Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Nachrichtendiät

Dirk Baecker

Wir wollen uns an diesem Punkt die Frage stellen, wie raffiniert eine Nachrichtendiät eigentlich komponiert sein muss. Schließlich kann man sie auch übertreiben. Beispielhaft dafür ist der Wahnsinnserlebnisbericht des jungen Journalisten Paul Miller, der ein Jahr auf das Internet verzichtete und anschließend über sich selbst und die Welt, in der er plötzlich lebte, schrieb.5Miller, Paul 2013. I’m still here: back online after a year without the internet. TheVerge 1. Mai. URL: http://www.theverge.com/2013/5/1/4279674/im-still-here-back-online-after-a-year-without-the-internet [Stand 2015–04–01]. Oder man dreht es in die andere Richtung: Robert Scoble, ein szenebekannter Social-Media-Extremnutzer, erforschte, wie man auf Facebook sein Profil am erfolgreichsten pflegt.6Scoble, Robert 2015. Facebook tips. Facebook 25. Mai. URL: https://www.facebook.com/RobertScoble/posts/10153302327124655. Der letzte seiner 22 Ratschläge lautet schlicht: »Behandle Facebook wie eine Mahlzeit. Achte auf Ausgewogenheit und offenbare all deine Interessen.« Wie hilfreich solche Tipps tatsächlich sind, kann er aber auch nicht sagen. Schließlich hat auch er trotz unzähliger Zusammenkünfte mit Mitarbeitern von Facebook nur geringfügig mehr Einblick, nach welchen Regeln das Unternehmen Informationen sortiert. Greg Marra, Facebooks Newsfeed-Produktmanager, den wir zu Beginn des Buches kennenlernten, redet nicht anders über sein Projekt: »Wenn man zuschaut, wie Menschen Donuts essen, denkt man sich, ›Menschen lieben Donuts, lasst ihnen mehr bringen‹. Doch wenn man mit ihnen spricht, sagen sie, dass sie eigentlich weniger Donuts haben wollen, dafür aber auch einen gesunden Smoothie. Also können wir ihnen auch einen Smoothie bringen.«7Levy, Steven 2015a. Revealed: Facebook’s Project to Find Out What People Really Want in Their News Feed. URL: https://medium.com/backchannel/revealed-facebooks-project-to-find-out-what-people-really-want-in-their-news-feed-799dbfb2e8b1 [Stand 2015–02–02]. Es gibt also Menschen, die sich sehr viele Gedanken über unsere Nachrichtendiät machen, warum also nicht auch wir selbst?

Der Bonner Informatiker Alexander Markowetz stellte sich diese Frage und kann heute als maßgeblicher Erfinder einer hier relevanten »Psycho-Informatik« gelten. In diesem sperrigen Begriff steckt die pragmatische Idee, das eigene Smartphone mit einer Protokollfunktion auszustatten. Sie sollte ihm seine tatsächliche Mediennutzung aufschlüsseln. Zu diesem Zweck entwickelte Markowetz eine App, die sein Verhalten und das vieler anderer aufschlüsselte. Das Ergebnis ist eine Erzählung von Störung, Ablenkung und Unkonzentriertheit. 88 Mal schauen wir am Tag auf unsere Smartphones. Zieht man die Nachtzeit ab, bedeutet das: Wir schauen alle achtzehn Minuten auf den kleinen Bildschirm.8Schmidt, Lucia 2015. »Es ist wie bei einer Suche«: Interview mit Alexander Markowetz. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 27. September. Vor seiner ersten Studie zum Thema9Markowetz, Alexander, u. a. 2014. Psycho-informatics: Big Data shaping modern psychometrics. Medical hypotheses 82 (4), 405–411. stellte er bereits eine eindrückliche Selbstdiagnose: »Ich habe selbst ein völlig unverantwortliches Handyverhalten und vielen Kollegen geht es ähnlich.« Als zentrale Erkenntnis notiert eine Journalistin: »Die Studie zeigt, dass fast jeder sein eigenes Handyverhalten grob unterschätzt, also: verharmlost.«10Braun, Maria 2014. Die gefährliche Sucht nach dem Smartphone. Die Welt 14. November. URL: http://www.welt.de/regionales/nrw/article134314921/Die-gefaehrliche-Sucht-nach-dem-Smartphone.html [Stand 2015–03–29]. Während ich dieses Buch schreibe, befindet sich das von Alexander Markowetz – »Digitaler Burnout« – noch im Druck.11Markowetz, Alexander 2015. Digitaler Burnout: Warum unsere Smartphone-Nutzung gefährlich ist. München: Droemer. Ich empfehle es also blind, beispielsweise in der Erwartung, dass es Manfred Spitzers »Digitaler Demenz«12Spitzer, Manfred 2014. Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. München: Droemer Knaur (Knaur, 30056). belastbare empirische Beobachtungen gegenüberstellt. Ich vermute allerdings auch, dass sich die Aufklärung eigentlich von selbst versteht. Wir brauchen keine wissenschaftliche Untermauerung, um zu wissen, dass die meisten Menschen – also wir selbst – es nicht einmal schaffen würden, zu Hause anzurufen, wenn wir Schlüssel, Handy und Portemonnaie verlieren. Nicht weil es keine öffentlichen Telefone mehr gibt, sondern weil wir die nötigen Telefonnummern nicht im Kopf haben.13Kochetkova, Kate 2015. The rise and impact of Digital Amnesia. URL: https://blog.kaspersky.com/files/2015/06/005-Kaspersky-Digital-Amnesia-19. 6. 15.pdf. Der Expertenrat von Markowetz, sich wieder eine Armbanduhr anzuschaffen, da wir 35 Mal am Tag aufs Handy schauen, weil uns die Uhrzeit interessiert und wir uns dann doch wieder ablenken – oder besser: verführen – lassen, ist leicht verständlich. Den eigenen Kopf wieder mehr einzusetzen ist immer eine gute Idee.

