Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen

Wer die neuen Regeln macht

Lässt sich all das bis hierhin Gesagte zum verwirrenden Medienjahr 2015 zumindest in einem einheitlichen und verständlichen Fazit zusammenziehen? Ja. Die Entwicklungen lassen sich auf einen Nenner bringen. Die Bestandsaufnahme beginnt mit dem Autor Nicolas Clasen, der im Sommer 2013 die Turbulenzen in der Medienbranche aus wirtschaftlicher Sicht beschrieb.91Clasen, Nicolas 2013. Der digitale Tsunami: Das Innovator’s Dilemma der traditionellen Medienunternehmen oder wie Google, Amazon, Apple & Co. den Medienmarkt auf den Kopf stellen. München: CreateSpace Independent Publishing Platform. Die Frage, wie viel man als Konsument von dem Wirbel mitbekam, zeigt exemplarisch die Frage eines Journalisten: Anfang 2015 wurde Clasen von Stefan Winterbauer gefragt, ob der »digitale Tsunami« schon da gewesen sei oder erst noch komme.92Winterbauer, Stefan 2015. Die nutzlose Reichweite von Google und Facebook: »Digitaler Tsunami«-Autor Nicolas Clasen über Publisher im Teufelskreis. Meedia 26. Januar. URL: http://meedia.de/2015/01/26/die-nutzlose-reichweite-von-google-und-facebook-digitaler-tsunami-autor-nicolas-clasen-ueber-publisher-im-teufelskreis/ [Stand 2015–03–31]. Die Antwort fiel Clasen leicht. Er sagte, die Welle ziehe sich gerade zurück, und während die Flut abzieht, denken sich einige, »prima, da ist ja jetzt Platz, da können wir eine Beach-Bude oder ein Volleyballfeld hin bauen«. Die Metapher klingt merkwürdig, ist aber treffend. Das erfolgreichste Medien-Start-up der vergangenen fünf Jahre, das schon genannte »heftig.co«, errang als Zwei-Mann-Betrieb mit drei Veröffentlichungen am Tag die Aufmerksamkeit von bis zu fünfzig Millionen Besuchern pro Monat. Der dafür mitverantwortliche Peter Schilling erklärte sein Konzept bei seinem ersten öffentlichen Auftritt, bei dem er über seine Website sprach, so: »Nachrichten sind doch deprimierend auf Dauer.«93Schilling, Peter 2015. Heftig.co-Gründer Interview | New Platform Advertising | Online Marketing Rockstars. URL: https://www.youtube.com/watch?v=pdtAYcw4bd4 [Stand 2015–06–22]. Daher besann er sich in seiner Arbeit auf rührselige Hoffnungsgeschichten, in den meisten Fällen mit Video und wenig Text. Wer ihm den Erfolg nachmachen wollte, hält sich am besten an seine wirtschaftliche Strategie. »Facebook macht die Regeln. Wenn die die Regeln ändern, muss man das sehr schnell mitkriegen. Und man muss die Möglichkeit haben, schnell darauf zu reagieren. Wenn einem das gelingt, muss man sich wenig Sorgen machen.«

Die Zukunftssicherheit der Medienanbieter, die sich an Facebook orientieren, ist gewahrt. Die Umfragen unter Jugendlichen, in dem Fall von tausend Zwölf- bis Sechzehnjährigen in England, ergibt ein eindeutiges Bild: Jugendliche, die auf ihre Geräte verzichten müssen, fühlen sich traurig. Fragt man Eltern jüngerer Kinder, sagen sie, dass sogar ihre zweijährigen Kinder die Tabletcomputer zu Hause nicht weniger nutzen als sie selbst. Obendrein faszinieren und begeistern die Kleinkinder ihre Eltern mit ihren Fähigkeiten am Gerät, die sie sich intuitiv selbst lehren.94Intersperience 2012. ›Digital Futures‹ Project: Kids under-12 feel »sad« without internet connection. intersperience.com 30. Januar. URL: http://www.intersperience.com/news_more.asp?news_id=46 [Stand 2015–04–02]. Dieses Phänomen allerdings betrifft alle Altersklassen. Wir verwenden die digitalen Informationstechnologien, ohne jemals ein Handbuch dazu gelesen zu haben. Entsprechend besorgniserregend sind die Ergebnisse einer Studie der Medienwissenschaftlerin Birgit Stark von der Universität Mainz. In ihrem Ende 2014 erschienenen Sammelband zur »Googelisierung« bewertete sie die Kombination aus unserem »Mangel an Wissen« darüber, wie Google funktioniere, und unseres »Vertrauens in Googles Objektivität« als »äußert kritisch«. Weder in Gesprächen noch im Konsum anderer Medienangebote sei der Mensch mit der Art »niedrigem kognitiven Aufwand« an seinem Verhalten beteiligt wie bei der Benutzung von Google. Mehr als die Hälfte der Probanden ihrer Untersuchung folgten den Vorschlägen an Suchbegriffen, die Google während der Eingabe eines Suchbegriffs unterbreitet.95Stark, Birgit 2014. Die Googleisierung der Informationssuche: Suchmaschinen zwischen Nutzung und Regulierung. Berlin: De Gruyter (Media Convergence / Medienkonvergenz, 10). Stark stellte 1012 Probanden allgemeine Fragen zum Funktionieren von Google und gab jeweils zwei Antwortmöglichkeiten vor. Gerade einmal 25 Befragte konnten die acht Fragen fehlerfrei beantworten.

