Wer sollte Adolescence jetzt sehen?

Dass ausgedachte Wirklichkeiten wahrhaftiger sein können als unser alltägliches Gerede über die Welt, in der wir leben, ist nicht neu. Aber was wir jetzt zu sehen bekamen, ist so real, dass es sich nicht fassen lässt. Was nun daraus lernen und wie damit umgehen?

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Wir haben im Februar, bei den kosmopolitischen Gefühlen, über das Wort Approximationshoffnung gescherzt. Ich hatte eine Fußnote nachgereicht. Jetzt ist die Zeit, es genauer zu erläutern. Die Approximation ist die Annäherung. Man kann aber nicht einfach von Annäherung schreiben. Annäherung, woran? Wir wären zu schnell bei Wünschen. Aber auch das geht schon wieder zu schnell, weshalb man nun an passender Stelle vom Desiderat sprechen sollte. Man wünscht sich etwas, weil offensichtlich etwas fehlt. So hangelt man sich durch das Angebot der Grundbegriffe und bleibt im Ungefähren – wir nehmen die Approximation und meinen damit nicht den Wunsch endlich ein fehlendes Ding zu kriegen, sondern wir meinen eher die Hoffnung auf einen Zustand. Der Rest bleibt unklar, viele Wege führen nach Rom.

Die Hoffnung ist demgegenüber ein Allerweltswort. Da können wir in der Alltagssprache bleiben. Hoffnung ist schon ausreichend unscharf. Am ersten Satz der Wikipedia zur Hoffnung wurde wahrscheinlich lange getüftelt:

„Hoffnung ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes eintreten wird, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht.“

Wikipedia

Das Wünschenswerte und die Ungewissheit, das sind die beiden, um die sich alles dreht. Man kriegt das Bündnis nicht zerschlagen: „Be careful what you wish for!“ Adoleszenz findet genau da statt. Der Begriff bezeichnet eine Zwischenwelt, bestimmt von vielen Approximationshoffnungen.

Dass in Adolescence, der Serie, etwas Schlimmes passiert ist, wissen wir, bevor wir die Serie schauen. Wer nur wissen will, wer der Täter ist, kriegt die Antwort schon auf dem Vorschaubild. Der (mutwillige) Tod ist im Fernsehen nichts Ungewöhnliches, im wahren Leben allerdings schon. Beides trennt auch eine Zwischenwelt, für die wir im Fernsehzeitalter schon keinen Grundbegriff hatten und heute dringend brauchen. Warum sind ausgerechnet Krimis so erfolgreich? Was zeigen sie und warum ist es für uns von Bedeutung?

Wir sehen, es wurde eine Tat begangen, die Tat ist die denkbar schlimmste, die Täterschaft ist eindeutig. Der Täter ist dreizehn, wir sind ihm ab jetzt näher als seine eigenen Eltern. Ab dem Polizeieinsatz gleich zu Beginn drehte es sich vier Stunden lang um Wünsche, Hoffnung und Annäherung. Es geht aber um nichts Wünschenswertes und nichts Hoffnungsvolles. Man versucht lediglich, die Distanzen wieder etwas zu verringern.

Polizisten, Eltern und Lehrer versuchen zu einer ihnen unbekannten Lebensform, deren Sprache sie nicht sprechen, deren Erfahrungen sie nicht teilen, die eigentlich auf einem anderen Planeten lebt, Kontakt aufzunehmen. Dem Nachwuchs Klassen- und Kinderzimmer zur Verfügung zu stellen und diese als Safe-Spaces zu verstehen, reicht nicht mehr. Männer versuchen Kontakt zu Frauen herzustellen. Mitarbeiter im Baumarkt versuchen, ihren Kunden hilfreich zur Seite zu stehen. Kaum eine dieser Kontaktaufnahmen gelingt. Britische Serien schaffen es häufig besonders gut, die soziale Landkarte ihrer Protagonisten als Trümmerlandschaft zu zeigen. So auch hier.

Wir sehen die Landschaft, in der wir alle leben. Ausgerechnet das Smartphone, von seinen Erfindern konzipiert als Kommunikator wie in Star Trek, um neue Welten zu erforschen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, hat uns an keine neue Zivilisation herangeführt, sondern den Heimatplaneten verwüstet. Im schlimmsten Fall, wie hier, sind Menschen tot, Biographien gebrochen und Familien zerstört.

Die Serie zeigt uns das Opfer nicht. Eine Familie hat ihre Tochter verloren. Diese Geschichte ist fertig geschrieben. Nur ein Dialog erklärt uns noch einmal die Endgültigkeit des Todes. Eine Biographie ist gegen alle Hoffnungen und Wünsche abgeschlossen. Die Kamera bleibt ohne Unterbrechung beim „Täter“, seine Geschichte wird gerade geschrieben. Nur ganz kurz ist sie wenigstens einmal am Tatort, auf eine Art und Weise, dass sich für diese Szene alles um die gekonnte Herstellung der Serie dreht. Die Kamera wird im laufenden Betrieb an eine Drohne gehängt und ein Kinderchor singt Fragile von Sting. Wir werden in diesem Moment ganz kurz erinnert, dass wir hier Fernsehen schauen, dass wir etwas sehen, das einem Drehbuch entsprang. Wir kriegen also einen Hinweis, dass alles ganz anders sein könnte, wenn man etwas anderes geschrieben hätte.

