Nachrichtendiät
Konrad Lischka
Mit Konrad Lischka zu sprechen war mir ein besonderes Anliegen – aus Gründen, die Stefan Niggemeier an sich beobachtete, die ich an mir beobachte, und die viele andere an sich beobachten, ohne sich die Sache auch erklären zu können. Irgendwie spielen Netzwerke heute eine wichtige Rolle in unserem Leben. Das lässt sich nicht einfach mit dem Aufkommen sozialer Netzwerke im Internet abtun, auch wenn vieles mit ihnen zusammenhängt. Denn diese – die sichtbaren, benennbaren und geschäftstüchtigen Netzwerke wie Twitter, Facebook, YouTube und unzählige andere – beuten vielmehr ein tiefer liegendes generatives soziales Moment der Vernetzung aus, das das Internet selbst mit sich brachte.
Wir müssen dabei nicht hochtrabend eine Netzwerkgesellschaft diagnostizieren und so tun, als sei Vernetzung als soziales Phänomen erst mit technischer Unterstützung möglich. Denn es reicht auch, einzelne Punkte herauszugreifen. Beispielsweise diesen: Das Netz hat eine bisher unbekannte Form von Vertrauen geschaffen. Wir vertrauen heute Menschen, die uns manchmal nur als Profilbild bekannt sind, und die nicht einmal mit uns reden, sondern einfach kommunizieren. Ein bisschen kennen wir das schon aus dem Fernseh-, Radio- und Zeitungszeitalter. Neu ist allerdings, dass wir unbekannten Personen auch dann vertrauen und uns für sie interessieren, wenn sie ohne den Namen einer allgemein bekannten Institution im Rücken in unserer Medienwelt auftauchen. Konrad Lischka ist für mich eine dieser Personen.
Als ich anfing, ihm bei Twitter zu folgen, arbeitete er bei »Spiegel Online«, er durchforstete dort das Internet und schrieb über relevante Entwicklungen. Dass er beruflich die Institutionen wechselte, den Journalismus verließ, von Hamburg nach Düsseldorf zog, um dort für die Staatskanzlei der Landesregierung Nordrhein-Westfalens zu arbeiten, bekam ich alles gar nicht mit. Mir fielen nur immer wieder seine Empfehlungen auf Twitter auf. In meiner Timeline weckte sein Profilbild meine Aufmerksamkeit für die Tweets, die neben dem allmählich vertrauten Bild auftauchten. Ich bin dem also nachgegangen, und nun reden wir mit jemandem über die Medienwelt, der im Lokaljournalismus gearbeitet hat, der die großen deutschen Feuilletons als Autor von innen kennenlernte, der sie zum Abschluss seines Studiums für seine Diplomarbeit inhaltsanalytisch analysierte, der während dieses Studiums die Ausbildung bei der Deutschen Journalistenschule absolvierte, an mehreren Büchern mitarbeitete, die zum Teil in eigenständiger Verlegertätigkeit per Crowdfunding realisiert wurden; der mir dann als »Spiegel-Online«-Redakteur auffiel und heute als Referent Digitale Gesellschaft für eine der drei Landesregierungen (NRW, Bayern und Hamburg) arbeitet, die in Konkurrenz zueinander um den ersten Platz im inoffiziellen Ranking der deutschen Medienstandorte kämpfen.
Wir reden über Zeitungen, nachdem ich ihn gefragt habe, woran der Auflagenverlust der gedruckten Ausgaben liegt. »Wir haben heute eine falsche Wahrnehmung, weshalb Leute Zeitungen abonniert haben«, sagt Lischka. Zum einen sei die Zeitung ein alternativloses Angebot gewesen, man sei ihm bei Interesse an der Gesellschaft sozusagen ausgeliefert gewesen. Zum anderen habe die Unterhaltung eine heute oft übersehene Rolle gespielt. Das diffuse Gefühl für die soziale Umgebung, das Wissen über die Welt, in der man lebt, sei es lokal oder in größerem Rahmen, liefere heute das vielfältige Angebot auch neuer Mediengattungen. War die Zeitung eher eine unausgesprochene Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, führe das größere Angebot heute zu diverserer Nutzung, »die besser zu den Spezialisierungen und Vorlieben im Publikum passe«, sagt er.
