Nachrichtendiät
Constanze Kurz
Es ist immer wichtig, mit Constanze Kurz zu reden. Allerdings sind die Gelegenheiten für gewöhnlich rar. Insbesondere als Mitglied der Sprecherriege des Chaos Computer Clubs führt sie entweder gerade ein Gespräch oder ist alsbald für eins verabredet. Als ich sie antreffe, an einem ihrer arbeitsfreien Tage, findet sie vor einem Radiointerview Zeit, um mir ihre aktuellen Eindrücke aus der Medienwelt zu schildern. Sie sammelt sie zahlreich. Seit mehreren Jahren schreibt sie für die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« eine Feuilleton-Kolumne, sie arbeitet für »netzpolitik.org«, als Autorin mehrerer Bücher kennt sie das große Verlagswesen, und als Gesprächsgast ist ihr das mediale Alltagsgeschäft im Fernsehen und im Radio vertraut.
Ich begann mit einem tagesaktuellen Thema: Am Tag unseres Gesprächs fiel am Morgen für mehr als drei Stunden das Netz von Unitymedia aus. Hunderttausende Haushalte und Unternehmen zwischen Frankfurt und Münster mussten für mehrere Stunden auf das Internet verzichten. Wäre dasselbe mit der Energie- oder Wasseranbindung passiert, wäre es ein massenmediales Thema geworden, behauptete ich. Über den Netzausfall jedoch wurde geschwiegen, auch von Unitymedia. Wieso eigentlich? »Ich versuche immer, solche Vorfälle mit analogen Fällen zu vergleichen. Wenn in Berlin ein Wasserwerk ausfällt, ist das auch kein Bundesthema«, antwortet Kurz. Als ich versuche, einen Ausfall des elektronischen Börsenhandels im Oktober 2014 ins Spiel zu bringen, betont sie aber noch einmal ihre Zurückhaltung. Auch der Komplettausfall der Deutschen Börse – der damals für rund neunzig Minuten in der Mittagszeit anhielt und von dem anschließend kein Journalist berichtete – müsse nicht zwingend ein Thema der Massenmedien sein. Schon früher sei das nicht anders gewesen.
Dennoch, sagt Kurz, und bestätigt endlich meinen Eindruck, stimme es, dass sich »Journalisten sehr schwertun mit der durchtechnisierten Welt«. Man müsse, um das zu sehen, nicht auf Sondermeldungen zur Börse warten, sondern könne auf die tägliche Börsenberichterstattung schauen. Sie versinnbildliche, wo durchaus ein grundsätzliches Problem liegt: Es ist schwer, vom Innenleben der Computer zu berichten. Also stellt man lieber Journalisten in einem Gebäude namens Börse vor eine Kamera und tut so, als wäre in den vergangenen hundert Jahren nichts passiert. Nur habe auch das mit dem Medienwandel und der Entwicklung des Internets erst einmal wenig zu tun. »Vielleicht verklären wir heute die Vergangenheit«, sagt Kurz.
Unter dieser Prämisse lassen sich dann auch die privaten Nachrichtendiäten, von denen wir schon gehört haben, und insbesondere die von Constanze Kurz, gut verstehen. Die neuen medialen Möglichkeiten sind dann nämlich vor allem Zugaben, eine Chance auf Selbstbestimmung, die vorher nicht gegeben war und die sich heute mehr oder weniger konstruktiv nutzen lassen. Constanze Kurz treibt dabei manches Prinzip auf die Spitze.
