Das Ende der Zeitung
Was von der Zukunft für die Zeitung übrig bleibt
Ohne Not geriet die Arbeit der Redaktionen in einen Strudel, der Reichweite versprach, aber Relevanz kostete. Die »Süddeutsche Zeitung« zahlt ihren Volontären heute nicht einmal tariflichen Lohn und stellt seit Jahren nur noch Mitarbeiter, kaum Redakteure, ein. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« entschied zwischenzeitlich, keine Volontäre mehr auszubilden. Inzwischen beginnt zumindest alle zwei Jahre ein kleiner Jahrgang die Ausbildung. Bemerkenswert ist, dass fünf junge Volontäre im ersten Lehrjahr weniger als 15 000 Euro im Monat kosten. Anders ausgedrückt: Der Verlag der Zeitung müsste nicht einmal drei ganzseitige Anzeigen zum vollen Preis verkaufen, um sich die Volontärsgruppe ein Jahr lang leisten zu können. Dem Feuilleton der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, das lange als intellektuelles Energiezentrum Deutschlands galt, ist es Anfang 2015 gelungen, einen Redakteur einzustellen. Dieser ökonomische Kraftakt glückte, weil eine Stelle spontan frei wurde und weil sich die Redaktion schon 2014 mit einer anderen Vorgabe ihrer Geschäftsführung einverstanden erklärte: Mehr als ein halbes Dutzend altersbedingter Abgänge aus der Feuilleton-Redaktion werden nicht ersetzt. Die bedeutendsten deutschsprachigen Tageszeitungen haben sich entschlossen, der Rationalität der Maschinen, die die Medienwelt heute bestimmen, keine menschliche Intelligenz mehr entgegenzusetzen. Der »Tagesspiegel« verzichtete im Oktober 2015 auf alle Zuarbeiten von freien Journalisten für den Rest des Jahres.
Von Entscheidungen lässt sich bei all dem eigentlich nicht sprechen, tatsächlich sind es ökonomisch erzwungene Unterlassungen. Erzwungen von der eigenen Ignoranz zuvor. Die Redaktionen und ihre Verleger denken nicht mehr mit. Die überwiegend alten Mitglieder der bestehenden Redaktionen wissen nicht, womit sie es zu tun haben und zu tun bekommen. Sie hoffen einfach, dass sich ihre überregionalen Feuilletons mit Honoraren von 75 Cent pro Zeile anständig füllen lassen, während Redakteure mit alten Verträgen und sechststelligen Jahresgehältern pro Monat vier Theateraufführungen kenntnisreich besprechen und alles Weitere ignorieren. Ganze Redaktionen wundern sich plötzlich darüber, wie dünn ihre Zeitung in den vergangenen Jahren geworden ist, weil sie sie nie ohne den Wasserbauch aus Lokalteil und Werbeeinlagen in die Hand bekamen. Und dann fallen sie aus allen Wolken, wenn Leserstudien ermitteln, dass einzelne Texte im Schnitt von wenigen tausend Menschen gelesen werden, da doch im Vergleich dazu behauptet wird, die Reichweite des Blatts liege im Bereich von Millionen Lesern.
