Rentnerrepublik in Chemnitz

Mittwoch, 5. September 2018, 13:56 Uhr

Aus Sicht der naiven und rebellischen Jugend sind die Eltern natürlich kritisch und konservativ. So sagt es das Naturgesetz. Eltern sind, wie sie sind. Aber was ist, wenn #Chemnitz (als Chiffre für die Rentnerrepublik) darunter leidet, dass den Alten ihre jungen – aber geliebten – Widersacher fehlen? Wohin mit dem Geltungsdrang und der Rechthaberei der Alten, wenn die Jungen schon 12 Stunden am Tag im biografischen Fitnesscenter festhängen und im Hotel Mama oder tief im #Westen und schon in der #Zukunft nie auf die Idee kommen, ihren Eltern zu widersprechen?

Rebel Queen

Ich folge heute sehr interessiert einer Empfehlung zum Deutschlandfunk, der am 16. August das von der Bundesregierung begutachtete „Verschwinden der Jugend“ thematisierte. Und ich setze es mit Hilfe von Wolfgang Thierse, der bei Anne Will interessant gegen Serdar Somuncu argumentierte, in ein Verhältnis zur Rentnerrepublik. (Von Frieda korrigiertes Transkript)

Unterstütze mich!

11 Gedanken zu „Rentnerrepublik in Chemnitz“

  1. Ich bin 18 Jahre alt und habe grade mein Abi gemacht. Ich bin also ein Teil der Jugend in Deutschland und finde meine Lebenswelt und die meiner Freunde in den Studien wieder. Zu der fehlenden Abnabelung und Auflehnung gegen die Eltern ist mir aufgefallen, dass die Eltern-Kind-Beziehung den Anspruch der Freundschaft hat. Viele meiner Freunde sagen, meine Mutter ist meine beste Freundin und können nicht verstehen warum meine Beziehung zu meinem Eltern eine andere ist, eben nicht so freundschaftlich.

  2. Lieber Steffen, vielen Dank für die Möglichkeit, an der Entstehung Deines neuen Buchs kritisch beobachtend teilnehmen zu können. Bei der Buchproduktion habe ich meine Zweifel ob man auf die editorisch- herstellerischen Prozesse in einem Verlag einfach so verzichten kann. Durch die Möglichkeit durch die entsprechende Software viele Prozesse in die eigenen Hände nehmen zu können gehen leider viele ästhetische Standards verloren die meiner Meinung nach zu einem professionell gefertigtem Buch gehören und deren Fehlen man auch vielen Büchern ansieht. Ich sage dies als Mann einer studierten Buchherstellerin. Ob dies auch bei Deinem Buch so sein wird werde ich ja sehen denn kaufen werde ich es auf jeden Fall.
    Aber nun zum letzten Podcast: Als Ostler (Berlin) der auf die 60 zugeht bin ich sicher auch bald Teil der Rentnerrepublik. Um zu verstehen was derzeit im Osten vor sich geht habe ich mir die Frage einfach mal andersrum gestellt: Nicht was unterscheidet uns von den Westlern sondern, was unterscheidet die von uns? Und da fällt mir auf dass die Einführung der liberalen Demokratie und deren Etablierung in der Alltagswelt bei den meisten Westdeutschen mit einer bis dahin unvorstellbaren Verbesserung der sozialen und finanziellen Verhältnisse verbunden war. Das hat zu einer mehrheitlichen Zustimmung zum westlichen Gesellschaftsentwurf geführt, vergleichbar vielleicht mit der Akzeptanz Erdogans in der Türkei die ja auch eine Aufstiegsgesellschaft ist (oder war). Ich habe für diese Westler für mich den Begriff der „Wohlstandsdemokraten“ gefunden. Diese Haltung ist an die nachfolgende (meine) Generation zusammen mit großen Mengen Geldes vererbt worden, das heute in Berliner Eigentumswohnungen steckt (Glück gehabt) oder in hässlichen Einfamilienhäusern in der West-Provinz in die niemand mehr ziehen möchte (Pech gehabt).
    Im Osten blieb dieser Aufstieg großen Teilen der Bevölkerung verwehrt. Wenn es auch zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse und einer Befriedigung konsumtioneller Bedürfnisse kam so ging der gesellschaftliche Wandel doch mit Abstiegs- und Ausgrenzungserfahrungen einher die vom Konsum nur ungenügend kompensiert werden konnten. Auch dieser Erfahrungen wurden und werden an die nächste Generation weitergegeben. Mir haben während der Wahlkämpfe der Wendezeit die Menschenmassen auf den Ostdeutschen Marktplätzen mit ihren Deutschlandfahnen und ihren „Helmut, Helmut“ -Rufen große Angst gemacht weil ich mir nicht vorstellen wollte was passiert wenn diese riesigen Erwartungen vom Vereinigungsprozess nicht erfüllt werden können….
    Vielleicht ist die Wut vieler Ostdeutscher deshalb so groß weil sie im Wunsch der Einwanderer endlich zum Westen zu gehören wie man ihn aus Hollywoodfilmen und Fernsehserien kennt Ihre eigenen unerfüllten Träume und Hoffnungen wiedererkennen.
    Ich denke dass die Lage in der USA ähnlich, wenn auch durch fehlende soziale Sicherungssysteme viel dramatischer ist. Denn auch dort verabschiedet sich eine Aufstiegsgesellschaft aus dem gesellschaftlichen Leben.
    Spannend ist für mich die Frage die Eure Generation im Westen beatworten muss: Sind aus Wohlstands- auch Vernunftdemokraten geworden? Für den Osten sehe ich ziemlich schwarz denn eine feste Verankerung im westlichen Wertesystem hat dort offensichtlich bis heute nicht stattgefunden.

