Das demografische Dilemma

Donnerstag, 19. September 2019, 12:55 Uhr

Es fehlen Lehrer, und zwar zunehmend mehr, da künftig wieder mit 100.000+ mehr Kindern pro Jahrgang gerechnet wird als in den vergangenen Jahrzehnten. Das ist kein großes Problem, da sich der Lehrerbedarf einfach ausrechnen lässt und die Attraktion des Berufs hoch ist. Ok soweit. Nun steht das Lehramt als sozialer Beruf allerdings in Konkurrenz zur Altenpflege. Denn das Erwerbspersonenpotenzial ist klein – Deutschland erlebt nicht nur einen Rekordwert an Rentnertn und eine neue Kinderflut, sondern dazwischen liegt ein demografisches Tal mit eine Knappheit an Berufstätigen. Nachwuchskräfte, die gerne mit Menschen arbeiten, werden sich fragen, ob sie lieber mit Kindern oder mit Senioren ihre Berufslaufbahn verbringen möchten. Und politisch setzt der Ökonom Raj Chetty noch einen drauf: Investitionen in Kinder zahlen sich häufig von selbst. Die Alten dagegen kosten.

Ich empfehle euch Katja Salomos Interview und Ezra Kleins Gespräch mit Raj Chetty.

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7 Gedanken zu „Das demografische Dilemma“

  1. Hallo alle,

    Ich wollte nur einmal teilnehmen am schreibenden denken.
    Mir fällt immer mehr auf, dass der alters Konflikt auch zunehmend mit einem Konflikt auf dem Arbeitsmarkt zu tun hat. Junge Leute und urbane Menschen sind sehr viel flexibler was ihre Arbeit angeht, ein Job wechsel ist in meiner “Berlinerblase” vollkommen selbst verständlich, mal arbeitet man als Foodora Fahrer*in, dann arbeitet man im Café oder an der Uni. Dies ist beschränkt sich nicht nur auf die jungen Leute auch ältere urbane sind davon betroffen. Veränderung erscheint natürlich.
    Auf dem Land und bei älteren Leuten also Ü50 dagegen gibt es Jobs wie Landwirt*in und Kohlearbeiteter*in generell Ausbildungsjobs, die nicht sonderlich flexibel sind. Veränderung bei der Arbeit könnten also daher er selten erscheinen. Dem nach liegt es mir sehr nahe, dass Veränderungen im Beschäftigungsverhältnis Unsicherheit schaffen. Die Veränderung des Arbeitssektor sind wahrscheinlich auch deswegen sehr bedrohlich da es nicht so viele Dienstleistungsjobs auf dem Land gibt. Diese Angst findet meiner Meinung nach auch darin Begründung, dass Ausbildungen zunehmend zu unflexibel sein werden um sich den Veränderung auf dem Arbeitsmark zu stellen. Wenn Ausbildungsjob immer unattraktiver werden, dann gehen die jungen Leute in die Stätte um zu studieren. Landflucht und Generationskonflikt begründen sich sehr stark in zunehmender Flexibiliesierung auf dem Arbeitsmarkt.

    Die zunehmende Landflucht und Abnahme der Lebensqualität hängt also mit einer Zunahme vom Dienstleistung Sektor zusammen und der damit zunehmenden Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, auch kann die Landbevölkerung nicht sonderlich stark von vielen Dienstleistungsjobs profitieren dies begründet sich darin, dass die Bevölkerungsdichte auf dem Land einfach für diese Jobs zu klein ist um damit Profit zumachen.

    ich habe leider keine Daten um dies zu begründen, aber ich denke das dies intuitiv schon Sinn ergibt. ich habe allerdings angst vor diesem Fazit, da ich nicht sehen kann, wie diese Veränderung positiv für die Landbevölkerung werden kann. möglich wäre es die Infrastruktur (Internet, Nahverkehr, hoffentlich nicht mehr sinnlose Straßen …) so weit auszubauen, dass sich Diensteleistungjobs auch außerhalb von urbanen Zentren ansiedeln können. diese Überlegung reicht jedoch nicht aus um die unterschiedlich Lebensqualität von Stadt und Land vollkommen zu erklären.

    ich hoffe diese Überlegung ist neu für euch, auch wenn ich sie im allgemeinen für sehr offensichtlich halte. ich hatte nur noch nicht gehört, wie Stefan einen Zusammenhang zwischen des Wachsen des Dienstleistungssektors und des Generationen Konfliktes hergestellt hatte.

    bis denne.

  2. Herr Lorz unterschlägt ein paar wichtige Details.

    1. Die KMK hat auch fein vergessen, die Statistik durchgehend fortzuführen.
    2. Lehrstühle für Lehramtsstudiengänge wurden teilweise gestrichen.
    3. Die Länder haben teilweise echt schlecht Wetter gemacht, was die Einstellungschancen angeht.

    Es ist also auch ein politisches Problem. Dazu ist die Schieflage auch noch bei den Fächern da. DeutschlehrerInnen haben wir wie Sand am Meer, Englisch auch, Mathe? Physik? Da musst du ja ein “schweres Studium” machen. Grundschullehramt ist übrigens so komplex in der Ausbildung, dass viele Unis da genau eine Lehrkraft für spezielle Dinge haben und damit NCs einführen müssen.