Ohne dass wir an der Situation aber tatsächlich etwas ändern, fühlen wir uns zumindest verstanden, wenn uns Tipps nahegelegt werden, die angeblich helfen können, »wie wir unser Smartphone weniger nutzen, um glücklicher zu werden«.14Plante, Chris 2015. How to use your smartphone less and be happier. The Verge 7. Juli. URL: http://www.theverge.com/2015/7/7/8907479/smartphone-screen-time-health-sleep-tips-tricks [Stand 2015–08–05]. Dass ein »Social Media Sabbatical« heute so angesehen ist wie eine Selbstfindungswanderung durch Nepal, verwundert uns nicht. Sogar die Sillicon-Valley-Propheten Kotler und Diamandis, deren Buch »Überfluss« wir am Anfang kurz ansprachen, behaupten schließlich: »Das größte Werkzeug, das wir besitzen, um unsere Herausforderungen zu bewältigen, ist der menschliche Geist.« Mit solchen humanistischen Schmeicheleien beenden wir unser Nachdenken über Sinn und Zweck einer eigenen, bewusst geführten Nachrichtendiät allerdings nicht.

Wir reden stattdessen noch kurz, aber konzentriert mit dem Soziologen Dirk Baecker. Wäre er ein Fußballspieler, man würde ihn unbekümmert nennen. Das sieht man zwar seinen Texten nicht an, es stimmt aber trotzdem. Es ist nämlich so: Das soziologische Lager spaltet sich im deutschen Sprachraum in zwei Gruppen. Die Mitglieder der einen, größeren Gruppe äußern sich zu allen Themen, bereichern jedoch die Diskussionen nur selten. Die Soziologen der anderen Gruppe der wenigen, die über raffinierte Denkmodelle und ausgeklügelte Heuristiken verfügt, schweigt dagegen. Je aktueller ein Thema, desto stummer die Soziologie. Diese Logik durchbricht glücklicherweise Dirk Baecker, beispielsweise mit »Studien«15Baecker, Dirk 2011. Studien zur nächsten Gesellschaft. Orig.-Ausg., 1. Aufl. [Nachdr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1856). URL: http://www.gbv.de/dms/F.A.Z.-rez/FD1N200712311486026.pdf. und »Thesen«16Baecker, Dirk 2013. 16 Thesen zur nächsten Gesellschaft. The Catjects Project 9. Februar. URL: https://catjects.wordpress.com/2013/02/09/16-thesen/. zur nächsten Gesellschaft oder mit »Ausgangspunkten einer Theorie der Digitalisierung«.17Baecker, Dirk 2015. Ausgangspunkte einer Theorie der Digitalisierung. The Catjects Project 10. Juni. URL: https://catjects.wordpress.com/2015/06/10/ausgangspunkte-einer-theorie-der-digitalisierung/.

Daher fragte ich auch ihn nach seiner Nachrichtendiät. Genau genommen wollte ich wissen, ob er entsprechend der Wortwahl in seinen Texten schon einen »robusten und innovativen« Umgang mit den neuen Informationstechnologien gefunden habe. »Vermutlich nicht«, ist seine Antwort. Tatsächlich laufe die Nachrichtendiät »streng über zwei Tageszeitungen und ein Wochenblatt«, sagt Baecker. Er liest die »Neue Zürcher Zeitung«, den »Economist« und wegen ihrer Wissenschaftsbeilage mittwochs die F. A. Z. »Was ich über die Welt wissen will, beziehe ich daraus.« Das Fernsehen spiele dabei keine wesentliche Rolle, und nur falls er morgens an keine Zeitung herankomme, schaut er bei Google News oder »Spiegel Online« nach den aktuellen Schlagzeilen. Für die Zeitungen sei täglich bewusst Zeit eingeplant, »die Internetaufenthalte sind eher ungeplante Zeit«, sagt Baecker.

