Gibt’s wirklich keine Millennials?

Montag, 12. November 2018, 14:19 Uhr

Ein Geist geht um in den Feuilletons. Plötzlich, heißt es, gibt’s keine Millennials mehr, keine Babyboomer und keine Generation X. Die 68er haben ja damals schon versagt. Alles nur eingebildet, herbeigetrickst und ausgedacht. Jetzt wird natürlich fleißig nachgeplappert, was man immer schon wusste. Aber, was liest man wirklich in Martin Schröders Text über den Generationenmythos? Steht da eine Absage an die Generationen drin? Welche X-, Y-, Z-Zuspitzungen sind wirklich „Kokolores“, wie er selbst im Deutschlandfunk sagt? Mit ihrer neuen Sicht auf die Unterschiede der Generationen stellen die Zählmeister der quantitativen Sozialforschung der Soziologie mal wieder ein Bein.

Max Gaines

Ich lese Martins Schröders Text „Der Generationenmythos„, empfehle euch aber „Die Diagnosegesellschaft“ von Fran Osrecki. Der Audioclip ist aus der Wochendämmerung. (Autom. erstellt. Trankript)

9 Gedanken zu „Gibt’s wirklich keine Millennials?“

  1. Moin Stefan,

    nicht jeder Artikel in der KZfSS schafft es, vor einem größeren Publikum in einem Podcast so detailliert gelesen und besprochen zu werden. Insofern hat Martin Schröder doch ganz gute Arbeit geleistet. Der Auftritt im DLF muss vielleicht eben auch als eine Art „Vorwort“ gelesen werden, das mehr der massenmedialen Logik entsprechen soll als wissenschaftlichen Standards – wenn wir dieses ‚Teasern‘ Hurrelmann und co zugestehen, sollten wir es Martin Schröder vielleicht auch nicht verwehren.

    Einen anderen, nicht so mathemagischen Zugang zu der Frage, ob es Generationen nun ‚gibt‘ oder nicht hat übrigens Axel Schildt vor zwei Monaten mit Bezug auf die 68er in der FAZ angeboten:

    http://blogs.faz.net/essay/2018/09/10/1968-was-die-revolte-auf-den-kopf-gestellt-hat-und-was-nicht-31/

    Ihm geht es darum „Generation“ als einen umkämpften Begriff, der in der Gesellschaft wirksam ist, zu rekonstruieren: Wer rühmt sich wann und wozu, einer bestimmten glorreichen Generation angehört zu haben und wer wirft wem wozu vor, einer ‚verkommenen‘ Generation anzugehören?

    Grüße
    Stefan

  2. Generation Y ist 85 bis 00? Dann gehört @dieKadda doch nicht dazu. Jeder hat seine eigenen Jahresangaben, das hilft doch auch nicht, oder doch?

    Wenn Soziologen über Gesellschaft und Generation reden ist das ganz interessant, aber wenn Manager und HR-Leute Individuen durch die Generationsbegriffen in Schubladen stecken und nicht rauslassen, dann ist das sehr ärgerlich.

