Das Ende der Zeitung
Die Trugschlüsse des digitalen Wandels
Rückblickend lassen sich die ausgetragenen Konflikte um die Arbeitsweise in den Redaktionen und die Bemühungen um Nähe zum Publikum nur schwer verstehen. Den Lesern waren sie zu Recht egal. Selbst die Versuche der Redaktionen, aktiver an ihr Publikum heranzutreten, tangierten die wenigstens. Die Ursachen des Medienwandels spielten sich schließlich ganz woanders ab – nicht in den Redaktionen, sondern bei den Lesern: Blättern und stöbern Menschen nicht durch Zeitungen oder Magazine, sehen sie also nicht auf den ersten Blick, was sich hinter einer Überschrift verbirgt und wie umfangreich ihre Zeitung oder ihr Magazin über den einzelnen Artikel hinaus ist, interessieren sie sich in der Regel für zwei Sorten von Informationen. Entweder suchen sie nach emotionaler Beschäftigung oder nach brandaktuellen Neuigkeiten. Sie lassen sich mit beidem wunderbar als Leser ködern, als suchten sie einfach nur Gesprächsstoff. Die morgendliche Beschäftigung mit einer Tageszeitung, der häufig als historisch-idyllisches Ideal nachgetrauert wird, ist tatsächlich mehr als pure Romantik. Mit dem Prinzip Tageszeitung geht ein Moment der bewusst gewählten intellektuellen Konzentration und sozialen Ruhe verloren. Ein Moment der bewussten Auseinandersetzung mit der Gesellschaft jenseits der eigenen Interessen und Horizonte. An seine Stelle trat das exakte Gegenteil, nämlich emotionale und kommunikative Aufgeregtheit. Nichts steht dafür deutlicher als der Erfolg von »heftig.co«, der für die Zukunft der Medien, selbst für die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« und das »heute-Journal«, prototypisch ist.
Ich muss es kurz erklären: Im Mai 2014 gerieten einige Redaktionen über ein seltsames Internetportal in Aufregung. Nach langem Rätseln wurde bekannt, wer hinter »heftig.co« steckte. Zwei Potsdamer Betriebswirtschaftler, die bereits erfolgreiche Onlineportale für Hobbyköche und Notare betrieben, hatten sich einem Experiment gewidmet. In die Sprache der Medienwissenschaftler übersetzt, lautete ihr Kalkül: Was wäre, wenn Marshall McLuhan recht hätte und der Satz »The medium is the message« stimmte, im Nachrichtengeschäft die Form der Mitteilung tatsächlich entscheidender wäre als die eigentliche Information? Der Versuchsaufbau war übersichtlich: Bei »heftig.co« wurden mehrmals am Tag alte Videos veröffentlicht, gerahmt von einem wenige Sätze umfassenden Text samt prägnanter Überschrift. Der Aufbau war stets ähnlich: Einem kurzen inhaltlichen Hinweis, worum es im Groben gehe, folgte eine emotionale Ich-Botschaft, beispielsweise: »… hat mich zu Tränen gerührt«, »… bekam ich eine Gänsehaut«, »… beschäftigt mich noch immer«. Die Leser wollten wissen, ob sie das betrifft. »heftig.co« avancierte zum am schnellsten wachsenden Medienangebot im deutschsprachigen Raum. In den Monaten des Rätselns darüber, wer hinter der Website steckte, spielte sie sich in der Reichweite in die Liga überregionaler Tageszeitung wie des »Handelsblatts« oder des »Tagesspiegels« empor. Im Dezember 2014 überholte sie sogar die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«. Erschüttert hat die Redaktionen neben der Reichweite aber noch eine weitere neue Kennzahl, deren Bedeutung vielen Verantwortlichen erst dieser Tage bewusst wurde. »heftig.co« übertrumpfte in Windeseile und mit zunehmendem Abstand alle deutschsprachigen Medienangebote beim Blick auf das Engagement seines Publikum. »heftig.co« hatte zeitweise fünfzig Millionen Besucher im Monat und schaffte es, sie mehr als 2,6 Millionen Mal zu motivieren, Artikel per Twitter oder Facebook zu teilen. Der Anteil der Leser, die nicht nur lasen, sondern die Artikel dann auch ihren Freunden empfahlen, lag bei bis zu sieben Prozent. Im selben Zeitraum lag diese Quote für »bild.de« bei rund 0,2 Prozent.11Schröder, Jens 2014. 10 000-Flies-Like-Medien des Monats: Zenit schon überschritten? Heftig fällt auf Platz 2 zurück. 10000flies.de 16. Juli. URL: http://www.10000flies.de/blog/10000-flies-like-medien-des-monats-zenit-schon-uberschritten-heftig-fallt-auf-platz-2-zuruck/ [Stand 2014–07–16].