Ist das Internet für ihn also nur ein Spielzeugmedium, allenfalls eine Ergänzung? Zumindest »was die Nachrichtenversorgung angeht, ganz bestimmt«. Über die Welt informiere er sich nicht aus dem Internet, es sei ein Medium der gezielten Suche und der »Beteiligung an halbwegs überschaubaren kommunikativen Zirkeln, beispielsweise bei Twitter«. Baeckers Nachrichtendiät unterscheidet sich nicht nur von denen radikal, von denen schon die Rede war. Sie unterscheidet sich auch von der seiner Studenten. Macht es ihm Arbeit, sich von den allgemeinen Entwicklungen nicht treiben oder gar mitreißen zu lassen? Kann er Mark Zuckerbergs Ziel, Facebook zur perfekten personalisierten Tageszeitung für eine Milliarde Menschen zu entwickeln, überhaupt etwas abgewinnen? »Das ist Facebook für mich überhaupt nicht. Facebook ist für mich allerhöchstens eine Störung allererster Güte«, sagt Baecker. Er nutze es als Medium der Verknüpfung mit Freunden und Familie und wiederum deren Freunden und Familien.

Ich frage ihn, was das für seinen Alltag bedeutet. Überlegt er, welche Themen er mit seinen Studenten bespricht, beispielsweise, weil sie anders gerechtfertigt werden müssen, wenn sie nicht deren Mainstream entspringen? »Es fällt einem Soziologen meines Alters nicht schwer, mit Bewusstsein daranzugehen. Ich weiß mittlerweile, was mich interessiert.« Er wechsle im Zweifel schneller in den Modus des Fragens, als sich an der laufenden Kommunikation inhaltlich, beispielsweise mit eigenen Kommentaren, zu beteiligen. »Mich beunruhigt die unruhige Informationsaufnahme meiner Studierenden und Kollegen nicht«, sagt Baecker. Ist es eine teilnahmslose Beobachtung, die ihn zu seinen aktuellen Texten inspiriert?

»Nein, es inspiriert mich nicht, es fasziniert mich. Inspiriert sein hieße ja, dass man von den Themen, die das Netz bewegt, seinerseits bewegt wird. Das findet bei mir nicht statt. Aber fasziniert bin ich von der Art und Weise der Unvorhersehbarkeit der Kontakte, fasziniert von dem Spüren eines Mitrechnens dieser Netzwerke. Ich bin fasziniert von der Frage, was mögen andere wohl gerade machen, aber auf der operationalen und nicht auf der thematischen Ebene. Deswegen würde ich nervös werden, wenn ich mit meinen minimalen Praktiken eine Ahnung davon bekäme, dass etwas passiert, was mit mir zu tun hätte.«

In seinen soziologischen Schriften schreibt er darüber, dass der Mensch nun wieder bemerke, nicht als Einziger an Kommunikation beteiligt zu sein. Er erinnert an die mythischen Teilnehmer, die wir auch hier im Buch schon ansprachen. Was bedeutet also das Aufkommen des Internets? Veränderte es die Kommunikation, oder deckt es auf, was wir als eingeübte Praxis und Selbstverständlichkeit lange übersahen? Dirk Baecker sagt, es geschehe beides. »Es ist eine Aufdeckung insoweit, als man sich dank des Blicks auf Algorithmen auch soziologisch wieder darüber ins Benehmen setzen kann, dass wir immer schon von allen möglichen Determinationen umkreist, umgeben, angeregt und erschrocken sind. Die Verschiebung des Primärmediums vom Buchdruck zu den elektronischen Medien halte ich für einen Anlass, sich noch einmal des Wassers zu vergewissern, in dem man schwimmt. Wir heben die Selbstverständlichkeiten auf, mit denen wir bisher dachten, Herr des eigenen Lebens zu sein. Nicht zu wissen, dass einem der Liebesroman, den man mit sechzehn gelesen hat, noch bis 75 nacheilt, wenn man sich fragt: Warum nimmt mich denn niemand so, wie ich mir das eigentlich wünsche? Man sagt ›ich‹ und ›wünsche‹ und weiß eigentlich gar nicht, dass es dieser Roman war, der einen mit dieser Idee infizierte.«

Was hat sich also substanziell verändert, seit der Computer zum selbstverständlichen Teil unseres Alltags, immer häufiger als direkter Gesprächspartner, wurde? Geht einfach nur alles schneller? »Das hat mit Beschleunigung nichts zu tun. Die Komplexität ist gestiegen, aber auch das zu sagen fällt nicht leicht, da man nicht genau weiß, wie man sie messen kann. Die Verdichtung verschiedener Möglichkeiten, in einem Moment Unterschiedliches zu tun, ist gestiegen. Das heißt nicht, dass wir alles schneller machen. Es kann sogar das Gegenteil bedeuten. Aber die Alternativen, die Operationsvielfalt und die Opportunitätskosten, die man in Kauf nimmt, wenn man sich auf Bestimmtes konzentriert, sind heute andere als jene, die wir aus dem Zeitalter des Buchdrucks kennen.«