  3. Meine Eltern hatten nicht die geistigen Fakultäten, mich in einen Karriere-optimierende Lebensweise und zu lukrativen Berufszielen zu drängen — und jetzt Anfang/Mitte 30 erwische ich mich manchmal bei dem Gedanken, dass ich mir wünsche, sie hätten es gekonnt. Die Sinnsuche im Studium hat sowohl Spaß als auch Depressionen hervorgebracht und manche kleine Perle an verdichteten Erinnerungen entstehen lassen. Aber es mündet alles doch letztlich in der Verwertungslogik. Welcome to the machine.

    Jugendkultur hieße diese Logik mindestens momenthaft aber wiederholbar auszusetzen. Gelungen ist mir mehr oder weniger auf mich allein gestellt lediglich, die Momente vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte nachzuvollziehen (ich habe Literatur studiert) und mich mit schöner Regelmäßigkeit zu betrinken.

    Ich bin in den 90ern aufgewachsen, gehörte zum Marktsegment, dass ungefähr Nirvana und MTV aufgerissen hatten und habe das undeutliche Gefühl, dass es da noch so etwas wie eine Jugend-Identität gegeben hatte. Nicht jeder von uns Abiturienten wollte sofort erfolgreich erwachsen und zugleich ewig jugendlich sein. Vielleicht gab es das schon. Aber Coolness hieß damals, dass man drüber steht, über solchen Fragen. Eigentlich grund- und prinzipienlos und aus reiner Anmaßung des Ichs. Folglich gab es dafür kein Wort, erst Recht nicht “cool”: wir beleidigten alles, was wir respektierten. Alternative Jugendkultur war an sein logisches Ende geführt: auf einen kleinen utopischen Punkt. Man verachtete alles, was man mochte. Es war ein Stück Unabhängigkeit.

    Ich zitiere Pink Floyd als Säulenheilige für die Anti-Kommerzialisierung und das ist dreifach absurd: erstens natürlich ist Pink Floyd Kommerz, zweitens war das Individuum, das in die Fänge der Maschine geraten konnte, bereits sentimentale Erinnerung, drittens war das garnicht mehr unsere Frage, sondern bereits die Frage unserer Eltern. Ich habe einen leidlichen Überblick über die jugendlichen Kunst- und Kulturbewegungen des 20. Jahrhunderts. Trotzdem findet sich für mich kein neuer Ausdruck.

    Wir wissen gar nicht mehr, was das Fehlen von Jugendkultur eigentlich bedeutet. Was ist es genau, das da fehlt?

