Politik ohne Debatte
Woher wir wissen, was wir diskutieren
Bleiben wir also bei den neuen Informationsströmen, die sich infolgedessen nicht nur grundlegend verändert, sondern auch verkehrt haben. Es ist sogar ein wenig lustig: Bei einer Veranstaltung zur Zukunft des »Qualitätsjournalismus« mit dem Niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil und Dietrich von Klaeden, dem »Cheflobbyisten« des Springer-Verlags, rief Ralf Bremer bei einer Wortmeldung zum Leistungsschutzrecht für Presseerzeugnisse erbost Hendrik Brandt, dem Chefredakteur der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, zu: Ja, Google greife Inhalte von Presseverlagen im Internet auf, um Leser zu ihnen weiterzuleiten. Wenn diese Verschränkungen von Informationsflüssen mit Kosten verbunden werden sollten, warum sollten die Verlage eigentlich nicht für diese Zulieferung von Lesern zahlen? Und, auch das wollte Bremer wissen, was bezahle denn die Redaktion der »HAZ« an Google dafür, dass sie in exzessivem Ausmaß die Google-Suche, Google Maps, Google News, YouTube und viele weitere Dienste nutze? Zieht man den ökonomischen Unterton, der die Debatte prägt, von dieser Argumentation ab, tritt das Problem offen zutage: Der organisierte Journalismus ist nicht nur beim Vertrieb seiner Produkte auf die Dienste der neuen Informationsanbieter angewiesen, sondern schon bei ihrer Herstellung. Die Organisationen des Journalismus sind zum Intermediär geworden – sie wurden Medien im tatsächlichen Sinne des Wortes.
Doch statt daraus Konsequenzen zu ziehen und sich auf die gemeinwohlfördernden Aufgaben zu fokussieren – politische Berichterstattung wird sich auch langfristig nicht an mitdenkende und selbst schreibende Maschinen delegieren lassen, sondern setzt menschliche Intelligenz und soziale Planung voraus –, hantieren die Redaktionen weiterhin mit einem überholten Allgemeinheitsanspruch. Als wäre die Bevölkerung ohne ihre Schreibarbeit aufgeschmissen. Die Grenzen der Gesellschaft bleiben in vielen Redaktionen noch lange die Grenzen des eigenen Zeitungspapiers. Und greift die Online-Redaktion ein beliebiges Agenturthema nicht auf, obwohl die Konkurrenz es bereits Stunden zuvor für ihre Leser frei im Internet abrufbar aufbereitete, glaubt sie, es »ihren Lesern« vorzuenthalten. Für die dann folgende sinnlose Tätigkeit sitzen in den OnlineRedaktionen heute viele austauschbare Computerbediener: Sie sind immer bereit, den noch so irrelevanten und altbekannten Gossip für die Leser mit Bild und Überschrift zu versehen. Für die ausdauernd und tiefgründig arbeitenden Redakteure, die pro Tag höchstens ein Thema bearbeiten, reicht das Budget dagegen nicht mehr.