Als ich im August 2013 schon einmal länger mit Dirk Baecker sprach, damals für ein Interview in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, ging es um »intelligente Maschinen«, die Baecker als nicht intelligent, sondern wahnsinnig schnell beschrieb. Ihr Geschwindigkeitsvorteil stellt Menschen folglich häufig vor vollendete Tatsachen, ohne dass noch ersichtlich ist, auf welche Weise diesen überhaupt Geltung verschafft wurde. An das Gespräch erinnert, sagt Baecker in Bezug auf die Netzwerkkommunikation, dass diese Funktionsweise des Computers den Menschen vor die Herausforderung stelle, »Strategien zu finden, mit dem Geschwindigkeitsvorteil der Maschinen umzugehen. Mich selbst in Hektik zu versetzen, wäre erstens hilflos und zweitens ratlos, weil Hektik keinen eigenen Geschwindigkeitserfolg bedeutet. Es geht eher darum, die eigenen Entscheidungsstrategien robust werden zu lassen.«

Man könne diese Versuche, sich als Mensch in der Kommunikation zu behaupten, in Studien der Soziologin Karin Knorr-Cetina nachlesen, die sich mit Börsenmaklern beschäftigte. Bevor der Computer auf privaten Schreibtischen Einzug hielt, wurde er schon in Banken eingesetzt, um Geschwindigkeitsvorteile im Handel auszubeuten. Die Mitarbeiter, die das Verhalten der Maschinen planten, hätten auf die neue Undurchschaubarkeit ihres Handelns mit dem »Einbau von Reversibilitätschancen« reagiert, sagt Baecker. In jeder Entscheidung seien Korrekturmöglichkeiten vorgesehen, die sich in nächsten Entscheidungen wahrnehmen ließen. »Ich mache zwar vieles, und vieles vielleicht auch gleichzeitig. Aber immer so, dass die Folgen einigermaßen überschaut werden können«, fasst er es zusammen. »Ich verhalte mich also in einem Ausmaß ambivalent, das es mir ermöglicht, das Gegenteil von dem zu sagen, von dem ich meine, dass ich es vorher gesagt habe.« Über die Figur des modernen Individuums hinaus, das ohne Probleme seine Meinung ändere, wechselte man nun auch ständig seine eigene Inspiration und Faszination. »Dafür haben wir noch gar keinen Begriff. Man müsste von einem Individuum hoch zwei sprechen, vielleicht von einem Individuum 4.0«, sagt Baecker. Darüber lacht er, weil er weiß, dass solch eine Sprachregelung häufig ironisch verstanden wird. Bevor wir uns diesem neuen Individuum zuwenden, bleiben wir aber bei seiner Kommunikation.

Ihre neue Ambivalenz hat sich heimlich eingeschlichen, sichtbar erst, seit die sozialen Netze des Internets im Alltag so präsent sind wie das Bloomberg-Terminal am Arbeitsplatz der Trader. »Die meisten Facebook-Posts sind unglaublich trivial, aber nicht, weil die Leute trivial sind. Sie sind trivial, damit die Informationen jeder neuen Nachricht mit anderen neuen Informationen gegenbalanciert werden können. Das ist nicht grundsätzlich neu. Schon vor 150 Jahren wurden Liebeserklärungen mit allen Facetten der Ironisierbarkeit ausgestattet. Heute denken wir beispielsweise an Tinder, wo man sich mit ähnlichem Ansinnen in eine Unverbindlichkeit hineinmanövriert, die nichts mit Oberflächlichkeit zu tun hat, sondern mit dem punktuellen und vielfältigen Ausprobieren unterschiedlicher Möglichkeiten des Gepacktwerdens.« Der Einbau von Reversibilitätschancen bedeute nichts anderes als die Nutzung einer Technik, sich »die Operationsvielfalt bewusst werden zu lassen und auch dem Gegenüber zu zeigen, dass man sich in dieser Vielfalt bewegt, um Verständnis dafür zu holen, dass man mehr ausprobiert, als man in der modernen, geschweige denn antiken Gesellschaft ausprobiert hätte«.

Wir nähern uns dem Individuum der nächsten Gesellschaft noch einmal aus einer anderen Richtung. Denn dem Ambivalenz-Argument steht noch eine weitere kritische Beobachtung meinerseits gegenüber. So hilfreich es ist, vage und unverbindlich zu kommunizieren, um Reversibilitätschancen nutzen zu können, so bestimmend und konkret kommunizieren mittlerweile Maschinen. Ich greife dabei die Texte Dirk Baeckers und der Soziologie, an die er anknüpft, auf, um über Nudging zu sprechen. Von Menschen entwickelt, lernten auch die Maschinen evolutionär: Mit der Sprache kam die Lüge. Mit der Schrift kam der Zeithorizont, mit ihm die Erwartung von Entwicklung. Und mit dem Buchdruck kam die Kritik. In dieser Dreifaltigkeit operieren heute Computer, wenn sie uns zum Zwecke einer Verhaltensänderung belügen, belehren und kritisieren. Nur wird von ihren Programmierern bewusst darauf geachtet, dass die tatsächlich unausweichlichen Argumentationen in Annehmlichkeiten, Anreize und Angebote verpackt werden, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht ablehnen können, weil wir das gar nicht wollen.