  4. Ohje, in der Regel bin ich der stille Hörer, nur werden hier Ebenen seziert, die an Gedankenimpulse eine Dauereintrittskarte vergeben, verbunden mit der Frage, was deine Hörer dazu denken, verselbstständigt sich das hier.

    Thema Suizid. Ich habe Menschen kennengelernt, deren Umstände solch Wirkung entfalteten und ich behaupte, dass die Drängung der als überfordernd wahrgenommen Umstände keinen Raum abseits des Ichs gewährt und nur noch der Gedanke der letzten Flucht bleibt. Hingegen kenne ich niemanden, der selbstbewusst suizidal war wie in der japanischen Kultur. Wenn während dieses intimsten Moments menschlicher Dunkelheit oder des Lichts, die Gedanken nur auf einen selbst fallen, kann man Narzissmus als Diagnose ungefragt gelten lassen? Ja, aber das ist nicht die Anschlussfrage, auf die unterschiedliche Kulturen unterschiedliche Antworten haben. Meiner Ansicht nach war doch die Narzissmusfrage Grundlage der unterschiedlichen Sicht auf den Selbstmord von Deutschland und Japan. Entsteht der Narzissmus tatsächlich ursächlich von Innen heraus als Ausprägung eines heroischen Selbstverständnisses oder ist er von Außen durch erdrückende Dringlichkeiten eingeimpft? Im Ergebnis denken beide an sich. Und genau das differenziert die Betrachtung der Selbsttötung in den unterschiedlichen Kulturen, wobei ich glaube, dass die Akzeptanz des Freitods stetig zunimmt, da die gefühlten Bedrohungen und Ängste eine immer größer werdende Schicht erreicht und somit gleichzeitig das Verständnis sich emanzipiert. Nach meinem Dafür eher aus der Dringlichkeits-Ecke statt derer der Heroik.

    Nun zum Hauptthema, Rentnerrepublik, fehlende Jugendbewegung. Ich teile deine Skepsis, die Generationen wieder zu vereinen oder zu entwickeln durch Auseinandersetzungen, Wechselwirkungen, Dialoge etc. Die Gesellschaft heutzutage löst das angesprochene Abgrenzungsverhalten aus, welches nur aktiv und bewusst überwunden werden kann. Versuche, im eigenen Dunstkreis schon Meinungsgegner an einen Tisch zu bringen, gleicht schon der Suche nach dem Bernsteinzimmer, wie soll es dann auf die Masse projiziert werden können, wenn es nicht einmal die Blaupause im Kleinen gibt? Autonome Einkesselung in der eigenen Informationswelt gepaart mit Unbeweglichkeit erzeugen zwangsweise eine solide Litfaßsäule. Zugekleistert ohne Ende, bunt wie ein Regenbogen und im Inneren weiter grau und ahnungslos.

    Wie das zu überwinden ist? Puh, wenn das nicht der heilige Gral ist? Ist diese Hürde genommen, steht dem Weltfrieden praktisch nichts mehr im Wege. Das Problem einer Menge an Individualisten, die sich bis zur Grenze des anderen bewegen und kooperieren bzw. diskutieren, ist die schiere Menge an Differenzen, die weder mit Toleranz noch gegenseitiger Rücksichtnahme zur Konsensfähigkeit ausgebildet werden können. Es bleibt neben der Entwicklung und Akzeptanz eines jeden einzelnen auch immer der immanente Verzicht eines jeden einzelnen. Mal größer, mal kleiner. Da die benannten Individualisten Menschen sind, gilt zu klären, ob diejenigen Inhaber des größeren Verzichtsanteils es gutheißen, dass es Menschen gibt, deren Anteil viel kleiner ist – Stichwort Gerechtigkeitsdebatte. Wie tolerant muss man sein, um anderen mehr gönnen zu können als man selbst hat. Für die einen ein Spaziergang, für andere ein Marathon, für viele eine rote Linie. Im letzten A! hervorragend rausgearbeitetes Problem: das „Sektieren“. Bildung könnte eine Antwort sein – nur ist der Humanismus und seine begleitenden Geisteswissenschaften leider unfähig, der Wirtschaft den ökonomischen Wert von Bildung zu errechnen. Aus diesem Mangel heraus und der hinzukommenden Untätigkeit des Staates fehlen die nötigen Investitionen in sie.