Alle Medieninstitutionen, ob »Tagesschau«, »Süddeutsche Zeitung« oder junge YouTube-Stars, haben davon gelernt und profitiert. Angesprochen wird fortan der Einzelne, geweckt werden Emotionen, Erwartungen und das Bedürfnis nach Interaktion. Das stille, aber wissensdurstige Publikum geriet aus dem Blick. Niemand soll bloß lesen, jeder soll sich einbringen – im Idealfall Inhalte per Mail oder sozialer Netze empfehlen. Dieses Prinzip des Teilens, das inzwischen so banal und alltäglich scheint, ist ein wirkmächtiger, aber noch immer weithin unverstandener Mechanismus. Er hält den Journalismus in Atem, weil von ihm die künftigen ökonomischen Möglichkeiten abhängen. Zahlt der Leser nicht direkt für sein mediales Angebot, bleibt zur Finanzierung nur die Werbung – wobei die Reichweite, also bloße Anzahl an Klicks, an Bedeutung verliert. Erfolgreich vermarkten lässt sich das Engagement des Lesers. Merkmale dafür sind die Dauer, die er auf einer Seite verbringt, und seine Bereitschaft, sich einzubringen, Inhalte zu kommentieren, zu teilen und zu empfehlen.
Die redaktionelle Arbeit stellte das auf den Kopf. Das traditionelle journalistische Ideal ist schnell beschrieben: Üblicherweise nimmt sich ein kluger und unabhängiger Autor eines relevanten Themas an, das er wie kein Zweiter für Leser und Zuschauer aufbereitet. So funktioniert der meinungsstarke Leitartikel auf der Titelseite, das große Lesestück auf Seite 3 und auch die kurze Glosse im Feuilleton. In der neuen Medienrealität reicht diese kluge und glückliche Kombination von Thema, Text und Autor jedoch nicht aus. Besonders wirkmächtig sind journalistische Mitteilungen dann, wenn das Publikum sie selbst übernimmt. Ein Text erhält eine neue Form von Relevanz, wenn er Lesern von Freunden oder Bekannten empfohlen wird. »heftig.co« gibt, ebenso wie der renommierte »The Economist«, gar keine Autorennamen in Artikeln an, sondern verlässt sich auf seine engagierten Leser, die als »Empfehler« die Funktion des Autors übernehmen und den Inhalt eines Artikels mit einer Person verknüpfen – ihn autorisieren.
Facebooks Greg Marra bringt es auf eine einfache Formel: Er helfe mit seinem raffiniertem Facebook-Newsfeed Menschen, »die Welt durch die Augen ihrer Freunde zu sehen«, schreibt er über sich und seine Arbeit in seinem Facebook-Profil. Und er belässt es bei diesem einen Satz.
Keine andere Form der Mitteilung entwickelt eine so gewaltige Zugkraft wie die persönliche Empfehlung. Das gilt für das Marketing von Produkten, es gilt für politische Wahlentscheidungen und für die allgemeine Meinungsbildung. Mund-zu-Mund-Propaganda wurde ausgerechnet in Zeiten der totalen Vernetzung das Maß aller Dinge. In der journalistischen Arbeit und ihrer kaum vorhandenen wissenschaftlichen Reflexion wurde in den vergangenen Jahren aber über kaum ein Thema so wenig nachgedacht wie über die redaktionell kaum planbaren Leseempfehlungen des Publikums. Stattdessen zeigt man sich genervt von einem angeblich aufmüpfigen Publikum, dessen sichtbare Vertreter als »Trolle« die Kommentare bevölkern und mit ihrem »Geschwätz« im Netz an der Ehre einzelner Redakteure kratzen. Nur über eine Sache herrscht noch weniger Klarheit – über die aus unerfindlichen Gründen in den Himmel gelobte Bedeutung des Papiers für zeitsensiblen und deswegen auf Displays eigentlich viel besser aufgehobenen Journalismus.