Man kann diesen ernüchternden Zahlen andere gegenüberstellen. Auch wenn es nun etwas albern klingt und man nicht genau weiß, was diese Zahl tatsächlich bedeutet, ist sie doch interessant: Während der Mensch sein Gehirn langsam abschaltet, seine Orientierungsfähigkeit an Google Maps abgibt und sein Gedächtnis an Googles Adressbuch, rüstet Google intern auf. Die Arbeitsgeschwindigkeit von Google betrug im Sommer 2015 rund vierzig Terabyte pro Sekunde.96Metz, Cade 2015. Revealed: The Secret Gear Connecting Google’s Online Empire. Wired 17. Juni. URL: http://www.wired.com/2015/06/google-reveals-secret-gear-connects-online-empire/ [Stand 2015–06–22]. Die größte Herausforderung der Ingenieure des Unternehmens ist derzeit die Länge der Kabel zwischen den Datenspeichern und den Computerprozessoren. Die könnten nämlich viel schneller arbeiten, wenn sich die Daten zwischen ihnen schneller als bloß mit Lichtgeschwindigkeit transportieren ließen.

Entsprechend deutlich ist die Einschätzung des Unternehmens vom Zustand der Welt. Eric Schmidt sieht die Welt schon heute in der Hand von »smarten Kreativen«, die sich der Vorteile seiner Technologie bedienten und nur noch nach vorn schauten. Zumindest in einem Fall bedient sich Schmidt für seine Zeitdiagnose noch eines historischen Begriffs. Die Manager von heute, die sich in Meetings treffen, dort debattieren und dann zu Entscheidungen kommen, die sie eigentlich in jeder weiteren Sekunde revidieren müssten, vergleicht er mit »sowjetischen Politbürokraten«. Das Ende der Geschichte läutet er damit noch nicht ein, aber in einem Halbsatz und sehr salopp das Ende der Marktwirtschaft. Ihre Zeit sei schlicht »vorüber«.

Journalisten, die unter diesen Bedingungen noch Erfolg haben möchten, flüchten derzeit nach vorn. Die neue Chefredakteurin des »Guardian«, Katherine Viner, trimmt ihr für viele Konkurrenten vorbildliches Unternehmen auf Reichweite und verklärt Paywalls, also eine Direktfinanzierung durch das Publikum, zu Teufelszeug.97Viner, Katharine 2015. Journalismus – Der Aufstieg des Lesers. Freitag 26. März. URL: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/der-aufstieg-des-lesers [Stand 2015–03–29]. Der ehemalige »New-York-Times«- Mitarbeiter und Designer Khoi Vinh beendet mit einem Halbsatz das Zeitalter des Dokuments. Im Onlinegeschäft gehe es für den Journalismus doch nur noch um den Dialog. Der deutsche Journalist Dirk von Gehlen, der diese Idee in einem seiner Bücher aufgriff, kombiniert sie mit einer Idee des BBC-Journalisten Peter Horrocks, der in seinem Sender für die »Global News« zuständig ist: Die Publikation eines Artikels oder einer Sendung sei nicht das Ende der journalistischen Arbeit, sondern ihr Beginn.98Gehlen, Dirk v. 2013. Eine neue Version ist verfügbar – Update: Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert. 1. Aufl. Berlin: Metrolit.