    Vorstellbar ist für mich nur eine Gesellschaft, in der die Individuen auch bereit sind, unüberwindbare Unterschiede zu akzeptieren. Sie sind einfach da. „Es passiert eben“ – Niemand ist verantwortlich dafür. Und da liegt doch der Hund begraben. Traut überhaupt noch jemand der heute auf dieser Welt lebenden Mehrheit an Menschen diese Fähigkeit zu? Genügt die wichtige Altersfrage? Soll heißen: Als Eigentümer des Patentrezeptes für friedvolle Verständigung untereinander auf den genannten Ebenen, selbiges ausgegeben an jedes einzelne Individuum, wieviele probieren zumindest dieses Rezept wirklich aus? Dann doch lieber das nächste Plakat ans Rondelle. Es gibt sicherlich tausend tragfähige Konzepte und Ideen, Dialoge und Debatten zu führen, an gemeinsamen Zielen zu arbeiten, sich zu verständigen – selbst über brückenlose Gewässer hinweg – die Idee, den menschlichen Egoismus zu überwinden um die Konzepte auch andocken zu lassen, fehlen allen Vorschlägen. Eine Überwindung des Egos ist gegebener Maßen eine Entscheidung des Selbst, von Innen heraus. Lässt sich dieser Prozess äußerlich anstoßen? Ja. Nur was braucht es bei den angestoßenen Personen? Empathie (gegenüber der gegensätzlichen Position). Finden wir diese bei den angesprochenen Individuen in der Mehrheit? Nein. Was finden wir? Angst (um sich und seine Sicht auf die Welt; mitunter das letzte, was „Abgehängten“ noch bleibt).
    ….

    Für jeden Versuch, diese Verrohung des Umgangs untereinander und Ignoranz gegenüber Mitmenschen insgesamt endlich zu überwinden, bin ich dankbar und gern unterstützend tätig. Den bisher mageren Ergebnissen zum Trotz, befinde ich diese Utopie weiter als meine persönliche Maxime. So unrealistisch und vielleicht auch unpraktikabel es ist, an so einer Gesellschaftshypothese festzuhalten, als so hoffnungsschöpfend empfinde ich es und das reicht mir. Mir würde auch ein humanistischer Diktator genügen, glaube ich. Was für eine Welt, in der Kriege illegal wären? Ich schweife ab.

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich denke deine Gesellschaftshypothese wurde in Haben oder Sein (Erich Fromm) beschrieben. Vielleicht eine Grundlage auf welcher sich eine entsprechende Utopie konstruieren lässt, jedenfalls sehen wir uns ggf. beim Schöpfen an der gemeinsamen Quelle der Hoffnung.

  5. Ich bin 21, habe schon ein Einser-Abi mit Panikattacken, ein FSJ (weil ich nach der Schule nicht sofort in die nächste Mühle wollte) und zwei Semester Informatikstudium hinter mir.

    Ich habe den Eindruck, dass ich mich von meinen Kommilitonen unterscheide, nicht nur, dass ich eine der wenigen Mädels hier bin und keinerlei Vorkenntnisse hatte, ich habe auch immer das Gefühl, dass die meisten Studenten hier so gar nicht klar kommen mit ihrem Leben und super unselbstständig sind. Alle sind dauernd am jammern, gestresst, kriegen nichts auf die Reihe. Ich selbst komme ziemlich gut klar und habe das immer damit begründet, dass ich durch meine Erfahrung im Abitur für die negativen Auswirkungen von Stress sensibilisiert wurde und meinen eigenen Umgang damit gefunden habe. Ich bin viel ruhiger und gelassener als meine Kommilitonen und weiß zwar auch nicht, wo es bei mir hingeht, bin aber zuversichtlich, dass das schon irgendwie alles wird. Warum die anderen das nicht hinkriegen war mir immer schleierhaft.
    Dein Podcast liefert jetzt eine ganz gute Erklärung dafür… Sie haben es alle nie geschafft, sich abzunabeln. Es ist einfach zu anstrengend, sich in all dem Karrierestress mit einer Generation anzulegen, die eh in Allem der gleichen Meinung ist wie man selbst. Ich hatte hier wohl das “Glück”, von relativ konservativen Eltern erzogen worden zu sein, die mich als Kind jede Woche in die Kirche geschleppt haben, ich hatte was, wogegen ich protestieren konnte und fühle mich jetzt auch ziemlich losgelöst von meinem Elternhaus. Ich bin weit weggezogen und während Kommilitonen jede Woche mehrmals mit “zuhause” telefonieren und in den Semesterferien für Wochen wieder bei ihren Eltern einziehen, melde ich mich alle paar Wochen mal und wohne auch in den Ferien in meiner eigenen Wohnung. Ich habe ein gutes, aber im Vergleich zu meinen Kommilitonen recht distanziertes Verhältnis zu meinem Elternhaus. Das führt dann wohl dazu, dass ich auch selbstständiger und entspannter bin als der Rest, wäre zumindest für mich eine vernünftige Erklärung.