Die Medienhäuser steuern, abgesehen von den Kennzahlen, die sie aus allen erdenklichen Quellen bekommen, im Blindflug durch den Medienwandel. Das Schwinden von Papier und Publikum – die vermeintlichen und wahren Garanten ihrer Autorität – bringt sie ins Stolpern. Die Redaktionen balancieren heute auf einem schmalen Grat. Nur in Einzelfällen fallen ökonomisch notwendige Reichweite und publizistisch erhoffte Relevanz noch zusammen. Geht es nicht um Katastrophen wie in Fukushima oder um Kriege vor Europas Haustüre sind es häufig Ereignisse, die weder mit Aktualität noch Emotionalität vermarktet werden können, auf die es tatsächlich ankommt. Denn auch 2015 gilt, dass in der Politik dicke Bretter gebohrt werden, und nicht, dass bei Gipfeltreffen Götter entscheiden. Ebenso werden die Entwicklungen in Unternehmen von Planung und Zufall bestimmt, und nicht ausschließlich von prominenten Managern, so prägnant ihre Visionen und Verfehlungen auch sein mögen. Natürlich dürfen sich Journalisten für Köpfe interessieren, aber sie sollten die Konzepte und Kommunikationen dahinter nicht übersehen. Die Veränderungen journalistischen Arbeitens in Krisenzeiten – was man heute redaktionellen Alltag nennen kann – entsprechen jedoch verqueren Erwartungen und folgen merkwürdigen Zielen. Langfristig werden sie weder produktive noch konstruktive Strukturen schaffen. Der organisierte Journalismus verläuft sich in den Weiten des Internets, und er tappt dabei ständig in Fallen.
Es ist paradox: Während behauptet wird, die Welt werde komplizierter, schrumpft das journalistische Erklärungsangebot vom Umfang einer Zeitung auf die Länge eines Textes, dessen Aussage am besten in einem Tweet untergebracht werden soll. Aber worüber informiert er uns? Über die Welt? Das galt schon für die Zeitungen, als sie noch alternativlose und überwältigende Informationsvermittler waren, nur bedingt. Deutlich wird uns der verlorene Wert der Zeitung heute: Wer eine Zeitung las, informierte sich nicht nur darüber, was in der Welt vor sich ging. Er informierte sich auch darüber, was Menschen, die Zeitung lasen, lasen, wenn sie sich darüber informierten, was in der Welt passierte. Wer eine Zeitung liest, will wissen, was Präsidenten und Professoren wissen, denen er unterstellt, dass sie dieselbe Zeitung lesen. Gleichwohl wollen diese Eliten wissen, was die Welt über sie weiß. In der Zeitung stand es, sie war, wie es Arthur Miller am schönsten sagte, der Ort, an dem die Gesellschaft ihr Gespräch mit sich selbst führte.
Zeitungen boten kollektive kommunikative Reflexion, die wie soziale Magie wirkte, die wir aber banalen Technologien geopfert haben, als der Glaube um sich griff, dass es nützlich sei, in Lichtgeschwindigkeit über Flugzeug-Notlandungen vor der Skyline von Manhattan informiert zu werden. Dem kleinen, erquickenden, aber unbrauchbaren Gewinn an Aktualität und Attraktivität fiel alles zum Opfer. Unsere Computer, die wir inzwischen ständig in unseren Hosentaschen mit uns tragen und nachts mit unter die Bettdecke nehmen, haben uns aus den kommunikativen Labyrinthen hinaus auf informative Schnellstraßen geführt. Aber sie lügen uns etwas vor und verführen uns zu Irrglauben. Tatsächlich hat ein Tweet heute eine Halbwertszeit von 24 Minuten.12Rey, Benjamin 2014. Your tweet half-life is 1 billion times shorter than Carbon-14’s. URL: http://blog.wisemetrics.com/tweet-isbillion-time-shorter-than-carbon14/. Wer sich per Twitter über die Welt informiert, darf keine Sekunde blinzeln, will er nicht vor einem unlösbaren Puzzle und Welterklärungen als Stückwerk verzweifeln. Enthält ein Tweet einen Link, hat derjenige, der ihn abschickte, den so empfohlenen Text im Durchschnitt nicht einmal selbst bis zur Hälfte gelesen.13Manjoo, Farhad 2013. You Won’t Finish This Article: Why people online don’t read to the end. URL: http://www.slate.com/articles/technology/technology/2013/06/how_people_read_online_why_you_won_t_finish_this_article.html. Nur vier Prozent der Leser des Tweets werden den Link überhaupt anklicken.14Zarella, Dan 2012. How to Get More Clicks on Twitter. URL: http://danzarrella.com/infographic-how-to-get-more-clicks-on-twitter.html. Das ist die optimistische Zahl. Realistisch ist eher, was Derek Thompson in »The Atlantic« behauptet: »99 Prozent meiner Arbeit auf Twitter bleiben bei Twitter.