Sollten wir die Zeitung also überhaupt vermissen? Geht mit ihrem Verschwinden ein Verlust einher? Zumindest die Autorität der lokalen Zeitungen sei verlorengegangen, sagt Lischka. Auch wenn es die Zeitung als Produkt in Deutschland noch zahlreich gebe, beobachtet er einen Funktionsverlust und fragt zurück: »Wann sind es bei lokalen Themen schon Social-Media-Kampagnen, die auf Themen aufmerksam machen oder gar etwas bewegen?« Man sehe heute, dass die Aufgaben, die früher die Lokalzeitung erfüllte, vielfach unerledigt blieben. Dabei haben die Zeitungen doch heute im Netz eine viel größere Verbreitung, entgegne ich. Könnte sie nicht zu neuen Möglichkeiten der Mobilisierung führen? »Mit Blick darauf, welche Themen die großen Zeitungshäuser auf ihren Onlineseiten setzen, sehe ich nicht viel Differenzierung«, sagt Lischka. Er kann Niederländisch lesen, weshalb er regelmäßig in den kleineren niederländischen Sprachraum flüchtet, um dort Zeitungen zu lesen, die ihm ein breiteres journalistisches Angebot als die deutschen böten. Zudem finde er dort neue Projekte, beispielsweise »De Correspondent«, die sich als junges Zeitungsunternehmen nicht nur trauen, Themen vom Tagesgeschäft abgelöst aufzugreifen, sondern die auch mit Formaten spielten. Die deutschen Zeitungen seien dagegen »im Vergleich dazu einfach zu langweilig«. »Im Urlaub lese ich lieber die niederländischen«, sagt er.
In seinem Medienverhalten beobachtet er dieselben Veränderungen, die auch Niggemeier beschrieb. Der Umgang mit Twitter und Facebook hat sich als neue Gewohnheit eingespielt. Dennoch hielt Lischka eine sehr bewusste Nachrichtendiät, in der er beispielsweise die Fluktuation steuert. »Ich versuche eigentlich, jede Woche etwas Neues zu entdecken. Und wenn ich etwas Neues entdecke, dann meistens bei Twitter«, sagt er. Auch für ihn ist Twitter also nicht das Medium der rasenden Reporter, die immer zuerst dort sind, wo etwas passiert. Stattdessen ist es der Netzwerkcharakter, der zu Vertrautheit führt – und ein hohes Maß an Variation zulässt. Daneben schlägt sich bei Lischka eine neue, vielfach beobachtbare Renaissance der E-Mail-Newsletter nieder. Er pflegt seine Abonnements, schmeißt manche Dinge raus, wenn sie ihm nach dreimaliger Zusendung inhaltlich nichts bieten. Manche Newsletter-Abonnements behält er allerdings bewusst, auch wenn er über Monate nicht einer der Leseempfehlungen folgt. Und auch das Zeitalter der gedruckten Zeitung ist mit ihm nicht zu Ende. Allein weil sie sich bequemer lesen lässt, hat er beispielsweise die »London Review of Books« abonniert. Nur deutsche Tageszeitungen spielen bei ihm keine Rolle mehr. Das Feuilleton der F. A. Z. war das letzte deutsche tägliche Print-Produkt, das er aus seiner Nachrichtendiät ausmusterte. Den Dienst »Blendle« nutzt er, um die Feuilletons gelegentlich zu überfliegen. Nur den Essener Lokalteil der »WAZ« liest er regelmäßig, allerdings online.
Finden wir bei so individueller Mediennutzung noch eine gemeinsam geteilte, normative Grundlage, auf der wir uns darüber verständigen können, in welcher Gesellschaft wir leben und leben wollen? Die Beschleunigung des Medienbetriebs stehe der Erfüllung solch einer Funktion prinzipiell nicht im Weg, sagt Lischka. Zwar sei die Startseite von Medien wie »Spiegel Online« inzwischen tagsüber nach neunzig Minuten in der Regel fast komplett mit neuen Stücken befüllt. Doch drehten sie die Themen, die omnipräsent blieben, einfach nur weiter. »Man bekommt so mehrmals am Tag Neuigkeiten, beispielsweise zu Griechenland. Man merkt also, da ist irgendwas. Aber es findet keine Entwicklung statt. Die Auseinandersetzung mit dem Thema folgt keinem Diskurs. Stattdessen stellt sich das Gefühl ein, die Fragen zu Griechenland werden immer in den nächsten fünf Minuten geklärt. So bleibt zwar der Besucherstrom auf den Nachrichtenseiten hoch, doch geholfen ist niemandem.«
Diese Phänomene und Probleme hängen jedoch nicht grundsätzlich mit dem Internet zusammen, sagt Lischka. Es habe beispielsweise schon immer Gruppen gegeben, für die der redaktionelle Journalismus in Deutschland nichts geboten habe – beispielsweise Jugendliche, die wissen wollen, was in ihrer Stadt los ist. Das unter vierzigjährige Publikum sei somit schon seit langem eine »riesige Marktlücke für den Journalismus, die sich Facebook dann als erstes Ziel ausgesucht hat«. Statt dass Facebook Konkurrenz gemacht wurde, wichen die etablierten Medien auch in anderen Marktsegmenten dann zurück. »Den Beweis, dass man in Deutschland keinen betriebswirtschaftlichen Gewinn mit Journalismus machen kann, sehe ich noch nicht erbracht«, sagt Lischka. Und er merkt an, dass die Zeitung schon immer ein Produkt der Minderheit war, früher in Konkurrenz zum Fernsehen, heute in Konkurrenz zu Facebook. Die Unlust zu experimentieren, beispielsweise mit dem Publikum zusammen neue Formate zu entwickeln, wundert ihn. Gerade das Internet habe – seine Beispiele lauten Wikipedia, OpenStreetMap, Linux-Software – gezeigt, was grundsätzlich möglich ist.