    Übrigens bin ich viel auf der Studentenapp Jodel unterwegs – vielleicht auch ein ganz guter Indikator dafür, wie es “der Jugend” so geht, wie sie denkt. Da sammeln sich echt die weinerlichsten bis zynischsten Gestalten, die man sich vorstellen kann, alle sind gestresst ohne Ende, orientierungslos und müde.
    Und das finde ich schade! Mit 20-jährigen ist nichts zu machen, denen ist Politik sowas von egal, klar sind die alle gegen die AfD und für Toleranz, aber darüber hinaus ist es viel zu mühsam, sich mal mit einem Thema auseinanderzusetzen. Das ist ziemlich frustrierend, wenn einem nach Revolution ist und alle um einen herum damit beschäftigt sind, ihr Leben nicht auf die Reihe zu bekommen. Meine Generation hat keine Kraft.
    Und in diesem Punkt will ich mich selbst nicht herausnehmen, ich bin da auch nicht viel besser als der Rest. Ich bin zwar entspannt, aber auch schrecklich pragmatisch. Ich studiere auch aus dem Grund Informatik, weil man als Informatiker eher ein entspanntes Leben hat als in anderen Bereichen, und auch ich denke mir so oft, wenn es um komplexe politische Themen geht “Ach geh mir doch weg, ich hab genug an meinem eigenen Leben zu knabbern, will dass mein Leben ein gelungenes wird, da kann ich mich nicht auch noch für das bedingungslose Grundeinkommen einsetzen, viel zu stressig.”
    …schade auch für Deutschland.

    In dem Sinne, danke für diesen Podcast, danke für Aufwachen, Liebesgrüße und so weiter,
    Christine

    PS
    Ich würde gerne mal wieder Aufwachen auch finanziell unterstützen, aber ich habe im Moment sau kein Geld, deswegen bleibt es bei Mundpropaganda, sorry!

    1. Christina, Danke! Vor lauter Festbeißen an die herrschende Diskussionsunwilligkeit aufgrund festgefahrener Weltbilder und der angehängten Angst, diese aufgeben zu müssen, habe ich doch glatt vergessen über die zweite große Gruppe zu reden: Die „Ist-mir-egal“-Fraktion. Deine Schilderung trifft es exakt.

      Eine ebenfalls immer größer werdende Menge an Menschen, denen Egalismus statt Egalitarismus als Lebensmotto ins Hirn tätowiert ist. Und das betrifft vorrangig die Jugend. Und das ist doch phänomenal. Die Alten, die sich störrisch nicht einen Millimeter bewegen und die Jungen, die einfach keinen Bock haben, sich zu bewegen. Was soll aus dieser Kombination werden?

      Zum einen müsste also die Frage geklärt werden, wie gegen den egozentrischen (Alters)starrsinn wieder Argumente möglich werden und zum anderen benötigen wir eine Idee, wie die Unlust an (Jugend)bewegung wieder mit Lust an Engagement ersetzt werden kann.

      Damit landen wir dann wieder bei dem Heiligen Gral. Ein Teufelskreis, aus welchem nur entkommen werden kann, werden die Menschen wieder erreicht und nicht „verblödet“.