«15Thompson, Derek 2015. What Good Is Twitter? The Atlantic 16. Februar. URL: http://www.theatlantic.com/business/archive/2015/02/the-unbearable-lightness-of-tweeting/385484/ [Stand 2015–02–17]. Die Tweets des Journalisten sahen im Januar 2015 zwei Millionen Twitter-Nutzer, sie teilten seine Tweets weit häufiger, als sie die Links anklickten. Das geschah nämlich nur in einem Prozent der Fälle. Twitter vermittelt folglich keine Realität, es schafft sich eine eigene, die weniger durch Bezüge zu Wahrheit und Wirklichkeit denn durch Geschwindigkeit kurz verfängt. Börsencomputer – die ersten zum Entscheidungshandeln befähigten Maschinen, die Intelligenz gegen Geschwindigkeit eintauschten – nutzen diese Möglichkeiten, eigene Realitäten zu kreieren und sich an ihnen zu orientieren. Weshalb schon vorkam, dass mit bis zu 30 000 Fake-Accounts erprobt wurde, Börsenkurse zu manipulieren.16Spehr, Michael 2014. Börsenmanipulation mit gefälschten Twitter-Accounts? Frankfurter Allgemeine Zeitung 12. August. URL: http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/computer-internet/nach-dem-hashtag-crash-boersenmanipulation-mit-gefaelschten-twitter-accounts-13091045.html [Stand 2014–08–13]. Die Aktion war erfolgreich. Im April 2013 reichte sogar ein einzelner Tweet, mit dem die Nachrichtenagentur »Associated Press« fälschlicherweise Angriffe auf das Weiße Haus und Verletzungen Barack Obamas vermeldete, um die amerikanischen Fortune-500-Unternehmen an der New Yorker Börse für ein paar Minuten zweihundert Milliarden Dollar weniger wert sein zu lassen.17Lauricella, Tom, S. Stewart, Christopher & Ovide, Shira 2013. Twitter Hoax Sparks Swift Stock Swoon. The Wall Street Journal 23. April. URL: http://www.wsj.com/articles/SB10001424127887323735604578441201605193488 [Stand 2015–02–17]. Ebenso lässt sich politische Wahrheit heute einfach fabrizieren: Amerikanische Geheimdienste versuchten, Kubas Regierung mit manipulierten Kurznachrichtendiensten zu destabilisieren.18Butler, Desmond, Gillum, Jack & Arce, Alberto 2014. US secretly created ›Cuban Twitter‹ to stir unrest. Associated Press 4. April. URL: http://bigstory.ap.org/article/us-secretly-created-cuban-twitter-stir-unrest [Stand 2015–02–17]. Nicht zuletzt verwenden Parteien und Unternehmen Twitter für ihre Werbebotschaften. Bosch nutzt mehr als 350 Twitter-Accounts, um neue Formen des »Storytellings« auszuprobieren.19Schmidtke, Michael 2014. Corporate Storytelling und Digital Campaigning bei Bosch. Stuttgart. URL: http://www.researchlab-db.com/nextcc-konferenz-2014/. Dass Kanzleramtsminister Peter Altmaier im Februar 2014 Twitter als die »schärfste Waffe der Demokratie«20Altmaier, Peter 2014. Tweet: »Twitter ist heute die schärfste Waffe der Demokratie: Wir haben es nur noch nicht bemerkt!« URL: https://twitter.com/peteraltmaier/status/430100048844967936. bezeichnete, verwundert nicht. Schon seit Jahren profitiert Kanzlerin Angela Merkel von den rapide aufwallenden und ebenso schnell verebbenden Empörungswellen im Internet, die bloßen Stimmungen folgen und den gefährlichen Brechern der redaktionellen Massenmedien, die mit Autorität überwältigten, heute die Kraft rauben. Die Piratenpartei mag in »Shitstorms« verendet sein, die Regierungsparteien lassen sie kalt – zu Recht. Es ist nämlich ganz anderes zu beobachten: Umso mehr die regierenden Parteien die Gesellschaft im Modus der Krisenbewältigung und Katastrophenabwehr regieren, desto mehr bringen sie das Primat der Politik zur Geltung. Alle Augen werden auf die Bundespolitik gerichtet, obwohl schon nach wenigen Wochen egal ist, was konkret über Banker, Griechen und Flüchtlinge gesagt wurde. Eine Aufklärung über dieses Phänomen fehlt. Niemand nimmt sich für sie Zeit.