Die Frage, die ich auch Stefan Niggemeier stellte, beantwortet Konrad Lischka sehr deutlich: »Der institutionalisierte Journalismus bleibt wichtig. Auch wenn ich glaube, zu einer Minderheit zu gehören, ist mir bei manchen Themen nicht egal, wer mich informiert. Wenn ich Texte lese, möchte ich wissen, wer da schreibt.« Ebenso deutlich spricht er über die Funktion der Institution im Medienbetrieb. Räume für allgemeine Debatten, in denen politische Themen verbindlich diskutiert werden können, ließen sich nicht beliebig neu erobern. Auch wenn Gewerkschaften als Agenturen für Debatten möglich seien und auch wenn es vorstellbar ist, dass Bundespräsidenten künftig in einer neuen, regelmäßigen Rede zur Lage der Nation Themen setzten, gelte doch grundsätzlich: »Diese Institutionen können Diskurse mitgestalten. Die grundsätzliche Aufgabe kann aber nicht einfach so nicht unabhängigen Stellen übertragen werden. Daraus ergibt sich eigentlich eine schöne Funktion für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.« Öffentlichkeit entstehe heute nicht nur in »One-to-Many-Medien«, sagt Lischka. »Wir alle nutzen seit Jahren Massenmedien, die keine Redaktionen, keine Bindung an eine Berufsethik und selten identische Inhalte für alle Nutzer haben.« Und doch schufen auch diese Medien Öffentlichkeiten. »Soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Videoplattformen sind Teil der Diskurse zum Beispiel über den IS, flüchtende Menschen und TTIP.«
Die Rolle der öffentlich-rechtlichen Anstalten ist das einzige große Problem, über das wir sprechen. Während ich ihn zum Auflagenverlust der gedruckten Zeitung und der Bedeutungslosigkeit des Online-Journalismus frage, fällt ein denkwürdiger Satz: »Die Zeitungen haben halb so viele Leser wie früher, was fehlt den Leuten eigentlich? Womit haben sie die Zeitung ersetzt? Das wäre eine schöne Frage für die Medienwissenschaften.« Kann das wirklich sein? Welchen Beitrag leistet die Wissenschaft eigentlich, wenn diese Frage auch 2015 noch ein Desiderat aufzeigt? Konrad Lischka, der wie kein Zweiter den Journalismus aus eigener Praxis kennt und ihn aus politischer Perspektive beobachtet, sagt dazu: »Seit fünf oder zehn Jahren stellen wir uns dieselben Fragen. Und wir sind in vielen Punkten kein Stück weiter. Für viele Phänomene, mit denen wir uns heute befassen sollten, haben wir nicht einmal Begriffe. Was ist beispielsweise der Unterschied zwischen einer Redaktion, die Texte schreibt, und einer, die Software entwickelt, die auswählt, was andere geschrieben haben?« Der Presserat befasse sich heute in der Mehrzahl mit Vorfällen in der digitalen Medienwelt. »Einen akademischen Unterbau für die von Medien wie sozialen Netzwerken oder Suchmaschinen aufgeworfenen Probleme gibt es allerdings nicht«, sagt Lischka. Es gebe auch keine Berufsethik für digitale Produktentwickler, die mit journalistischen Inhalten hantieren. Eine öffentliche Debatte darüber, welche Bedeutung diesen neuen Medienberufen zukommt und mit welcher Verantwortung sie einhergehen, werde ebenso nicht geführt. »Für mögliche juristische Auseinandersetzungen fehlt mir jeglicher ethische Vorbau«, sagt Lischka. Und er sagt zum Ende: »Wir sind Zeitzeugen eines grundlegenden Wandels der medialen Öffentlichkeit. In den vergangenen zehn Jahren sind neue Massenmedien entstanden, die keine Redaktionen haben, aber mit Produktmanagern, Entwicklern und Inhalten Öffentlichkeit schaffen. Um diese Veränderung zu erforschen, während sie sich vollzieht, müssten wir die Arbeit der Kommunikationswissenschaft der vergangenen Jahrzehnte noch einmal machen. Die Wissenschaft fehlt wahnsinnig.«