Aber dann sind wir schon wieder zurück im Geschehen und verstehen, das stimmt gar nicht. Ja, wir schauen Fernsehen. Aber nein, hier hätte man nicht einfach nur ein Drehbuch anders schreiben können. Dafür sind wir viel zu nah dran an einer uns unveränderlich scheinenden Welt. Uns berührt hier nicht die Raffinesse eines Autors, sondern die Hartnäckigkeit der Realität selbst und die ungewöhnliche Nähe zu den Protagonisten. Netflix brauchte den Todesfall. Die Serie handelt aber von etwas ganz anderem. Die ganze Technik und der logistische Ideenreichtum, die Handlung durchspielen zu können wie ein Theaterstück ohne Pause, macht etwas sichtbar, das sich nicht nur in der Gedankenwelt der Autoren abspielt.

Mit dieser Verdrehung spielt die Serie selbst. Sie zeigt uns Jugendliche, denen ein einzelnes Emoji die Welt bedeutet. Gleichzeitig sitzt deren Elterngeneration auf der Polizeiwache und grübelt, ob ein auf Video aufgezeichneter Mord, der alles zeigt, für eine Verurteilung ausreicht, ob das Video wirklich aussagt, was es zeigt. Alles ist verdreht. In den ersten Minuten sehen wir dutzende Erwachsene, die sich in strenger, zielorientierter, professioneller Aufgabenteilung um alle Angelegenheiten eines Jugendlichen kümmern und wir verstehen in dem Moment schon: Diese Aufmerksamkeit kommt viel zu spät. Hätte doch nur ein einziger dieser unüberschaubar vielen Menschen nur einen Tag früher mal ein halbes Auge auf diesen Jugendlichen geworfen.

Dass Twitter gerade kocht, weil sich dort Standard-Nutzer (ziemlich männlich, etwas über vierzig, etwas dumm, etwas unzufrieden, etwas bildschirmsüchtig) daran ereifern, dass es ja in der Realität mal einen Mordfall gegeben habe, in dem der Täter aber eine andere Hautfarbe gehabt habe, man bei Netflix aber lieber über Smartphones und Manosphere reden wollte, statt über die eigentliche Gefahr – muslimische Messermänner, ist witzig. Denn die tatsächliche Tatwaffe bleibt in der Serie verschwunden. Dort, wo man allerlei nützliche dual-use-Geräte für Morde findet, im Baumarkt, wimmelt es allerdings von potentiellen Tätern, die bereitwillig ihre Hilfe anbieten.

Man liest Twitter und denkt, ja, ja. Ja, nicht Messer töten Mädchen, sondern Menschen, genauer genommen Männer. Noch genauer lässt es sich aber ohne ins Ideologische und Idiotische abzudriften, nicht auflösen. Wer genau hinschaut, versteht schon früh, die Polizei sucht viel weniger ein Messer als ein Motiv.

Der andere Vorwurf ist interessanter. Incel mit dreizehn? Geht das überhaupt? Ist das nicht viel zu früh? Im viel beachteten Dialog zwischen Jamie und der psychologischen Sachverständigen geht es viel um die Frage, was man einen Dreizehnjährigen zu seiner Sexualität fragen dürfe. Der Zuschauer soll sich die andere Frage selbst beantworten: Ist der Dialog nicht zu klug geschrieben für einen Dreizehnjährigen? Die Antwort lautet natürlich: nein, es ist genau auf den Punkt. Ein Dreizehnjähriger, der mordet, ist ungewöhnlich, aber möglich. Und so gilt es auch für seine Verfasstheit und sein Verständnis.

Adolescence zeigt ungewöhnliche, aber genau so mögliche Gespräche mit Jugendlichen. Nur ließen sich diese Gespräche ja auch mit viel weniger dramatischen Anlässen führen. Dafür muss niemand sterben. Man muss lediglich die jungen Leute als vollständige und ernstzunehmende Mitmenschen wahrnehmen. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die große Frage von Adolescence ist: Was können wir jetzt für unsere Kinder tun? Wie können wir sie am besten in dieser schwierigen Lebensphase unterstützen? Wie lange sollen wir ihnen ihre Smartphones wegnehmen? Sondern andersrum. Die Serie führt uns junge Leute vor Augen, die ihren Eltern (insbesondere ihren Vätern) ständig den Arsch retten.

Ausgerechnet die Männer, die sich über emotional support pets am meisten lustig machen, haben sie am dringendsten nötig. Und während diese Männer sehr gute Übung haben, sich gegenseitig darin zu bestätigen, dass sie die größten sind, wissen ihre Kinder sehr gut über sie Bescheid und nehmen sie – wie in der Serie mehrfach eindrucksvoll gezeigt – im richtigen Moment zur Seite, spielen mit, stehen bei, zeigen unendlich viel Geduld und haben immer Verständnis. Und genau dabei werden sie so alleingelassen, dass das Zuschauen schmerzt.

Der britische Premier Keir Starmer hat die Serie mit seinen Teenagern zu Hause gesehen und dann angeregt, dass Adolescence in allen Schulen Großbritanniens gezeigt wird. Tja, das ist mal wieder knapp daneben. (Typisch Mann.)


Alle Texte als Podcast (ki-gelesen) und demnächst REDAKTIONSSCHLUSS als kommentiertes Hörbuch (von mir gelesen) gibt es bei Steady.


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