat tritt für junge Leute fast nur als Katastrophenabwehr in Erscheinung — er kann durchaus positiv zurückkommen, aber er muss echte Angebote machen.
Den Begriff habe ich erst hier gelernt, aber er war mir sofort einsichtig. Wenn man einen Notfall hat, ruft man einen Arzt. Und wen rufen die Ärzte, wenn sie einen Notfall haben? Auch einen Arzt. Nur: Wenn man genau hinsieht, sind ihre Probleme gar keine medizinischen. Sie sind systemisch. Und „systemisch" schleift man gern aus Verlegenheit mit — dabei kann man es politisch herunterbrechen, Budgetfragen daran knüpfen, soziale Projektionen in die Zukunft machen. Das Gesundheits- und Sozialwesen — in der europäischen Vergleichsgröße 5,6 Millionen Menschen — wird in etwa fünf Jahren der größte Wirtschaftssektor Deutschlands sein und die Industrie überholen. Man muss nur, wie die Industrie es vorgemacht hat, auf Kennzahlen herunterbrechen — aber auf die volkswirtschaftlichen, nicht die betrieblichen.
Der Appell
In meinen Büchern steht der Satz: Familienpolitik ist das wichtigste Politikfeld der Altenrepublik. Und Familienpolitik stützt sich auf das, was Betriebsärzte erfahren, wenn sie Familien dabei unterstützen, ihren Alltag zu führen. Diese Klammer darf man ohne Scheu machen.
Was eben bedeutet: Wenn Arbeitsmediziner Hilfe brauchen, dann brauchen sie einen Politiker — und nicht noch einen Arzt. Der Betriebsarzt hat keinen Betriebsarzt. Er muss die Politik anrufen.
Stefan Schulz · HiCP 2026 · Erfurt