  6. Ich würde der These widersprechen, dass es keine Jugendkultur gibt. Ich würde eher sagen Jugendkultur spaltet sich in wesentlich mehr Subkulturen auf als früher. Es gibt aber trotzdem einige sehr prägnante Beispiele wie Hip Hop, der gerade bei männlichen Jugendlichen stark verbreitet ist und dessen Idole Vorbildcharakter für Viele haben. Bei den Mädels dürfte Heidi Klum und andere eine ähnliche Rolle einnehmen.
    Bei beiden Phänomenen steht Erfolg, Überlegenheit und Sexappeal im Vordergrund.
    Meine Theorie dazu, es ist das Ergebnis einer relativ unregulierten Werbeindustrie, denn sie hat diese Ziele als exzellente Werbefläche für Produkte erkannt. Auch wenn die eigentlichen Mechanismen warum Menschen auf Dinge wie Gewalt, Sex, Macht Attraktivität und Erfolg anspringen, viel tiefer liegen, so hat die Medienwelt diese Wirkungen in den letzten Jahrzehnten vervielfacht.
    Neben diesen “erstrebenswerten” Vorbildern gibt es auch noch eine Menge Jugendphänomene, die dazu dienen den Stress abzubauen oder davor zu fliehen. Filme, Serien, Computerspiele, Lets Plays, wo Leute anderen Leuten beim Spielen zukucken, andere Youtuber, Influencer, Kommunikations- Wett- Flirt- Porn-Portale.
    Aber es gibt auch noch eine Menge Einflüsse und Gruppierungen im echten Leben oder wo es Überschneidungen gibt, Autos, Sport, Mode, Kunst, Kultur, Drogen, etc.
    Ich glaube man sollte auch im Blick haben, wie sehr die Entfremdung der Arbeit und ganz besonders die Entfremdung zur Natur zugenommen hat. Das waren stets sehr wesentliche Faktoren, an denen Menschen erwachsen sind. Das wird sich kaum digital kompensieren lassen.
    Was mich in manchen Kommentaren immer wieder erstaunt hat war die tiefe Verbundenheit, die zum Beispiel ein Fan von Gronkh aufgebaut hat wenn er ein Kommentar schreibt wie: “Es tut so gut wieder deine Stimme zu hören.”
    Wenn man jetzt bedenkt wie viele Fans und Follower so ein Gronkh hat und dass der Altersdurchschnitt dort sicher einiges unter Zwanzig sein dürfte, dann steckt da schon ne Menge jugendliches Potential drin.

    Ansonsten finde ich, dass die Spaltung der Gesellschaft in alt und jung nur eine von vielen Trennlinien ist. Die Rechten entzivilisieren gerade die Gesellschaft anhand der Trennlinie schwarz und weis. Aber die entscheidende Trennlinie verläuft aus meiner Sicht zwischen arm und reich. Mit einer sozialeren Politik wäre Altersarmut in Deutschland obsolet, demographischer Wandel hin oder her.
    In Anlehnung an das erste Kommentar hier (ich finde übrigends alle bisherigen Kommentare zu der Folge sind sehr tiefgründig und interessant) würde ich auch sagen wir brauchen einen neuen progressiven sozialen Internationalismus, das Internet schafft eigentlich auch eine ideale Kommunikations- und Präsentationsplattform dafür und es wird ja auch immer wieder bei verschiedenen Protestaktionen und Bewegungen sehr effektiv genutzt zur politischen Teilhabe.
    Wenn aufgrund dem Druck solcher Strömungen dann demnächst statt der Abschaffung der Sommerzeit ein europaweiter kostenloser Öffentlicher Nahverkehr in Brüssel diskutiert würde, wäre meiner Meinung nach schon sehr viel gewonnen.

    PS: in der Taz war heute ein sehr interessanter Artikel über schwarz fahren. Wär vielleicht auch mal ein Thema, dass eine ausführliche Diskussion im Aufwachen-Podcast wert wäre.

    http://www.taz.de/Haftstrafen-fuer-Schwarzfahren/!5529577/

  7. Ich möchte nochmal kurz auf den Punkt “Korrelation/Kausalität zwischen Demographieentwicklung und Suizidrate” eingehen, weil mich gewundert hat, dass du versucht hast, aus der Suizidrate von Japan etwas über die Suizidrate von Deutschland abzuleiten, anstatt diese einfach direkt zu betrachten.

