Politik ohne Debatte
Die nächste schöne neue Welt
Zum einen sind das Journalisten. Stefan Aust und Thomas Ammann nannten ihre 2014 vorgelegte Bestandsaufnahme der Gesellschaft »Digitale Diktatur«.57Aust, Stefan & Ammann, Thomas 2014. Digitale Diktatur: Totalüberwachung, Datenmissbrauch, Cyberkrieg. Berlin: Econ. Jedes Kapitel begannen sie mit einem Zitat von George Orwell. Sie blicken auf die Jahre der politischen Nachwirkungen des Terrors vom 11. September. Der detailreiche Text dokumentiert wenig polemisch die Verkehrung der Wissensasymmetrien. Beispielschaft dafür steht das Kapitel über Google, mit der interessanten Unterzeile: »Die beste aller Welten«. Ein Zitat des Google-Mitgründers Sergey Brin erklärt, welcher Zielsetzung Google mit seinem Wahn, das Wissen der Welt ordnen zu wollen, folgt. Er sagt: »Wenn man etwas gegoogelt hat, hat man es recherchiert, andernfalls nicht. Mir würde es jedenfalls gefallen, wenn die Menschen letztlich so und nicht anders denken würden.«
Dass solche Sprüche Ideologien folgen, auf die Google im eigenen Unternehmensalltag wenig setzt, verdeutlicht der Cheflobbyist des Springer-Verlags, Christoph Keese, mit einer wichtigen Silicon-Valley-Ideologiekritik. Er lebte mit Kollegen über Monate vor Ort und schrieb anschließend eine präzise beobachtete statt moralische und von den ökonomischen Kalkülen seines Verlags getriebene Abhandlung der Anwesenheitsgesellschaft des Silicon Valleys. Von den Werbeslogans, dass künftig alles vom Grad der technischen Verbundenheit abhängig sei, bleibt nach der Lektüre nichts übrig.58Keese, Christoph 2014. Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt. Orig.-Ausg. München: Knaus. Nirgendwo scheint dem althergebrachten Gespräch unter vier Augen mehr Bedeutung beigemessen zu werden als in den Büros der IT-Giganten in Kalifornien.
Zum anderen gibt es Bücher, die geschrieben wurden, weil Journalisten Menschen aus der Praxis dazu anstachelten. Sie ereilt ebenso das Schicksal, vom Journalismus für eine Rezension wahrgenommen, dann im Alltag aber nicht weiter beachtet zu werden. Yvonne Hofstetter, Juristin und Big-Data-Unternehmerin, schrieb häufig in Frank Schirrmachers Feuilleton und veröffentlichte nach seinem Tod ihr Buch zur Automatisierung der Gesellschaft. Das Internet als Bereicherung des Menschen spielt in ihm kaum noch eine Rolle. Stattdessen sind es Unternehmen mit dem »Drang, alles wissen zu wollen«, die unsere Freiheit bekämpften und uns in Standardabläufe zwängen – aus denen am Ende ein kleiner wirtschaftlicher Vorteil herausfällt. Zum Opfer fielen ihm die Demokratie und die Marktwirtschaft, unsere Solidarität, die Spontanität und unsere Hoheit über die eigene Biografie.59Hofstetter, Yvonne 2014. Sie wissen alles: Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen. 2. Aufl. München: Bertelsmann. Zum Jugendwort des Jahres wurde 2015 der »Smombie« gewählt, eine Kombination aus Smartphone und Zombie. Bei Yvonne Hofstetter ließ sich zuvor alles über »virtuelle Zombies« nachlesen.
Wenn auch vom Journalismus diese Debatten in Büchern und auf Podien ignoriert wurden, im Kanzleramt werden sie beobachtet. Angela Merkel verheimlicht ihre politische Ansinnen nicht: Im Juni 2015 sprach sie vor dem Wirtschaftsrat ihrer Partei darüber, dass »die Industrie 4.0 auf die ganze Gesellschaft ausgerollt werden« müsse. Ihr gehe es um »die Schnittstelle zum Kunden« und die zielgenauere Befriedigung seiner Wünsche. Dass die »natürliche Solidarität« – sei es in Tarifgemeinschaften, Versicherungskollektiven oder Nachbarschaften – künftig »nicht mehr so gegeben sein« werde, sprach sie offen an. Diesen Halbsatz bezog sie im selben Satz auch auf die »klassische, soziale Marktwirtschaft«. Hat ein Journalist über diese Rede auf Linie Eric Schmidts geschrieben? Nein.
Die Debatten in den Redaktionen laufen anders. Sie brauchen Umwege, beispielsweise über die Literatur. Den Bogen schlagen Aust und Ammann, die in ihrem Buch fragen: »Wer aber bestimmt die Normen, wenn die totale Überwachung des 21. Jahrhunderts einzieht, die Dave Eggers in seinem Roman ›Der Circle‹ heraufbeschwört und an der die Forscher in den Labors von Google X mit großer Hingabe arbeiten?« Das Buch von Eggers ist in der Tat eines der herausragenden Werke, das sich mit dem technologischen Fortschritt und seinen sozialen Folgen in der Arbeitswelt, in sozialen Gemeinschaften und Intimbeziehungen befasst, indem es trotz aller Unmöglichkeit handfester Prognosen zumindest die Räume der Möglichkeiten absteckt. Es ist der einzige Roman, den ich für die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« rezensiert habe.60Aust, Stefan & Ammann, Thomas 2014. Digitale Diktatur: Totalüberwachung, Datenmissbrauch, Cyberkrieg. Berlin: Econ. Zwei Tage nach seinem Erscheinen in Amerika kostete es mich allerdings mehr Mühe, die Literaturredaktion von der Relevanz des Buches zu überzeugen, als das rund fünfhundert Seiten lange Buch während des Buchmessen-Trubels 2013 zu lesen und darüber zu schreiben. Nur Frank Schirrmacher hatte die Bedeutung des Romans erkannt. Zu seinem deutschen Start, nach Frank Schirrmachers Tod, widmete das Feuilleton der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« dem Roman eine ganze Ausgabe mit rund zwei Dutzend Texten – in der die Redaktion allerdings noch einmal betonte, dass es sich, bei aller inhaltlichen Aktualität, nicht um hohe Literatur handle. Dass der Roman deutsche Politiker und Gewerkschafter aufrüttelte, inhaltliche Aufarbeitungen also weit wichtiger waren als ästhetische Urteile, kam den Kollegen kaum in den Sinn.
Im Zeitalter der Allwissenheit, das lernen wir von den Sachbuchautoren und weitergedacht von Dave Eggers, kommt Nichtwissen im falschen Moment einer Lüge gleich und Schweigen dem Verrat. Wer Informationen zurückhält, muss sich im Zweifel rechtfertigen können oder höhere Preise zahlen. Maschinen, die alles wissen und den Menschen darüber im Unklaren lassen, werden zur Gefahr, die wie Unwetter plötzlich hereinbrechen. Dass die Grenze von facts und fiction verwischt sind, hat uns Edward Snowden gelehrt. Für sein Schicksal und für seine Botschaft hatten wir 2015 aber keine Zeit mehr, obwohl wir so viel über politische Flüchtlinge gesprochen haben.