Der Trugschluss, neue Medien als demokratischere, schnellere, schlicht bessere Medien zu betrachten, liegt auf der Hand. Er verbirgt sich insbesondere in der hämischen Kritik, mit der Redaktionen von Tageszeitungen heute konfrontiert werden. Dabei gilt der zentrale Vorwurf an sie gerade nicht: Mit den Zeitungen verschwand nicht eine technische Form der Informationsvermittlung, die bloß abbildete, was in der Gesellschaft vor sich ging. Es verschwand stattdessen ein Teil der Gesellschaft selbst, der die Funktion erfüllte, die Gesellschaft mit sich selbst zu konfrontieren, der wichtige Wortmeldungen Einzelner legitimierte und autorisierte, der Unbeteiligte zu Betroffenen machte und von Beteiligten Verantwortung einforderte. In derartiger Kürze dargestellt, ist es ein idealisiertes Bild. Noch kürzer formuliert gilt aber: In einer Zeitung stand nicht, was gestern Wichtiges passierte, sondern was heute und morgen wichtig werden sollte – ohne dass sich die Verantwortlichen und Angesprochenen einfach davonstehlen konnten. Das Verschwinden der Zeitung – nicht ihr unternehmerisches Dasein, sondern ihre Stimme von Autorität – riss eine Lücke in die Gesellschaft.
Es ist wichtig, an Zeitungen nicht nur als papierenes Verbreitungsmedium zu erinnern, sondern auch darüber zu diskutieren, was jenseits des umständlichen Vertriebsprinzips mit Zeitungen verlorenging, ohne wie ebenso häufig zu verschweigen, was tatsächlich gewonnen werden kann, wenn redaktioneller Journalismus auf die neuen, digitalen Kanäle einschwenkt. Er spielt sich schließlich schon seit zwanzig Jahren auch auf Displays ab und damit vornehmlich auf Geräten, die als Garant und Symbol der Freiheit sogar »das eigene Auto« in den Schatten stellen. Allerdings wurde der Journalismus im Internet in Ketten gelegt. Das verwirrt und betrübt, denn der historischen Gegenprobe hält der derzeitige Journalismus trotz seines beklagenswerten Zustands nicht stand: Niemand bei Verstand kann gutheißen, dass auch heute noch allabendlich für viele Millionen Euro Texte auf Hunderte von kilometerlangen Papierbahnen gedruckt, landesweit ausgeliefert und nachts zu Fuß zugestellt werden. In diesem Eingeständnis liegt auch die Antwort auf eine soziale Frage: Der Hamburger Bauer-Verlag ist nicht der Erste, der seine Zusteller nicht mehr bezahlen konnte. 2014 setzte sich die Branche deshalb geschlossen und erfolgreich dafür ein, dass der Mindestlohn für die 300 000 Zusteller in Deutschland nicht gelten sollte, sofern sie nur Zeitungen austrügen. Der Bauer-Verlag war jedoch der Erste, der schon vor der Einführung des Mindestlohns Ende 2014 dadurch auffiel, einige seiner 35 000 Zusteller darum zu bitten, Arbeitsverträge auf ihre minderjährigen Kinder umzuschreiben.21Priller-Gebhardt, Lisa 2014. Nur kein Mindestlohn: Bauer sucht minderjährige Zusteller. URL: http://www.wuv.de/medien/nur_kein_mindestlohn_bauer_sucht_minderjaehrige_zusteller. Für die gilt der Mindestlohn nämlich auch dann nicht, wenn Zusteller neben den Zeitungen und Zeitschriften auch Werbeblättchen in den Briefkästen verteilen. Zeitungen noch auf Papier zu lesen wird somit auch eine Angelegenheit der Moral. Dabei gilt schon seit Jahren: Zeitungen lassen sich schneller, günstiger, bequemer und umweltschonender direkt auf unsere Smartphones liefern, auf unsere Computerbildschirme und Tablets, die Wände in Flughäfen und Bahnhöfen, auf unsere Uhren, demnächst auf Kaffeemaschinen, Badezimmerspiegel und selbst auf unsere Kopfkissen.