    Tut man dies nämlich, stellt man zum einen fest, dass es durchaus Länder mit einer deutlich höheren Suizidrate gibt als Japan. Zum anderen stellt man fest, dass die Suizidrate in Deutschland nicht übermäßig hoch ist.

    Interessant ist aber, dass die WHO in der Tat so etwas wie eine altersbereinigte Suizidstatistik erhebt, auch wenn der Zusammenhang zwischen Demographieentwicklung und Suizidrate nicht ganz so trivial ist wie vermutet. Außerdem ist interessant, dass das Geschlecht der absolut entscheidende Faktor zu sein scheint, nur in Bangladesch und China nehmen sich mehr Frauen als Männer das Leben. Und natürlich gibt es – wie bereits im Podcast erwähnt – regionale Unterschiede, die unter anderem kulturell zu erklären sind.

    Den ganzen Zahlensalat findest du hier:
    https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_suicide_rate

  8. Lieber Stefan,

    ich würde gerne auf die von dir angesprochene Jugendunterstützung eingehen:
    “Die Jugend fehlt überall nicht nur in der Kirche nicht nur in den Parteien sondern auch so neue eher soziale Bewegungen wie Pegida, AfD.” (Mega mit dem Transkript)

    Vielleicht dazu ein kleiner Erfahrungsbericht von einer jüngeren sozialen Bewegung, wenngleich diese noch durch keinen Namen definiert ist.

    Ich war gestern beim Hambacher Forst dabei und ja, die Zahlen gehen ja ziemlich auseinander heute. Ich bin mir sicher, dass es mehr als 2000 Leute waren, ob es dann wirklich 14 000 waren, weiß ich nicht. Vielleicht irgendwo so in der Mitte, bei 5000+ werden es schon gewesen sein. Und ich, mit 25 Jahren, würde sagen, war so mit die häufigst vertretene Altersklasse. Also es war bunt gemischt, auch viele ältere Menschen, aber eben auch ganz viele Menschen aus anderen Altersklassen. Es waren junge Familien mit Kleinkindern unterwegs, es war wirklich von allem etwas dabei. Sogar die armen Polizisten, die da seit Mittwochnacht im Dauereinsatz sind (undwahrscheinlich seit dem ihre Berufswahl verfluchen), sahen für mich recht jung aus.

    ” Vielleicht hatte Freud recht. Das Argument wird ja bis heute in der Philosophie mitgeschleppt vom Eros der in der Jugend drin steckt.”
    Der Eros der Jugend war zu spüren. Der Demonstrationszug, der ja eigentlich vom Wald fernbleiben sollte, hat sich nach ca. 30 Minuten dem Wald genähert und dann hat sich die Gruppe aufgeteilt. Ein großer Teil hat sich von der vorgegebenen Marschroute abgedreht, aufbegehrend im Sinne des Eros, und hat sich den Polizeiketten entgegengestellt. Viele haben diese durchbrochen, weil es einfach zu wenig Polizisten waren für die vielen Demonstrierenden. Gewaltvoll war es nicht wirklich, die Polizisten haben nicht sonderlich rabiat reagiert, die Demonstrierenden haben auch fast keine Aggressionen ausgestrahlt. Insgesamt sind aber doch so ca. 800 Personen in den Wald gekommen und konnten dadurch noch einmal verstärkt Unterstützung für die Baumhauseigentümer zeigen.

    Die Frage wäre jetzt, ob du hier deine These bestätigt siehst, also die jugendliche Unterfütterung der Bewegung als gegeben siehst?
    Oder siehst du die Bewegung als noch nicht groß genug an, um sie mit den von dir genannten negativ Beispielen (Afd, SA) zu vergleichen?

    Abhängig von deiner Antwort könnte man dann die Frage weiterführen, bzw. müsste man jetzt das Geschehen abwarten. Ich fürchte ja, dass es trotzdem zur vollständigen Räumung kommen wird.

    Ich freue mich auf den heute erschienenen Podcast,habe noch nicht reingehört. Hoffe, du greifst der Frage da nicht vorweg, aber der Beschreibung nach zu urteilen denke ich das nicht.

    Grüße aus Mainz,

    Marcel

Schreibe einen Kommentar zu Christine Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.