  3. Hallo Stefan,

    vielen Dank für die inspirativen 80 Minuten. Gleich mal zur Sache. Ich habe den Eindruck, du verkennst hier ein wenig worum es Martin Schröder wirklich gehen könnte. Hier muss ich etwas in der Zeit zurück gehen und zwar in die ersten Jahrzehnte nach dem 2.Weltkrieg. Man könnte sagen die Disziplinen Sozialpsychologie, Psychologie und Soziologie legten in dieser Zeit ihre fundamentalen Grundsteine für den weiteren Verlauf in ihrer universitären Geschichte. Besonders interessant sind dabei die Experimente, von denen einige auch dem nicht-akademischen Publikum bekannt sein dürften, bspw.: Milgram Experiment, Philip Zimbardos Stanford Prison Experiment, Solomon Aschs Konformitätsexperimente, für interessierte noch Muzafer Sherif Robbers-Cave-State-Park und Henri Tajfel Entwicklung von Intergruppenfeindseligkeit u. dgl.
    Interessant ist dabei nämlich die Motivation die zum Teil hinter diesen Forschungen stand. Die Gräueltaten der Deutschen im 2.Weltkrieg führten bekanntlich auch in der akademischen Welt zu großer Verwunderung und damit auch zum Teil zu etwas abseitigen Spekulationen, es könnte ja sein, dass die deutschen genetisch dazu veranlagt seien oder das dieses oder jenes an den deutschen anders wäre als bei allen anderen Menschen usw. zusammenfassend bzw. abstrahiert würde ich sagen, haben sich also gewisse Vorbehalte aufgebaut, die mehr oder weniger herbei konstruiert waren. Mit den Worten Vorbehalte, Befangenheit (Biases) wäre dann auch die Richtung genannt, in die ich mit diesem Kommentar zumindest in der ersten Hälfte gehen möchte. Denn die sozialpsychologischen Forscher der frühen Nachkriegsjahre waren genau an solchen Phänomenen interessiert und siehe da, man kann Menschen scheinbar nicht so einfach in Schubladen stecken und behaupten die Deutschen seien so und andere seien eben anders, sondern Menschen verhalten sich je nach Kontext oder Situation anders, sei es in Gruppen variabler Größe, sei es gegenüber Autoritätspersonen usw. Ich möchte darauf hinaus, dass es Martin Schröder vielleicht anknüpfend an die entmystifizierenden Studien der frühen Sozialpsychologie darum gehen könnte, Befangenheiten, Attributionsfehler u. dgl. abzubauen bzw. langsam ab zutragen, denn es besteht ja kein Zweifel daran, dass sich spezifische Deutungsmuster bzgl. des Begriff Generation und dementsprechend auch bestimmte Zuweisungen und Einordnungen in die Alltagssprache und die Alltagspraxis eingeschlichen und verfestigt haben, ohne dass es hierfür wirkliche konkrete Anhaltspunkte gäbe, zumindest jenseits einer gefühlten Empirie.
    An Susannes Kommentar anschließend, möchte ich ihr beipflichten, denn derartiger Wildwuchs wie Ratgeberliteratur im Umgang mit den neuen Generationen und Coachings und Seminare für Manager bekräftigen nur weiter die Konstruktion, die dann durch Praktiken und deren Auswirkungen Realität wird. Ich meine mich auch noch daran erinnern zu können, dass in Einführungstexten zur Soziologie immer wieder betont wird Soziologie sei eben keine Alltagssoziologie, die Welt ist also nicht einfach so wie sie einem gefällt könnte man salopp sagen. Ich würde Martin Schröders vorgehen also eher hier verorten bzw. ich gebe mich nicht wirklich mit einem eher systemtheoretisch motivierten Argument zufrieden, es bringt nichts auf dem Schlachtfeld der Empirie mit größeren Kanonen anzurücken, man müsse eben anfangen zu beobachten.
    Man muss ja auch wirklich sagen, die beliebige Zuschreibung von Eigenschaften auf bestimmte Generationen hat gewisse Ähnlichkeiten zur Astrologie.
    Ich möchte an dieser Stelle auch nochmal anknüpfend an meinen letzten Kommentar Pierre Bourdieus Modus der Distinktion und Odo Marquards Satz, der Mensch sei ein zäsurbedürftiges Wesen heranziehen. In Fragen der Identitätsbildung und Verortung in der Welt, kann es nämlich eine enorme Entlastung (oder für dich Komplexitätsreduktion) darstellen, wenn es jenseits der individuellen Biographie Sinnangebote gibt, die einem diese ermöglichen. Um das umzusetzen spricht man dann eben nicht nur von Ich und Du, sondern von Wir und den Anderen und den spezifischen Unterschieden, statt den Gemeinsamkeiten. Ich sehe auch kein Argument darin zu sagen, man wächst heute ohne Fernseher auf oder man kauft heute keine Pkws mehr. Das sich die Welt in der wir leben, vor allem technologisch oder vereinfacht ausgedrückt in Ausprägung und Vielfalt an Gütern verändert sollte klar sein. Dennoch fällt es manchmal auf, dass Menschen scheinbar davon ausgehen, dass ihre „Gegenwart“ sich so wie sie ist in die Zukunft fortsetzt, denn anstelle des Fernsehers ist eben Youtube und Twitch u.dgl. getreten, der Trend zum Leben in der Stadt sorgt vorerst dafür, dass junge Menschen weniger Pkws kaufen, allerdings dann eben durchaus hochwertige Fahrräder, Laptops, Smartphones oder allgemein einen ausgewählteren Lifestyle pflegen (bsp. Kleidung und Ernährung) ich denke da kommt durchaus preislich ein Kleinwagen oder zumindest ein Gebrauchter zusammen.
    Zu den anderen Punkten, die du heranführst, die dann zu einer möglichen Schicksalsvergemeinschaftung führen würden: hier könnte man die langanhaltende Jugendarbeitslosigkeit in den südeuropäischen Ländern heranziehen. Selbst wenn man auf irgendeine Art und Weise der Vorstellung nachgeht, die Jugend schweißt sich hier zu einer Gemeinschaft zusammen usw. haben derartige gesellschaftliche Situationen Auswirkungen auf alle Teilbereiche (Wirtschaft, Politik, Kultur usw.) der Gesellschaft und damit hat man es eben wieder mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, die dann auch Lehrer, Eltern, Politiker, Ausbilder usw. mitbekommen und prägen.
    Was das Stichwort Geburtenraten anbelangt, hier gibt es in allen entwickelten Ländern einen starken Zusammenhang zwischen BIP Pro Kopf und der Fertilitätsrate – reiche, entwickelte Länder tendieren zu Familien mit einem bis zwei Kindern. Des Weiteren gründen Akademiker tendenziell erst nach Abschluss des Studium Familien, in entwickelten Ländern ist der Anteil der Akademiker an der Bevölkerung höher. Auch das Durchschnittsalter für erst gebärende steigt in allen entwickelten Ländern in den letzten Jahrzehnten an.