Befragt nach ihrem Medienverhalten, erklärt sie beispielsweise, wie sie rund zwanzig verschiedene Twitter-Accounts nutzt, die sie sorgfältig kuratiert und regelmäßig sortiert. Manche dienen der Unterhaltung und werden eher durchgescrollt. Andere beinhalten essenzielle Nachrichten und werden aufmerksam gelesen. Je Account folgt sie rund hundert Personen oder Organisationen, jedoch nie mehr als zweihundert. Um auf sie zuzugreifen, ist sie auf verschiedenen Geräten unterschiedlich bei Twitter angemeldet und nutzt auf Computern beispielsweise mehrere Browser. Das klingt nach einer reichhaltigen Nachrichtendiät, die Tiefe und Variation garantiert. Dennoch ist das nur eine Facette. Als Zweites spreche ich mit ihr über RSS-Feeds. Große Medienhäuser und viele Blogs publizieren ihre Inhalte parallel zur Veröffentlichung auf der eigenen Website auch in maschinenlesbarer Form. Die Technologie verband ihr Erfinder, Dave Winer, mit einem programmatischen Namen: RSS, »Really Simple Syndication«. Sie lassen sich tatsächlich einfach lesen, da es für sie spezielle Lesesoftware gibt, die wie ein E-Mail-Programm funktioniert. Wann immer ein neuer Text, Audio-Podcast oder Videobeitrag publiziert wurde, tauchte er in dem Reader auf. Einen der beliebtesten betrieb bis Juli 2013 Google. Doch dann stampfte das Unternehmen seinen »Google Reader« ein, was viele treue Fans der Technologie, zumeist News-Junkies, im Unklaren und in Trauer zurückließ.
Constanze Kurz abonniert derzeit rund 250 Quellen, und sie glaubt an ein »Revival des Feeds«, der nämlich 2015 plötzlich als zentrale Technologie in »Apple News« eine Rolle spielt, und damit auf den Geräten von Hunderten von Millionen von iPhone-Nutzern. Hat man sich ein paar Minuten mit dem Funktionieren der Technologie befasst, ermögliche sie einen »sehr bequemen und zudem trackingfreien« Umgang mit den heutigen Angeboten der Medienwelt, sagt Kurz. Schon hierbei setzt sie also auf jahrzehntealte Technologie, Ähnliches gilt auch für E-Mail-Newsletter, die sie ähnlich wie Konrad Lischka nutzt. So gelingt ihr eine umfangreiche, aber überschaubare, variationsreiche, aber kontrollierbare Nachrichtendiät. Finden dabei das Fernsehen oder die Zeitung überhaupt noch Platz? Das Fernsehen nicht, sagt sie, aber hin und wieder kauft sie auch Zeitungen. Häufiger allerdings liegt sie noch aus, wo auch sie häufig ist, im Zug oder im Hotel. Zwar entspanne sie das Lesen auf Papier, doch einen zentralen Platz habe die Zeitung in ihrem Medienverhalten nicht mehr.
An dieser Stelle beschreibt sie ihr »stark gewandeltes Medienverhalten«, in dem sie bei sich »in den letzten Jahren deutliche Veränderungen festgestellt« hat. In Zeitungen habe sie früher »mit Absicht immer auch Texte gelesen, deren Themen mich eigentlich nicht interessieren«. Diese bewusste Verbreiterung des eigenen Weltbilds falle ihr heute schwerer. Vom »Social-Media-Mainstream« wie Facebook hält sie sich bewusst fern oder nutzt ihn allenfalls zur Unterhaltung. Zur Information dienen ihr stattdessen auch neue Übersetzungstechnologien. »Ich kann heute Nachrichten lesen, die ich früher gar nicht verstanden hätte. Ich lese aber inzwischen Nachrichten auch in Sprachen, die ich nicht spreche. Auch wenn ich mir lieber Texte übersetzen lasse, deren Sprachen ich zumindest ein bisschen kenne«, sagt sie.
Wieder spielt die Selbstverständlichkeit des Netzwerks eine bedeutende Rolle. Anders als bei Empfehlungen per Twitter bleibt ihr als Vertrauensanker beim Lesen von Texten in fremder Sprache nur die Institution, die ihn publiziert. »Wenn ich Texte lese, die mir übersetzt werden von Sprachen, die ich nicht verstehe, dann bin ich sehr vorsichtig. Dann schaue ich beispielsweise nach, ob es sich um eine klassische journalistische Plattform handelt, auf der ich lese, oder ich gleiche ab, ob Nachrichtenagenturen oder Medienhäuser, die ich kenne, das Thema ebenfalls aufgreifen.«
Bewegt sie sich dagegen in ihrem Sprachraum, ist der Medienwandel in ihrem Medienverhalten absolviert: »Ich habe mich früher darauf verlassen, dass bestimmte Blätter für mich kuratieren, die ich dann abonniere. Heute vertraue ich häufiger einzelnen Menschen. Sie machen für mich eine gewisse Durchsicht, so wie ich für sie.« Aus dieser Perspektive kann sie auch über den häufig problematisierten Unterschied von Journalisten und Aktivisten unaufgeregt reden. Ein Journalist schreibe als Generalist, er beherrscht seine Sprache, ihre Stilistik, und er überschreite gesetzte Grenzen des sozialen Miteinanders nicht. In wenigen Punkten davon unterschieden, sei der Aktivist eher ein monothematischer Experte, der mit begründetem Interesse schreibt und seine Sprache nicht zum Kunsthandwerk stilisiert, sondern sie als Werkzeug nutzt, sagt sie. Als Beispiel nennt sie den amerikanischen Kryptografie-Experten Bruce Schneier, dessen Newsletter sie ausführlich lese.