Diese Nutzung von Technologie bedeute keinen prinzipiellen Unterschied, sondern sei eine qualitative Neuerung, sagt Baecker. Ein Angebot bleibe ein Angebot, auch wenn es heute feiner gesteuert werden könne, als es zuvor ohne Computer möglich gewesen sei. Den moralischen Vorwurf, »dass der Bürger aus beispielsweise demokratischen Prozessen gedrängt wird, ohne es zu merken«, teilt er nicht. Das Preisschild im Supermarkt, das künftig als Display, statt als Zettel, nicht nur den Kunden informiert, sondern auch über ihn informiert ist, »sei im Prinzip kein großer Unterschied zu einem Schuhladen, der aufmacht mit der Erwartung, dass die Leute Schuhe kaufen«. Für die Deutung des Sachverhalts die Phänomene Instinkt und Intellekt oder Erkenntnis und Emotion gegeneinander auszuspielen, um zu markieren, wo Bewusstsein künftig zurückgedrängt werde, greife zu kurz, sagt Baecker. Ähnliches gelte für die Beobachtung der Medienproduktion: Online-Redakteure arbeiten unter Zeitdruck, ähnlich ihren Kollegen aus den Print-Redaktionen, doch eher intuitiv daran, beispielsweise gute Überschriften für ihre Leser zu finden. Die Frage, wie ein Zeitungsredakteur Leser erreichen und ihnen suggerieren könne, dass es im Journalismus um Erkenntnisproduktion geht, die Neuheit mit Bestätigung kombinieren müsse, laufe auch heute noch unter der Prämisse, die G. W. F. Hegel aufgestellt habe: Die Zeitung ist das Morgengebet des modernen Menschen.

Der Medienwandel habe vieles verändert, noch mehr decke er aber nun tatsächlich bloß auf: »Die Moderne hat behauptet, dass es letztlich gesellschaftliche Funktionssysteme sind, die die wesentliche Themensetzung betreiben, und dass es nicht so einfach ist, ihrer Funktionslogik auf die Spur zu kommen. Die aktuelle Netzwerkgesellschaft sagt dagegen, es gibt gar kein großes Geheimnis. Netzwerkgesellschaft ist eine so zugängliche Kategorisierung, dass sich jeder jederzeit über seine identitätsstiftenden Anteile zur Konstruktion von Netzwerken – beispielsweise durch die Beobachtung seines Facebook-Accounts – im Klaren sein kann. Wir wissen uns auf eine Art und Weise beobachtet, von der wir nicht wissen, welche Erkenntnisse über uns gewonnen werden, aber immerhin wissen wir, dass wir beobachtet werden, beispielsweise dank Edward Snowden. Und ich glaube, viel mehr gibt es nicht aufzudecken.«

Bleibt die Frage, was über die Zäsur zu sagen ist, die der Einführung des Internets – als Garant für die Möglichkeiten dieser Netzwerkkommunikation – folgte. Gab es überhaupt eine nennenswerte? Schließlich verwenden wir im Alltag weiterhin Geld, nehmen an politischen Wahlen teil, glauben den Diagnosen unseres Arztes und vertrauen weiterhin den Urteilen von Wissenschaftlern. Die sinnstiftende Logik der modernen Gesellschaft und ihrer Funktionssysteme bleibt also intakt, während wir uns in der Allgegenwart von Computern in Netzwerkkommunikation verfangen.

Beckers Erklärungen dazu relativieren die Bedeutung des Internets. Schon in seinen Texten zur Digitalisierung spricht er weit häufiger von elektronischen Medien. Den Beginn der nächsten Gesellschaft, über die wir als Netzwerkgesellschaft sprechen, datiert er auf die Jahre um 1890. Es gehe ihm in seinen Erklärungen beispielsweise um die »instantanen Verbindungen«, die über den ganzen Globus reichten, die bereits Marshall McLuhan angesprochen habe. Ebenso könne Bertolt Brechts Radiotheorie genannt werden, die lange vor dem Aufkommen des Internets nicht nur Wünsche an ein Medium beschrieb, das über die Einbahnstraßen der Massenmedien hinausreicht. Die Möglichkeiten von weltweiten Verbindungen ohne Zeitverzug seien vom Telegrafen, dem Radio, vom Fernsehen und durch das Internet unterschiedlich genutzt worden, sagt Baecker. Es sei dabei allerdings niemals nur darum gegangen, Hürden zu beseitigen, also Puffer abzubauen. Die Nutzung der Technologie zur Ermöglichung von Kommunikation zeige immer auch Strategien der Zähmung, sagt er. »Jedes Medium zeigt bestimmte Dinge und andere nicht.« Das gelte auch für das Internet, obwohl es heute anders beschrieben werde, da Reflexionsformen und Reflexionsbegriffe, die die Vernetzung und Verschaltung umfänglich beschreiben, noch fehlten.