    Was heißt das alles? Man hat es mit der sogenannten modernen Gesellschaft mit einem sehr jungen und sehr dynamischen Phänomen zu tun, zu glauben partielle Phänomene würden sich in die Zukunft weiter fort schreiben halte ich für naiv. Auch das Vorhaben gesellschaftliche „Großereignisse“ der eigenen Vergangenheit als Ankerpunkte für irgendeinen Vergleich heranzuziehen ist meiner Ansicht nach nicht erkenntnisfördernd.

  4. Hallo Stefan,
    Habe gerade nach Masterstudiengängen gesucht, und gesehen, dass es an der TU Dortmund einen Master in „Alternde Gesellschaften“ gibt. Wollte ich nur mitteilen, vielleicht kannst du mit der Info ja was anfangen (Interviewpartner, Forschungsprojekte usw.).

  5. Danke Stefan,
    hat mich wieder sehr angeregt zu Denken.
    Fand vor allem auch diesen Gedankengang mit der Abgrenzung über, das nicht erlebte interessant.
    Zwei Punkte die mir einfielen sind erstens der von Frauen, vielleicht könnte man an ihnen alleine einen signifikanteren Wechsel generationsspezifischere Ausprägungen erkennen.
    Der andere wäre der, (eh ganz bekannt), in Richtung Kognitionspsychologie gedacht, also dass es zum Bsp. gewisse Entwicklungszeiten Prägephasen der Kindheit gibt ,wo bestimmtes lernen leichter fällt.
    siehe Sprache die natürlich an Wortschatz, Grammatik geknüpft ist, eine Unglaubliche Anpassungsleistung die tief in unseren Körper eingegraben wird ( bsp. hierführ welche art von Phoneme wir akustisch unterscheiden lernen, aber auch unser Artikulationsapperat der eingestimmt wird ganz Differenzierte Laute von sich zu geben) Jeder weiß als Erwachsener muss alles hart erarbeitet werden, auch die Fingerfertigkeit fürs Klavierspielen wie du Stefan mal beschrieben hast. Jede Technologie die in unser Kindheit ganz selbstverständlich in unser Umgebung ist, wird antizipiert werden, und zwar besser als diejenige die eine Generation später auftritt. Verändert sie auch unser denken, oder ist Oma Erna etwa kein Fernsehopfer? (Oma Erna wie Fernsehopfer sind Wörter die ich von dir habe aber nicht in der Kombination oder vielleicht nur andeutungsweise ) Und da bin ich dann wieder bei den Frauen, hier scheint sich doch anhand diese Statistik über die Glaubwürdigkeit der Fernsehnachrichten (ich glaub darauf bezieht ihr euch im Aufwachenpodcast ), ein Bezug auf Generationsunterschiede im Verhalten und schließlich auch in der Einstellung abzuzeichnen. Oma Erna stammt aus einer Generation wo Frauen ihr kritisches denken häufig in der Knödelakademie (österreichisch für glaube ich Hauswirtschaftslehre) erworben haben. Damit will ich nur sagen das Zeitgeist und Generation sich nicht ganz trennen wird lasen können, vielleicht kann man sich es eher vorstellen das die vorige Generation denn Zeitgeist schaft den die Neue selbstverständlich aufnimmt, für die eine wäre es dann ein Prozess und für die neue eine Gegebenheit. (Und weil die alte es sich erarbeiten musste hängt sie auch stärker an ihr?)
    So schreibendes Denken, (die neue Entschuldigung für das Partizipationstheater das man treibt) vom hundertsten ins tausendste, das ist die Gedankenkaskade die du bei mir wiedermal ausgelöst hast.

  6. #Rentnerrepublik UK:

    BBC Three (Jugendkanal) gab gruenes Licht fuer eine neue doku Serie ueber U30: „getting fucked, who is fucking us“.

    Presenter ist Blindboy, ein Satirist/Stand-up Comedian. Via YouTube zwei Previews[1]. Nicht zu vergessen, BBC Newsbeat’s mini-doc „Generation Rent“[2]

    BBC Three „With a combination of investigative journalism, undercover filming, and jaw dropping stunts, satirist Blindboy is on a mission to undestroy our broken housing system.“[3]

    [1] https://www.youtube.com/watch?v=wlhWFvnuYko & https://www.youtube.com/watch?v=bqqwTyGuenU
    [2] https://www.youtube.com/watch?v=nX87pxmtvEQ
    [3] https://www.bbc.co.uk/programmes/p06p3kj4

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