Das bedeutet dreierlei: Der in Ruhe geschriebene und in Ruhe zu lesende journalistische Text verliert gegen die Echtzeitberichterstattung an Bedeutung. Diese wiederum setzt ohnehin auf das Format Video. Und dass die Distributionswege von den neuen IT-Giganten betreut werden, zählt zu den neuen Selbstverständlichkeiten. Die inhaltlichen Leitlinien wanderten aus den Redaktionen in die Datenzentren ab, ohne dass sich nachvollziehen lässt, was sie eigentlich vorgeben. Erkennbar sei nur ihre allgemeine Bedeutung, die sich als gesellschaftliche Macht schon zeige, kritisiert die Autorin und Aktivistin Jillian York: »Die Onlineräume der Unternehmen sind die neue Öffentlichkeit. Sie geben vor, welche Redefreiheit gestattet ist und welche nicht.«99Hopkins, Curt 2015. Internet-freedom superstar Jillian York talks privacy, free speech, and zonkies. Dailydot.com 16. Juni. URL: http://www.dailydot.com/politics/jillian-york-eff-interview-free-speech-zonkies/ [Stand 2015–06–22]. Eine Nuance düsterer ist der Hinweis, den Zeynep Tufekci anschließt: Die Erregungsproteststürme des Netzes, die in Deutschland häufig »Shitstorms« genannt werden, täuschten immer wieder darüber hinweg, dass es sich hierbei nicht um gesellschaftlich folgenreiche Debatten handle, sondern um einzelne emotionale Ablenkungen.100Tufekci, Zeynep 2014b. Online social change: easy to organize, hard to win. Rio de Janeiro. URL: http://www.ted.com/talks/zeynep_tufekci_how_the_internet_has_made_social_change_easy_to_organize_hard_to_win#t-10443 [Stand 2015–04–01]. Eine jagte die nächste, ohne dass man sich noch erinnern kann, welche Sau vor einem Monat, vor einer Woche oder vor drei Tagen durchs digitale Dorf getrieben wurde. Die alles sagende Zahl dazu stammt von Mike Sall, Produktdesigner der renommiertesten Blogplattform dieser Jahre, »Medium.com«. Er schrieb im Dezember 2013 darüber, wie aussichtslos die Bemühungen schreibender Journalisten im Netz sind. Egal wovon ein Text handle, wie sehr er den Leser interessiere und fasziniere oder als wie bedeutend er angesehen werde – nach sieben Minuten hört die Mehrheit der Leser auf, sich weiter mit dem Text zu befassen.101Sall, Mike 2003. The Optimal Post is 7 Minutes. Data Lab (Medium.com) 2. Dezember. URL: https://medium.com/data-lab/the-optimal-post-is-7-minutes-74b9f41509b [Stand 2015–04–05]. Die Aufmerksamkeitsökonomie folgt inzwischen strengen Naturgesetzen. Am schlüssigsten zusammengefasst wurde all das von Jacob Brogan, Journalist bei »Slate«: Immanuel Kant habe einst gesagt, dass die Französische Revolution überall in Europa diskutiert wurde, sei so wichtig gewesen wie die Revolution selbst. Heute, so Brogan weiter, haben wir Livestreaming-Apps, die uns die Revolutionen vor Augen führen. Nur verwechselten wir die Diskussion mit der Beobachtung eines Geschehens. »Wenn uns diese Apps überhaupt etwas bieten können, sind es nicht Information über ein Geschehen, sondern das Gefühl, bei etwas dabeizusein.«102(»If these apps had anything to offer, it wasn’t information about the tragedy; it was the feeling of participation in it.« Brogan 27. 03. 2015 #56D) Brogan, Jacob 2015. Live-Streaming Apps Like Meerkat and Periscope Aren’t Changing the News. Slate.com 27. März. Online im Internet: URL: http://www.slate.com/articles/technology/technology/2015/03/meerkat_and_periscope_the_live_streaming_apps_aren_t_changing_the_news.html [Stand 2015–03–28].

Die utopischen Manifeste zur neuen Zeit wurden schon geschrieben. Beispielsweise die »Declaration of Liquid Culture« der Unternehmer und Medienwissenschaftler Jörg Blumtritt, Sabria David und Benedikt Köhler.103Blumtritt, Jörg, Köhler, Benedikt & David, Sabrina 2012. Declaration of Liquid Culture. memeticturn.com 24. April. URL: http://memeticturn.com/declaration-of-liquid-culture/ [Stand 2015–03–31]. Sie sind in weniger als sieben Minuten zu lesen und handeln von neuen gesellschaftlichen Dialogen im Netz als unbegrenztem Möglichkeitsraum, in dem sich »die Rolle des Kreativen als Schöpfer seines Werks auflöst«. Weitere Gedanken dazu gibt es reichlich, beispielsweise im Cluetrain-Manifest aus dem Jahr 2000, an das Katharine Viner erinnert, dokumentiert vom »Freitag«: »Was, wenn die eigentliche Anziehungskraft des Netzes nicht in innovativem Schnickschnack liegt, nicht in knalligen Auftritten oder irgendwelcher beeindruckenden Technologie – sondern darin, dass es uns zur prähistorischen menschlichen Faszination fürs Geschichtenerzählen zurückführt? Mittelalterlich, altgriechisch oder prähistorisch: Suchen Sie sich was aus.«104Viner, Katharine 2015. Journalismus – Der Aufstieg des Lesers. Freitag 26. März. URL: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/der-aufstieg-des-lesers [Stand 2015–03–29].