Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen
Der neue Platz für alten Journalismus
Die neuen Informationsvermittler wissen und beachten das. Zur selben Zeit, zu der der Google-News-Chef, Richard Gingras, in Berlin davon sprach, dass der »Journalist als Vertrauensanker«53Gingras, Richard 2015. »Was braucht der Journalist von morgen?: Podiumsdiskussion bei Google Berlin. Berlin. niemals an Bedeutung verlieren werde, änderte er die Ausrichtung seiner Plattform und öffnete Google News im Frühjahr 2015 für Quellen jenseits des redaktionellen Journalismus. Es sei schließlich das Ziel jedes Google-Nutzers, die »richtige Antwort« zu erhalten. Die kann von einer journalistischen Quelle kommen, ebenso aber auch als Pressemitteilung eines Unternehmens, als Notiz eines Bloggers oder als Streitschrift einer Gewerkschaft.54Bergin, Tom 2015. Google change allows company statements to top news searches. Reuters 11. März. URL: http://www.reuters.com/article/2015/03/11/us-google-news-idUSKBN0M729A20150311 [Stand 2015–03–28].
Es geht Google dabei nicht um die Nutzer von Google News, von denen es nämlich nicht sehr viele gibt, sondern um die Nutzer der allgemeinen Google-Suche. Werden nachrichtlich relevante Suchbegriffe eingegeben, erscheint an prominenter Stelle, nämlich vor den Suchergebnissen, eine kleine Liste von Artikeln in einer News-Sektion. Diese wird fortan nicht mehr nur von Journalisten gefüllt. Für Gingras war nicht länger nur die institutionelle Herkunft eines Textes entscheidend, sondern die Qualität des Textes, seine Rezeption und die Reputation der Quelle, die Google nun allerdings mit eigenen Mitteln misst. Das Unternehmen verfolgt seit einiger Zeit ihr sogenanntes »Trust Project«. Die Kredibilität von Inhalten im Netz ergebe sich durch die Auswertung von »Signalen«, sagte Gingras in Berlin. Er ließ das Publikum bewusst im Unklaren darüber, nach welchen Kriterien Google die Informationen bewertet und aufgreift oder verschweigt.
Nach seinen Ausführungen fragte ihn der deutsche Fernsehproduzent Friedrich Küppersbusch, was seine Arbeit von demjenigen unterscheide, der früher Druckmaschinen herstellte. Darauf erwiderte Gingras, er habe die Frage nicht verstanden. Tatsächlich hatte er die Antwort aber schon gegeben, zuvor sagte er nämlich: »Die Entscheidungen, die ich treffe, sind keine redaktionellen Entscheidungen«. Es seien »Entscheidungen von Maschinen, die kumuliert widerspiegeln, wie Nachrichten von Redaktionen und Lesern verwendet werden.« Er zog sich also zurück auf den gesicherten Grund der Ingenieure: Not my department.
Doch er widersprach sich selbst. Google baut nicht nur eine neutrale Maschine, sondern kümmert sich auch um die Justierung der Stellschrauben (»Signale«). Dazu zählt sogar eine weitere Form von Ausbeutung, auch über sie sprach Gingras: Google bedient sich nämlich seit 2015 nicht nur an frei zugänglichen Texten, um sie den Nutzern anzubieten. Google schaut sich auch die Websites, von denen die Inhalte stammen, genau an und zieht aus ihrem Aufbau Erkenntnisse über die Relevanz der Stücke. Wertet Google beispielsweise die Website von »Spiegel Online« aus, um zu sehen, wie die Redaktion ein bestimmtes Thema auf der Startseite platziert und für wie lange, um auf Basis dieser Information die Google-News-Seite zu gestalten, spricht Gingras von »Crowdsourcing«. Gemeint ist damit tatsächlich eine illegitime Nutzung der Denkleistung anderer zur Steigerung des eigenen Profits.
»Spiegel Online« und allen Betroffenen bliebe nur eine Möglichkeit des Widerspruchs, nämlich Google die Nutzung aller Inhalte pauschal zu verbieten und auf mehr als die Hälfte aller Leser zu verzichten, die als Laufpublikum von Google und anderen Informationsvermittlern aus auf die Website gelangen. Die Pluralität der Medienwelt wird heute von Google gestaltet.
Dieses Google-Prinzip ist nicht neu. Die erste Idee der Google-Gründer, der PageRank, setzte schon darauf, die Einschätzung der Bedeutung eines Dokuments im Internet allein davon abhängig zu machen, wie es genutzt wird. Deshalb interessierte sich Google von Beginn an nicht für einzelne Dokumente, sondern für das Internet selbst – und zwar vollständig. So gewaltig das Netz heute ist, Google verfügt immer über eine aktuelle und vollständige Kopie, um in Windeseile nachvollziehen zu können, wie eine Website ins Verhältnis zu allen anderen zu setzen ist.