Daraus jedoch entsteht eine paradoxe Situation. Ausgerechnet jetzt, da die digitale Informationsinfrastruktur vorhanden und erprobt ist, jeden potenziellen Leser binnen Sekunden sicher zu erreichen, versagen die Zeitungen ihren Dienst. Ihnen fehlt schlicht der Mut, sich vom Papier zu trennen. Dabei könnten Zeitungen wie die »Süddeutsche« oder die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« so jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag einsparen und sofort in ihre inhaltliche und redaktionelle Arbeit investieren. Grob überschlagen: Würde die F. A. Z. ihre Zeitung nicht mehr drucken, sparte sie 150 Millionen Euro im Jahr. Dieses Geld würde für 2500 Autoren reichen, die pro Monat fünftausend Euro Gehalt und Spesen erhalten könnten. Alternativ ließe sich mit dem Geld jedem Abonnenten ein Tabletcomputer im Wert von 750 Euro überreichen, auf dem er seine Zeitung künftig lesen könnte. Man hörte in den vergangenen Jahren sehr häufig vom »goldenen Zeitalter für Journalismus«. Der ehemalige »Zeit-Online«-Chefredakteur Wolfgang Blau äußerte sich in diesem Sinne.22Blau, Wolfgang 2010. Serie: Wozu noch Journalismus? – Es geht erstaunlich gut. Süddeutsche Zeitung 20. Mai. URL: http://www.sueddeutsche.de/medien/serie-wozu-noch-journalismus-es-geht-erstaunlich-gut-1943587. Der Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald23Greenwald, Glenn 2013. Global Lunch Showcase: Surveillance and Secret Government. Rio de Janeiro. URL: http://puc-riodigital.com.puc-rio.br/Videoteca/8_-Congresso-da-Abraji/Global-Lunch-Showcase%3A-Vigilancia-e-segredos-de-governo-23381.html [Stand 2014–10–23]. und die umstrittene Arianna Huffington24Huffington, Arianna 2013. Bezos, Heraclitus and the Hybrid Future of Journalism. Huffington Post 14. August. URL: http://www.huffingtonpost.com/arianna-huffington/future-of-journalism_b_3756207.html., die ihre Autoren nicht bezahlt, sprachen davon, ebenso Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner25Döpfner, Mathias 2013. Wir Zweckpessimisten. Die Welt 12. Januar. URL: http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article112717204/Wir-Zweckpessimisten.html., mit Verweis auf das kommende digitale Papier und wie so oft ein wenig euphorisch der »Spiegel-Online«-Pionier und Digital-Chef der F. A. Z. Mathias Müller von Blumencron.26Müller von Blumencron, Mathias 2014. Podiumsdiskussion. Berlin. Das »goldene Zeitalter für Journalismus« ist ein gemeinsamer Nenner, auf den sich alle einigen können. Tatsächlich geben die Medienhäuser und ihre Zeitungen aber ein ganz anderes Bild ab, als wären sie die Ersten, die der Wirkmacht ihres geschriebenen und gesprochenen Wortes misstrauten, als wäre der journalistische Text nichts wert, würde er nicht auf Papier gedruckt. Die Zeitungen sind sich selbst die größten Gegenspieler, weil sie in der neuen Medienrealität nie geklärt haben, was sie von den vielen neuen digitalen Publikationen eigentlich unterscheidet. Sie überbewerten und überfordern folglich das Papier, als ihr vermeintlich einziges Alleinstellungsmerkmal, für das sie – da können sie sich in letzter Sicherheit wiegen – keine Konkurrenz fürchten müssen. Die Zeitungen sind in eine Falle getappt, die sie selbst aufgestellt haben.