Die Organisationen ziehen sich bereits jetzt auf die trivialen Allgemeinplätze zurück, anstatt ihre neue Rolle zu suchen. Sogar Stefan Plöchinger, der vergleichsweise junge Chefredakteur von »sueddeutsche.de«, der das Internet samt seiner Verführungen und Verwirrungen wie kein Zweiter in der deutschen Zeitungslandschaft kennt, verherrlicht den Journalismus heute schlicht als alternativlose Bedingung für Demokratie. Eine Gesellschaft ohne Journalisten bedeute einen »Staat der Desinformation«.16Fürg, Daniel 2014. Interview: Stefan Plöchinger über Journalismus | Social Secrets. Social Secrets 13. Oktober. URL: http://www.social-secrets.com/2014/10/interview-stefan-ploechinger-ueber-journalismus/ [Stand 2015–03–31]. Ähnlich wie bei den Politikwissenschaftlern lässt sich schon jetzt die Verwunderung und Enttäuschung erahnen, wenn Plöchinger in wenigen Jahren vom Münchener SZ-Hochhaus aus auf die Gesellschaft blickt. Denn sie wird auch dann weiterlaufen, wenn nach den akademisch-raffinierten auch die journalistisch-instruktiven Beschreibungen der Gesellschaft keinen erklärerischen Halt mehr bieten. Diesen Nachrichtenverfall vorwegnehmend, stellte Plöchingers Mitarbeiter Dirk von Gehlen, Leiter »Social Media / Innovation« in der Online-Redaktion der »Süddeutschen Zeitung«, bereits 2014 eine denkwürdige Definition von Journalismus auf. In einer der vielen Debatten, ob die unsägliche »Post von Wagner«, die die »Bild«-Zeitung als Kolumne ihres Autors Franz Josef Wagner publiziert, Journalismus sei oder doch, wie Kritiker behaupten, häufig intelligenzlose Menschenverachtung, argumentierte von Gehlen auf Twitter: »Hier steht, was Journalismus ist: Grundgesetz, Artikel 5«.17Gehlen, Dirk v. 2015. Tweet: »@friiyo hier steht was Journalismus ist http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html«. Twitter 29. März. URL: https://twitter.com/dvg/status/582194429890576384 [Stand 2015–04–09]. Wenn der Journalismus, wie die nachwachsenden Führungskräfte in den großen deutschen Redaktionen behaupten, nichts weiter als Meinungsfreiheit ist, wenn die Privilegien und Kompetenzen zur Investigation also keine Rolle mehr spielen werden, dann ist alles Journalismus – und ebenso nichts.
Redaktionen wären dann tatsächlich nichts anderes als Zulieferbetriebe der großen Informationssysteme. Nicht einmal der Anspruch auf »Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Orientierung«, den der Online-Chef der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, Mathias Müller von Blumencron, für die »medialen Heimatorte« beansprucht, wäre dann noch für die Redaktionen von Bedeutung.18Müller von Blumencron, Mathias 2015b. Facebook will das Internet für sich allein. Frankfurter Allgemeine Zeitung 28. März, 16. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/mark-zuckerberg-stellt-presse-plan-vor-13509720.html. Müller von Blumencron lässt hierbei offen, ob es sich bei den Heimatorten noch um redaktionell-institutionelle, journalistische Angebote handelt, oder doch schon um Orte, die Facebook, Google und andere Internetunternehmen bereitstellen. Zu Recht. Auf vermeintliche Selbstverständlichkeiten – wie der, dass Journalismus und Demokratie untrennbar zusammengehören – sollte sich bereits heute kein Redakteur mehr verlassen. Aktuelle Studien zeigen, dass Menschen auch Suchmaschinen mit Vertrauen begegnen und Social Media hohe Bedeutung in ihrem Alltag zurechnen. Laut »Trust Barometer 2015«, einer internationalen Studie mit 33 000 Teilnehmern, sank das allgemeine Vertrauen in Medienmarken in Deutschland jüngst um mehr als zehn Prozent binnen eines Jahres und zeigt ohnehin wenig Konstanz auf.19Hockling, Yvonne 2015. Zusammenfassung: Trust Barometer 2015 – Die Deutschen haben Angst vor Innovationen. URL: http://www.edelman.de/de/news-pressemitteilungen/edelman-trust-barometer-2015-die-deutschen-haben-angst-vor-innovationen-vertrauen-in-wirtschaft-ngos-und-medien-schwindet [Stand 2015–01–22]. Weltweit haben der Erhebung zufolge die Suchmaschinenanbieter die Medienhäuser 2015 erstmals in der Frage des Vertrauens überholt. Aus den Zahlen, auf die wir im nächsten Kapitel zurückkommen, kann insbesondere für Deutschland eine Tendenz herausgelesen werden, die erste Prognosen ermöglicht: Grundsätzlich gilt nämlich, dass Social-Media-Dienste von Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen genutzt werden. Deutschland bildet da – noch – eine Ausnahme.20Mickoleit, Arthur 2014. OECD Working Papers on Public Governance (26).