Auffällig, und aufgrund mangelnder analytischer Konzepte soziologisch hochinteressant, seien allerdings schon die sichtbaren neuen »Verschaltungen, die nicht auf Homogenisierungen abzielen« – insbesondere zwischen Menschen und Maschinen beziehungsweise von Kognition und Kommunikation mithilfe des Bildschirms. Diese »Verschaltung von zwei prinzipiell inkommensurablen Domänen der Sinnstiftung« sei Komplexität schlechthin.

Wir werden nun also nicht nur über das »Individuum 4.0« sprechen, sondern auch über das Gerät in seinen Händen. Zumindest der Ausgangspunkt ist übersichtlich. Dirk Baecker treibt dafür eine beliebte soziologische These auf die Spitze. Ihm geht es darum, die Menschheit in vier Medienepochen beschreiben zu können, sagt er. »Die Herausforderung ist, jede Medienepoche zuzuspitzen, um die Vorstellung einer zentralen Idee jeder Gesellschaft, aufgehangen an Kulturformaten, Strukturen und Inhalten – die sich länger halten und einen Orientierungsrahmen für viele Experimente geben –, zu gewinnen.« Aus diesem Experiment, die vier primären Kommunikationsformen von Gesellschaften – Sprache, Schrift, Buchdruck, elektronische Medien – entlang einer Entwicklung zu ordnen, leitet er eine interessante These ab: »Auf der praktischen Ebene sind wir längst in der nächsten Gesellschaft angekommen. Jeder hat seine Formen des Umgangs mit dem Internet gefunden. Wenn wir nachdenken, in Formen bewusster Reflexion, dann sind wir aber noch in der Moderne. Dann versuchen wir herauszufinden, was vernünftig ist. Dann bewegen wir uns mit großem Spaß im Internet, glauben einiges und vieles nicht, und wissen, dass wir im Zweifel doch noch mal das ZDF einschalten oder die F. A. Z. lesen können, um uns mit den Dingen, wie man so schön sagt, erkenntnismäßig ins Benehmen zu setzen. Damit habe ich die Praxis und das Denken beschrieben. Als Drittes habe ich aber noch ein Gemüt, ein Gefühl des Sich-aufgehoben-Fühlens in der Welt. In der Hinsicht sind wir noch antik, wir fühlen aristotelisch. Wir suchen nach wie vor unseren eigenen, höchst individuellen Platz im Leben, sei es bei den abendlichen Lesestunden mit einer Zeitung oder beim morgendlichen Facebook-Nutzen. Da wissen wir, wer wir sind und wer die anderen sind. Es ist die schönste Stunde unseres Tages.«

Bei Facebook ist man offenbar so klug, sich nicht nur ähnliche Gedanken zu machen, sondern sie auch in die Praxis von Facebook umzumünzen. Dass Facebook in der Bewertung von Inhalten Videos bevorzugt und Text keine große Bedeutung beimisst, überrascht Dirk Baecker nicht. »Ich finde es absolut einleuchtend, diese netzwerktaugliche Kommunikation über Videos und Bilder laufen zu lassen. Es ist insbesondere dann als intelligente Form der Vernetzung verständlich, wenn man die Pluralität der Bilder und Videos beachtet. Ein Bild zieht uns in seinen Bann, intellektuell und emotional, noch wichtiger ist aber, dass man direkt danach ein anderes Bild sieht. Die Menge der Bilder und das Überraschtsein vom Bild daneben, darunter und darüber ist das, was einen informiert, ohne dass man eine Form bewusster Aufmerksamkeit mitlaufen lassen würde.« Die elektronischen Medien – auch das sei schon ein betagtes Argument, in dem Fall stamme es von Niklas Luhmann, sagt Dirk Baecker – beuten die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen weitgehender aus, als Text das vermag. Man kann darin eine Zielsetzung Facebooks sehen, in dem Wissen, »dass die elektronischen Medien einen vollständigeren sensoriellen Zugriff auf den Menschen praktizieren, der das auch mit sich geschehen lässt, weil er merkt, dass er vollständiger an die Welt angebunden ist als der moderne Mensch, der glaubte, alles über bewusste Reaktionen des Verstandes laufen lassen zu müssen, der dann aber auch von den Katastrophen, die er mitproduzierte, immer wieder neu überrascht wurde.«

