Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen
Was vom Vertrauen übrig blieb
Das »Trust Barometer 2015« ist eine der ersten Studien, die es in Zahlen ausweisen: »Weltweit haben Internet-Suchmaschinen (64 Prozent) in diesem Jahr zum ersten Mal die traditionellen Medien (62 Prozent) als glaubwürdigste Quelle abgelöst.«28Hockling, Yvonne 2015. Zusammenfassung: Trust Barometer 2015 – Die Deutschen haben Angst vor Innovationen. URL: http://www.edelman.de/de/news-pressemitteilungen/edelman-trust-barometer-2015-die-deutschen-haben-angst-vor-innovationen-vertrauen-in-wirtschaft-ngos-und-medien-schwindet [Stand 2015–01–22]. Dass solche Ergebnisse Auswirkungen auf den Berufsstand der Journalisten haben, liegt auf der Hand. Einige von ihnen bohrten nach: »Das Misstrauen gegenüber Medien in Deutschland ist groß – und es wächst.«29Zeit 2015. Medienkritik: Deutsche haben wenig Vertrauen in die Medien. Zeit Online 24. Juni. URL: http://www.zeit.de/gesellschaft/2015-06/medienkritik-journalismus-vertrauen [Stand 2015–06–30]. Mit diesem Satz beginnt die kleine Meldung, mit der »Zeit Online« im Juni 2015 die Ergebnisse einer eigenen Studie vorstellte. Mehr als die Hälfte der von Infratest dimap Befragten gab an, »wenig« oder »kein« Vertrauen in die Medien zu haben. Die häufigsten Gründe dafür seien Vermutungen hinsichtlich »bewusster Manipulation«, »Einseitigkeit« und handwerklichen Unvermögens in den Redaktionen.
Verschwunden ist das Vertrauen nicht. Wie bereits das Geld im Mediensystem, hat es sich lediglich zu jemand anderem verschoben – zu jemandem, der sich darum bemühte, der um es kämpfte und dazu forschte. Nur weil nun wieder von den großen amerikanischen Informationsunternehmen die Rede sein wird, heißt das allerdings noch nicht, dass wie schon bei den redaktionellen Inhalten ein Raub stattfand. Facebook befindet sich zwar im Krieg gegen die Zeitungen, die Geschichte des Vertrauensverlusts in den Medienbetrieben beginnt allerdings lange vor Mark Zuckerbergs Offensive. Oben griff ich bereits die These von James Carey auf, der die Ansicht vertrat, dass der Journalismus seit »Watergate« an Einfluss verlor, weil er sich als Instanz der politischen Macht verstand und, wie George Packer darstellte, sich selbst als Teil des politischen Systems sah. Zu den genannten besorgniserregenden Zitaten gehören folgende Zahlen: Forscher des Journalism Projects des Pew Research Centers haben ausgezählt, dass die Anzahl angestellter Redakteure in den 1980er Jahren ihren Höhepunkt hatte und sich in den folgenden dreißig Jahren halbierte. Auf jeden Redakteur kommen heute 4,6 PR-Agenten. Zehn Jahre zuvor, 2004, waren es noch 3,2. In der Hochzeit des Zeitungsjournalismus, 1980, seien es gerade einmal 1,2 PR-Agenten pro Zeitungsjournalisten gewesen.30Alterman, Eric 2015. How P. R. Is Killing Journalism. Takepart.com 13. Februar. URL: http://www.takepart.com/feature/2015/02/13/pr-jobs-journalism-jobs [Stand 2015–03–28]. Eric Alterman, Professor für Journalismus an der New Yorker CUNY Graduate School of Journalism, ergänzt die Zahlen des Pew Research Centers noch mit anderen interessanten Kennzahlen, die Robert McChesney und John Nichols in ihrem Buch »The Death and Life of American Journalism« nannten: Der durchschnittliche Journalist verdient heute etwa 65 Prozent des Gehalts eines durchschnittlichen PR-Agenten. Das Fazit von Alterman fällt deutlich aus: Der Einfluss der PR-Agenten auf die Gesellschaft habe beträchtliche Konsequenzen für den Wohlfahrtsstaat und das Recht des Einzelnen, informiert zu sein. Auch er thematisiert den Wahlkampf 2012, bei dem der Journalismus »nicht mehr als ein Megafon« der politischen PR-Agenten gewesen sei. Dass heute mehr als die Hälfte der Studenten in Journalismusschulen schon während ihrer Ausbildung eine Karriere in PR-Agenturen anstrebten, verwundert ihn nicht.
