Das Ende der Zeitung
Die Wiederentdeckung des Publikums, als es sich aufdrängte
Vielleicht hilft es, dass die Redakteure nun zusammensuchen. Ebenso besinnen sich die Medienhäuser auf ein anderes Fundament. Sie entdecken ihr Publikum als »Community« neu. Als Vorreiter dafür gilt der britische »Guardian«, dessen Chefredakteur Alan Rusbridger im September 2014 den Plan vorstellte, aus Abonnenten der Zeitung Mitglieder der »Guardian«- Gemeinschaft zu machen. Wieder geht es um eine Form des Zusammenrückens, diesmal zwischen den Autoren und ihren Lesern. Wer als Abonnent bereit ist, sechzig britische Pfund pro Monat für die Arbeit der Redakteure zu bezahlen, bekommt die Gelegenheit, der Redaktion bei extra anberaumten Veranstaltungen zu begegnen. Es gehe dabei nicht um eine »Pay-Wall«, die den Leser zwinge, zu zahlen. Die »Guardian«-Mitgliedschaft sei stattdessen eine »physische Manifestation dessen, was man auf iPhones, iPads und Computerbildschirmen vom Guardian sehe«, zitierte Rusbridger bei der Vorstellung des Projekts David Pemsel vom Guardian-Verlag.10Sweney, Mark 2014. Guardian launches new three-tier membership scheme: New initiative aims to allow readers to get closer to the Guardian’s brand and open journalism philosophy. London. URL: http://www.theguardian.com/media/2014/sep/10/guardian-membership-scheme-patrons-kings-cross. Selbst der »Guardian« – mit weltweit mehr als hundert Millionen Lesern, obendrein mit hoher Relevanz, beispielsweise durch die damaligen Veröffentlichungen der Dokumente Edward Snowdens – leidet wirtschaftlich darunter, ein nur begrenzt vermarktbares »physisches« Produkt zu haben, nämlich eine Tageszeitung in Großbritannien mit einer Druckauflage unterhalb der Marke von 200 000.
Deutsche Medienhäuser sind selbst von solchen Diskussionen noch weit entfernt. Sie führen stattdessen öffentliche Diskussionen über ihren Umgang mit Leserkommentaren. Sogar die sich über Jahre als erhaben gebende »Frankfurter Allgemeine Zeitung« veröffentlichte Texte darüber, wie sie einzelne Kommentatoren zu Hause besuchte, um zu ermitteln, woher »der Hass« komme. Die »Süddeutsche Zeitung« hat zur selben Zeit ihre Leserkommentare nicht nur abgeschafft, sondern sogar alle bisherigen gelöscht. Die Redaktion stellt stattdessen täglich eine Handvoll Themen in einem abgeschotteten »Leserdialog« zur Diskussion. Die »Krautreporter«, ein Medienprojekt, das bis Herbst 2014 von mehr als zehntausend Lesern rund eine Million Euro per Crowdfunding einsammelte, um »den Online-Journalismus neu zu erfinden«, stellte die »Community« gar in den Mittelpunkt des journalistischen Handelns. Leserkommentare zu schreiben und zu lesen kostete plötzlich fünf Euro pro Monat.