Redet man mit ihr über ihn, bemerkt man, dass eine journalistische Tugend, wie sie beispielsweise Auszubildenden bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« gelehrt wird, an ihre Grenzen stößt: Es reicht bei vielen Themen nicht, nur gut recherchieren zu können. Man muss selbst Experte sein. Was nach einer Kleinigkeit im Ablauf einer journalistischen Ausbildung klingt, die sich durch geringfügige Änderungen beheben lassen könnte, bringt in der Summe allerdings die Fundamente des Medienbetriebs ins Wanken. Auch dafür steht im Besonderen die Arbeit von Constanze Kurz. In ihrem Verein, dem Chaos Computer Club, arbeiten seit mehr als dreißig Jahren unzählige Freiwillige daran, eine regelmäßige Jahresabschlusskonferenz auf die Beine zu stellen. Es begann in kleinem Rahmen und wuchs zu einer Massenveranstaltung mit mehr als zehntausend Teilnehmern, die nun die letzte Woche eines jeden Jahres das größte deutsche Kongresszentrum belegt. Aus soziologischer Sicht ist der Chaos Communication Congress durchaus ein funktionales Äquivalent zu gängigen Modellen der Massenmedien: Vor Publikum werden kollektiv die Probleme besprochen, die Anwesenden und Abwesende betreffen. Nur werden die Erträge der Kommunikation nicht täglich, sondern eben jährlich publiziert.
Diesen Vergleich lässt Constanze Kurz aus praktischer Perspektive nicht so einfach gelten. Hinter der Veranstaltung stecke »kein Masterplan, die Massenmedien zu ersetzen, und erst recht kein Profitziel«. Dennoch bleiben die funktionalen Ähnlichkeiten deutlich. Die Mitglieder des Chaos Computer Clubs organisieren die Veranstaltung nach ihrer eigenen Maßgabe. Das Programm, das an vier Tagen auf rund ein Dutzend Bühnen stattfindet, wird von einem »Content-Team« zusammengestellt. Dieses arbeitet inzwischen binnendifferenziert wie eine Redaktion, thematisch nach Ressorts unterschieden. Eine weitere Mannschaft kümmert sich um die Dokumentation der Veranstaltung. 2012 dauerte es beispielsweise noch Monate, die Videos der Vorträge zur Verfügung zu stellen. Zwei Jahre später geschah die Arbeit über Nacht. Diese Mühen orientierten sich vor allem an der Satzung des Chaos Computer Clubs, »Information und Wissen an die Öffentlichkeit zu geben«, sagt Kurz. Wenn auch die Wesensunterschiede frappierend sind, gilt doch: Viele Besucher kommen zu der Veranstaltung, um sich über die Themen, die sie betreffen, kollektiv zu verständigen. Es geht ihnen um gesellschaftlich relevante Themen, die sie in den Massenmedien nicht aufbereitet finden. Und sie zahlen dafür ähnlich hohe Preise wie für Jahresabonnements überregionaler Zeitungen. Tatsächlich zahlt ein substanzieller Teil der Anwesenden sogar freiwillig mehr. Und das Laufpublikum, das sich kostenlos per Internet mit den Angeboten der Veranstaltung befasst, ist heute beträchtlich. Eine genaue Analyse der Besucherströme nimmt der Chaos Computer Club zwar nicht vor, selten sind sechsstellige Zugriffszahlen auf die Inhalte des Kongresses allerdings nicht.