Welche neue Funktion übernimmt dabei die Pluralität? Kann sie in der Netzwerkgesellschaft Vertrauen begründen, wie es in der modernen Gesellschaft Institutionen vermochten? Bezogen auf die visuelle und akustische, eher emotionale Netzwerkkommunikation, betont Baecker, dass es wichtig sei, dass mit dieser Kommunikationsmöglichkeit, die sich vor allem in Form fortlaufender Kommentierungen darbietet, emotionale und intellektuelle Eindrücke stets direkt wieder durchgestrichen werden können. »Es bleibt was hängen, aber man kann sich laufend neu positionieren, was man in älteren Medien nicht konnte.« Ohne diese moderne Unterscheidung von medialer Produktion und Konsumtion schaukelten sich jedoch beispielsweise leicht Shitstorms auf. Hierbei kommt dann eine weitere Form von Pluralität ins Spiel. Man wisse nämlich, »dass man das Medium recht leicht wechseln kann«. Man könne beispielsweise dorthin ausweichen, wo diejenigen kommunizieren, die sich etwas mehr Zeit für die Beschäftigung mit manchen Themen nehmen, sagt Baecker. »Ich glaube, eine Welt, die nur aus Facebook-Posts bestehen würde, wäre eine Welt des maximalen Misstrauens statt des Vertrauens in Pluralität.«

Wie sehr Facebook dieses Problem kennt und an Lösungen arbeitet, sieht man daran, wie sehr sich Facebook darum bemüht, mehr als nur Privatmeinungen in Kommentarform in die eigene Netzwerkkommunikation einzuflechten – allen voran sollen journalistische Werke per »Instant Article« ebenso leicht verfügbar werden wie die unzähligen, eilig dahingeschriebenen Meinungsbeiträge eines Jedermanns. Man merkt, wenn man darauf achtet, mit welcher Sensibilität Facebook unser modernes Denken und unser antikes Gemüt pflegt, wohl wissend, dass wir beides so schnell nicht ablegen. Facebook suggeriert uns per Profil einen Platz in der Welt und verschafft uns mit reichhaltigen Kommunikationsmöglichkeiten ein Gefühl inhaltlicher Geltung.

Auch die kommende Gesellschaft, die wir zu Beginn beispielsweise Turing-Galaxie nannten, die Baecker nun nächste Gesellschaft nennt, bleibt eine Ergänzung, eine evolutionäre Zugabe, die die Bedeutung vorheriger Gesellschaftsformen nicht aufhebt. Mit wie viel Mittelalter müssen wir also auch künftig noch rechnen? Die im vorherigen Kapitel beschriebene Gutenberg-Parenthese findet Dirk Baecker ein interessantes Konzept. Sie übersehe allerdings, dass dieses technisch hochgerüstete bäuerliche Mittelalter verschweige, welche großen Organisationen es im Hintergrund voraussetze. Das wiederum spiele, zugegebenermaßen, auf der rein praktischen Ebene für den gemeinen Nutzer wiederum keine Rolle. Ob die Alltagskommunikation, so spontan, flüchtig und folgenlos sie sei, allerdings tatsächlich auf alle Errungenschaften im Schlepptau von Gutenbergs Druckmaschinenerfindung verzichte, sei doch eher zweifelhaft. Die Aufklärung, der Humanismus und die Vernunftphilosophie hätten doch gravierendere Spuren hinterlassen, die blieben.

Gibt es aber, frage ich, eine Renaissance des Religiösen? Tönnies, Hegel und Luhmann haben jeweils Transformationen religiöser oder mythischer Kommunikation in der modernen Kommunikation beobachtet. Ist Ähnliches bereits im Wandel zur nächsten Gesellschaft beobachtbar? »Es gibt ein Wiedererstarken der Religion, das darf man nicht übersehen«, sagt Baecker. Es gebe eine Konjunktur der Religion, die heute gängigen, intuitiven Annahmen widerspreche, dass Religion immer etwas mit einem Götterglauben zu tun haben müsse.18Klenk, Moritz 2012. New Religious Movements in Global Perspective: A Systems Theoretical Approach. Zeitschrift für junge Religionswissenschaft 01/12, 58. URL: http://www.researchgate.net/publication/261472144_New_Religious_Movements_in_Global_Perspective_A_Systems_Theoretical_Approach. Wenn sich nun sogar ein altes Zitat Hegels rückblickend so deuten ließe, als könne man die Tageszeitung als religiöse Reliquie in die Geschichte eingehen lassen, was spricht dann eigentlich dagegen, das Smartphone schon heute in dieser Tradition zu sehen? Immerhin fällt es nicht schwer, die Präsentation neuer Geräte als Messen, die Debatten über ihre Qualität als Mission und den zeremoniellen Kauf samt Inbetriebnahme vor Publikum als Pilgerei und Gebet zu interpretieren. »Die Maschine beziehungsweise der Bildschirm und die Vernetzungsmodalitäten, die man an ihm erlebt, sind ein guter Kandidat für eine quasi-religiöse oder sogar religiöse Verehrung, die von den Kirchen der Internetgesellschaft, nämlich Onlineplattformen und Massenpredigten, geschickt ausgenutzt werde«, sagt Baecker. Diese Perspektive eröffne beispielsweise eine interessante Chance für Martin Heideggers Technikbegriff, fügt er an. »Er wird gern zitiert als jemand, der das Gestell als bedrohliches Verbergen des Seins vor dem Menschen beschrieben hat. Das ist aber nicht alles. Wenn man ›Die Frage nach der Technik‹ von 1953 richtig liest, kommt am Ende die Wendung, Technik im Sinne der Griechen wieder als Kunst zu verstehen, ›techné‹. Jeder technische Vorgang wird dann, wenn er nicht trivial ist, sondern sich auf Komplexität einlässt, eine Selbsterkundung des Menschen in der sich selbst erkundenden Welt. Insofern könnte und müsste der Mensch in seinem Geschick wieder ernst genommen werden. Wir würden dann in der Tat dazu neigen, das iPhone, das wir in unseren Taschen mit uns tragen, als eine Form der mystischen Vergewisserung unseres In-der-Welt-Seins zu verehren.«