    Die Lösung für Lehrer aufm Land ist übrigens einfach: Verbeamtung. So macht Bayern das: du bekommst ne Planstelle, aber halt am Arsch der Welt. Willst du die Sicherheit und Perspektive? Dann bitte ein Naila.

  3. Ich habe den Podcast kurz unterbrochen, weil mir etwas aufgefallen ist. Du beschreibst es als quasi selbstbeschreibende Logik, dass jemand der gerne mit Menschen arbeiten möchte die Arbeit mit Kindern der mit Senioren vorziehen würde. Das mag für dein Bauchgefühl stimmen, aber mir erschließt sich das nicht. Ich persönlich habe zum Beispiel Soziale Arbeit studiert, die mich zur Arbeit sowohl mit Kindern als auch mit Senioren befähigt und würde die Altenarbeit sofort vorziehen, weil der Umgang beispielsweise mit Demenzkranken mir einfach mehr liegt. Vielleicht bin ich da ein Aussenseiter, und sicherlich gehen viel mehr Leute in ein Studium der Sozialen Arbeit weil sie mit Jugendlichen arbeiten wollen – aber das liegt eben auch daran, wie die Arbeitsplätzeverteilung momentan aussieht. Gleichzeitig meine ich mitzubekommen, dass beispielsweise Studiengänge wie Pflegewissenschaft ziemlich nachgefragt sind.
    Vielleicht ist das am Ende alles marginal und irrelevant, aber ich hatte das Gefühl hier über eine von dir angenommene Selbstverständlichkeit gestolpert zu sein auf die ich dich gerne hinweisen wollte, falls du nochmal genauer darüber nachdenken möchtest.

  4. Lieber Stefan,
    danke, dass Du uns an Deinem sprechenden Denken teilhaben lässt. Sowohl das “Talk Radio” als auch “Aufwachen!” sind substantiell bereichernde Anregungen für meine eigenen Perspektiven.
    Allerdings scheint das Schulsystem in Deiner Vorstellung eher in seinen stereotypisierten und entstellend verkürzten Formen aufzutauchen – dies wurde leider zuletzt nicht nur hier sondern auch bei “Aufwachen!” (Folge 400) sehr deutlich. Dein interessanter analytischer Ansatz greift so auf ein gesellschaftliches Subsystem zu, welches Dir nur in Bruchstücken vorliegt, weshalb ich hier eine Anregung zur Perspektivenweiterung geben möchte.
    Ich arbeite seit zehn Jahren an verschiedenen Stellen im Schulsystem und bin derzeit an einem Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung verantwortlich für die Ausbildung angehender Lehrerinnen und Lehrer aller Fächer und Schulstufen in ihrer zweiten Ausbildungsphase (Referendariat). Es gibt aus meiner Erfahrung absolut keinen Grund dafür, anzunehmen, dass Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter im Prozess ihrer Berufswahl vor dem Hintergrund der Kriterien “soziale Tätigkeit” und “mit Menschen arbeiten” zwischen der Arbeit mit alten oder jungen Menschen abgewogen hätten. Grundsätzlich ist die von Dir in diesem Zusammenhang vorgetragene These lediglich mathematisch nachvollziehbar, aber bezogen auf die von Dir fokussierten Berufsfelder nicht belastbar. Die Nichtbeachtung der im Bereich der Geriatrie anzusiedelnden Pflegeberufe im Kontext der Berufswahl junger Lehrerinnen und Lehrer in allen Schulformen und -stufen hängt sicherlich auch mit der für die berufsbiographische Entscheidung für das Lehramt konstitutiven Verschränkung von spezifisch fachlichem und pädagogischem Interesse zusammen. Eine Interessenlage, deren Besonderheit keine Entsprechung in der Altenpflege findet. Einen weniger erfahrungsbezogenen und mehr evidenzbasierten Blick ermöglich die Ausgabe 4/ 2018 der Zeitschrift für Pädagogik “Bildungswahl und Bildungsverläufe”, in der meine Eindrücke bestätigt werden. Die Haltung und das berufsbezogene Selbstverständnis der Referendarinnen und Referendare sind deutlich auf die pädagogische Arbeit mit im Entwicklungsprozess befindlichen Kindern und Jugendlichen ausgerichtet, deren Übergang in Selbstverantwortlichkeit (die KMK würde hier von Mündigkeit sprechen) immer auch (aus der Sicht der angehenden Lehrerinnen und Lehrer) spezifisch fachliche Dimensionen hat und sich nicht eindimensional auf das “soziale” der Tätigkeit beschränken lassen.
    Im Interesse Deiner (aus meiner Sicht verkürzten) Schlussfolgerung dieser Hinweis. Liebe Grüße, R.

  5. Hallo,
    Sofern ich nicht die Podcast verwechselt habe, hast du gefragt, ob es politische Maßnahmen gibt um Lehrer auf das Land zu holen.
    In Sachsen gibt es seit einiger Zeit einen Zuschlag für Referendare, wenn sich ihre Schule in ländlichen Regionen befindet. Vermutlich soll das ein Argument für die Annahme von angebotenen Referendariatsplätzen steigern, die auf dem Land liegen. Und wenn dann der Referendariat in seiner Ausbildungszeit da erstmal Fuß gefasst hat, hofft man, dass die Person auch bleibt.

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