All die Zahlen stammen wieder aus Amerika. Für Deutschland kann man keine nennen, weil keine erhoben werden. Wir können allenfalls raten, welche Ursachen den Ergebnissen mancher Meinungsumfragen zugrunde liegen. Laut dem »Trust Barometer 2015« sank das Vertrauen in »traditionelle Medien wie Zeitungen und Zeitschriften sowie Fernseh- und Rundfunksender« binnen eines Jahres seit 2014 – in dem sich diese insbesondere mit einer Berichterstattung zu Russland, Ukraine, Griechenland und mit Flüchtlingen beschäftigten – um elf Prozent. Ohne fundiertes Wissen darüber, wie die eigenen Medien konsumiert werden, was Vertrauen im Mediensystem ausmacht und wie eine Beziehung zum eigenen Publikum positiv gestaltet werden kann, äußern deutsche Verlagschefs nur Hoffnungen und Wünsche: »Wirklich verlässliche Informationen seien in der ›Gerüchte- und Verschwörungstheorieschleuder Internet‹ knapp. Und in einer modernen Sozialstaats- und Freizeitgesellschaft habe das Gros der Bevölkerung außerdem immer mehr Zeit und suche nach Zerstreuung, siehe die prosperierende Unterhaltungsindustrie. Nicht Aufmerksamkeit sei also das knappe Gut, sondern verlässliche Information vertrauenswürdiger Absender.«31Pimpl, Roland 2015. F. A. Z.-Chef Thomas Lindner: »Google argumentiert wie ein Senfhändler«. Horizont 20. Februar. URL: http://www.horizont.net/medien/nachrichten/F.A.Z.-Chef-Thomas-Lindner-Google-argumentiert-wie-ein-Senfhaendler-132971 [Stand 2015–02–21]. Dieses Statement zitierend zusammengefasst aus dessem Vertrag des Verlagschefs der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, Thomas Lindner, offenbart die Ahnungslosigkeit. Bietet das Internet denn tatsächlich nur haltlose Information, und ist dem Publikum, das angeblich immer mehr Zeit zur Verfügung hat und nach Zerstreuung sucht, eine Mitschuld an der Entwicklung zu geben?
Thomas Lindner, der 2014 bei Betriebsversammlungen die Redaktion darauf vorbereitete, die Zeitung künftig für einen Abonnementpreis von tausend Euro im Jahr verkaufen zu wollen, müsste doch ein anderes Wunschpublikum vor Augen haben und sollte nicht mit Facebook um Aufmerksamkeit konkurrieren. Sein eigentliches Zielpublikum, Entscheidungsträger in den Organisationen der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, hat er offenbar längst abgeschrieben. Ebenso merkwürdig ist die Charakterisierung des Internets als »Verschwörungstheorieschleuder«. Wenn man vom Internet spricht und dabei die Augen beispielsweise auf das von Lindner gemeinte Twitter richtet, könnte man von ganz anderem sprechen:
Seit 2014 arbeitet der Social-Media-Dienst, dem besonders häufig vorgeworfen wird, Propaganda und Hass zu verbreiten, mit IBM zusammen.32IBM 2014. Twitter and IBM Form Global Partnership. ibm.com 29. Oktober. URL: http://www-03.ibm.com/press/us/en/pressrelease/45265.wss [Stand 2015–04–05]. Die Daten von Twitter und die Erfahrung von mehr als 15 000 Mitarbeitern im Big-Data- und Analysebereich bei IBM, darunter allein vierhundert Mathematiker, wie IBM in seiner Pressemitteilung herausstellte, sollen künftig die Organisationen der Welt umkrempeln. Der damalige Twitter-Chef Dick Costolo münzte alle Anstrengung auf ein Ziel, nämlich Entscheidungsfindungen in Unternehmen zu vereinfachen. Wenn auch Watson, IBMs Expertensystem, das schon im amerikanischen Fernsehen die menschliche Quiz-Konkurrenz weit hinter sich ließ, lange kein großer wirtschaftlicher Erfolg für den Hersteller war, gilt doch, dass die Bauchentscheidung auf Basis eines Zeitungswissens im Management vieler Unternehmen aus dem Alltag verbannt wurde – und der Journalismus darauf keine Antwort fand, sondern so tat, als hätte sich nichts geändert.
Nun lesen also nur noch interessierte Freizeitleser – nämlich Rentner – Zeitungen, weil sie als Einzige noch eine Vorstellung von einer Arbeitswelt ohne Informationstechnologie haben. Sie unterstellen den Zeitungen, darüber zu informieren, was die Büros in den Chefetagen und ihre Vorzimmer bewegt. Schon dass der Chef nicht seine Mitarbeiter überwacht und befehligt, sondern von ihnen – wie Niklas Luhmann es nannte – unterwacht wird, stand nie in der Zeitung. Obwohl dort viele Sozialwissenschaftler als Journalisten arbeiten, die wissen, dass Organisationen aus mehr als Chefetagen bestehen. Darüber, wie sehr die Chefs heute von Informationstechnologien abhängig sind, können die Zeitungen nicht informieren. Dafür fehlt den Redaktionen die Kompetenz.
Weder Politiker noch Unternehmenslenker sind heute noch essenziell auf die Arbeit von Zeitungsredaktionen angewiesen. Also hat Thomas Lindner bei genauer Betrachtung wohl doch recht, wenn er Zeitungslektüre in Zukunft als Freizeitbeschäftigung sieht. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« stünde dann tatsächlich im Konkurrenzkampf mit Facebook. Aber Facebook würde Thomas Lindners Kritik am Internet gar nicht bestreiten wollen, sondern sie nur etwas geraderücken: Aufmerksamkeit bleibt das knappe Gut. Um sie und um nichts anderes wird gerungen. Gewinnen kann in der Aufmerksamkeitsökonomie allerdings nur einstreichen, wer auch tatsächlich als vertrauenswürdiger Absender verlässlicher Informationen gilt.
Wir haben bereits darauf hingewiesen, wie wenig Medienmacher, Medienkonsumenten und Medienwissenschaftler über das Vertrauen im Journalismus wissen. Abgesehen von abstrakten, aber brauchbaren (und ebenso streitbaren) Theorien der soziologischen Systemtheorie zum Vertrauen in der Gesellschaft wissen wir über massenmediale Kommunikation – als einseitige Informationsvermittlung unter Unbekannten – jedoch fast nichts. Wir können nur feststellen, dass es massenmediale Kommunikation gibt und dass wir uns an sie gewöhnt haben. Glaubwürdigkeitsbekundungen hin oder her, die Bedeutung von Gewohnheiten darf man nicht übersehen.