Das klingt kompliziert, ist aber einfach zu verstehen. Es gibt sogar empirische Studien dazu. Eine behauptet, dass unsere Bereitschaft zu spontanem prosozialen Verhalten im selben Maße schrumpft, in dem unser Gefühl wächst, unser Smartphone halte unser Leben mit dem unserer Liebsten im Einklang.19Abraham, Ajay T., Pocheptsova, Anastasiya & Ferraro, Rosellina 2012. Effect of Mobile Phone Use on Prosocial Behavior. Smith School of Business, University of Maryland. URL: http://www.researchgate.net/profile/Anastasiya_Pocheptsova/publication/267687748_The_Effect_of_Mobile_Phone_Use_on_Prosocial_Behavior/links/5464f06d0cf25b85d17d2287.pdf. Wer ein Smartphone mit sich trägt, fühlt sich der sozialen Situation, in der er konkret steckt, weniger verpflichtet: Wir zeigen heute geringere Bereitschaft, fremden Menschen auf der Straße zu helfen, weil unser soziales Wohlbefinden weniger vom Zustand der Welt vor unseren Augen abhängt.

Diesen Mechanismus hat Facebook bereits gezielt bedient. Bei der Vorstellung der Quartalszahlen im Juli 2014 beschrieb Mark Zuckerberg auf Nachfrage vor Investoren eine neue Strategie: Als Facebook zehn Jahre zuvor startete, habe es im Netz nur eine globale Öffentlichkeit und abgeschottete E-Mail-Kommunikation gegeben. Heute dagegen gebe es zwischen diesen Extremen facettenreiche Kommunikationsmöglichkeiten. Also habe man sich bei Facebook entschieden, den »sozialen Raum« neu zu definieren.20Schulz, Stefan 2014. Sogar Facebook entdeckt noch Neuland. Digital Twin, F. A. Z.-Blog 28. Juli. URL: http://blogs.faz.net/digitaltwin/2014/07/28/facebooks-will-jetzt-privatsphaere-765/. Der Schritt war gewaltig. Das erste Mal in der Firmengeschichte schraubte Facebook seine Privatsphäre-Regelungen zurück. Wer heute auf Facebook gemäß der Standardeinstellungen kommuniziert, öffnet sich nicht mehr einer globalen Öffentlichkeit, sondern erreicht im Schnitt hundert bis 150 Menschen – jene, die in irgendeinem Bezug zu einem selbst stehen, sei es als Freunde, Freundesfreunde, Familienangehörige, Abonnenten oder Menschen, die hin und wieder per Like oder Share miteinander interagierten.

Dirk Baecker versteht den Schritt gut. »Auf Facebook postet man nicht, man vernetzt sich.« Konnte sich der Psychologe Manfred Spitzer, als Warner vor einer »Digitalen Demenz«, nur darüber empören, dass Menschen im Urlaub plötzlich belanglose Bilder von ihrem Mittagessen auf Facebook posten, ist für den Soziologen Dirk Baecker die Erklärung eines solchen Verhaltens nicht schwer. Diese Posts seien eine »Information, die sich deutlich an die Freunde richtet, die man ihnen in Kombination von Lebenssignalen und Impressionsmanagement zukommen lässt«. Er zitiert den Soziologen Erving Goffman: »Keine Performance ohne Audience.« Facebook sei als lebendiges Adressbuch zu verstehen, das heute »zum Testen der eigenen Akzeptanz im Milieu herangezogen« werden könne. Zuckerbergs Entscheidung zeige das starke Netzwerkverständnis von Facebook, sagt Baecker.

Der Eindruck, der mir nach dem Gespräch mit Dirk Becker blieb, erschreckt mich. Eigentlich müssten wir die Kulturgeschichte des Fremden heute neu schreiben, aber wir lesen nicht einmal die vorhandene nach. Begriffe wie »Öffentlichkeit«, »Publikum«, »Milieu«, »Freund«, »Person« und weitere brauchen anscheinend ebenso neue Fundamente. Als Facebook den »Freund« neu definierte, waren sich viele empört einig, dass man es im Digitalen mit etwas Unechtem zu tun habe. Milliarden digitaler Freundschaftsbekundungen haben an der Ignoranz gegenüber der neuen sozialen Wirklichkeit allerdings nichts geändert. Wir haben vor Facebooks praktischer Intelligenz kapituliert.