Aber weiß das Publikum mehr? Die neuen sozialen Medien treten mit Transparenz- und Demokratisierungsversprechen auf, die noch viel Euphorie und wenig Skepsis wecken. Schon den alten Medien hafteten ähnliche normative Theorien an, die allesamt nicht aufgingen: Die GEZ-Gebühr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde nicht in eine »Demokratie-Abgabe« verwandelt, wie es Jörg Schönenborn versprochen hatte.27Schönenborn, Jörg 2012. »Ein Beitrag zur Funktionsfähigkeit der Gesellschaft«. URL: http://www.ard.de/home/intern/presse/pressearchiv/253050/index.html. Der WDR-Chefredakteur arbeitet, weil ihm von seinem Publikum mit der Haushaltsabgabe Zwangsgelder gezahlt werden. Nicht einmal Jean-Jacques Rousseau, der wohl wie kein anderer für die Idee verantwortlich ist, der Journalismus erfülle staatstragende Aufgaben in Form einer »vierten Gewalt«, hatte dabei die Demokratie im Blick. Ihm war mit der Gewaltenteilung am Funktionieren des Rechtsstaats gelegen. Die Tageszeitung war von dem Glauben, sie erfülle die Aufgabe einer »Publikative«, immer überfordert. Keine einzelne Redaktion und erst recht kein einzelner Journalist kann mit einer Verantwortung für die Demokratie belastet werden. Nicht weil Korruption und Unfähigkeit die Redaktionen beherrschen, wie Kritiker gerne unterstellen. Sondern weil der Alltag hektisch ist und das journalistische Produkt nur schlecht geplant werden kann. Das Unvermögen der einzelnen Redakteure und Redaktionen wird von einem ganz anderen Zauber aufgefangen: Pluralismus. Die Medienbetriebe können ihre Aufgaben nur erfüllen, wenn sie in einer lebendigen Medienlandschaft operieren. Wenn die überregionalen Tageszeitungen aber bloß auf eine Gesamtauflage von weit weniger als eine Million Exemplaren kommen – ist es mit der Medienlandschaft nicht weit her. Letztlich, das gilt für alle redaktionellen Medien zu allen Zeiten, steht einem beträchtlichen Überangebot an Ideologien – so demokratie- und freiheitsbejahend sie sind – ein gravierender Mangel an Reflexion gegenüber. Das wird jetzt, da es offensichtlich wird, zunehmend zum Problem, das Zeitungen orientierungslos macht: »Fragen Sie sich nicht: ›Wer liest uns denn eigentlich noch?‹ Wir werden noch gelesen!« Im redaktionsinternen Gespräch bleibt den Zeitungen nur der autosuggestive Appell.
Medientheorien, die konkrete journalistische Arbeit als gesellschaftlich unverrückbar darstellen und jenseits ökonomischer Logik für erhaltenswert erklären, folgen häufig nichts Weiterem als allzu praktischen, nämlich ökonomischen Wünschen – weshalb sie auch nur noch von klagenden Verlegern hochgehalten werden. Es sind umständlich herbeiargumentierte Ideologien aus Verlegenheit, die über Geschäftsmodelle nicht hinausschauen. Überzeugende Gründe, die ihre Ansprüche untermauerten, wurden nie vorgebracht. Es gab und gibt zu wenige ernst zu nehmende Medienwissenschaftler, die sich mit fruchtbaren Theorien und Reflexionen des Medienbetriebs annehmen. Neben den universitären Ausbildungsbetrieben sind es heute nur die unzähligen Medienpreisverleihungen, zu denen an konkreten Texten ständig neu überprüft wird, welche Berufs-Praxis gelingt und welche Berufs-Ethik gilt, und wann auch dann von gutem und erfolgreichem Journalismus gesprochen werden kann, wenn das Publikum es anders sieht. Entsprechend bemerkenswert sind die dort ausbrechenden Eklats. Im Mai 2011 erkannte die aus renommierten deutschen Chefredakteuren und Herausgebern bestehende Jury des Henri-Nannen-Preises dem vier Tage zuvor ausgezeichneten Journalisten René Pfister seinen Egon-Erwin-Kisch-Preis wieder ab.28DPA 2011. Jury zieht Ehrung für »Spiegel«-Redakteur Pfister zurück. Stern 10. Mai. URL: http://www.stern.de/kultur/buecher/henri-nannen-preis-2011-jury-zieht-ehrung-fuer-spiegel-redakteur-pfister-zurueck-1683234.html [Stand 2011–05–10]. Der ursprünglich preisgekrönte Text über Horst Seehofer, erschienen im »Spiegel«, befasste sich mit einer Deutung politischen Führungsstils. Der Autor entschied sich für einen szenischen Einstieg, der ihm als Gleichnis diente, und stellte den bayerischen Ministerpräsidenten als Herrscher über eine Modelleisenbahn vor. Den Keller, in dem die von ihm genannte Eisenbahn steht, hatte Pfister jedoch nie betreten.
Die Jury machte ihm daraus einen Vorwurf. Aufgrund der »besonderen Ansprüche« an die ausgezeichneten Autoren sei Pfisters Arbeit des Preises nicht würdig. An der Qualität des Textes bemängelte die Jury nichts, sie unterstellte dem Autor auch weder eine Fälschung noch ein Plagiat oder ein sonstiges Vergehen. Die journalistische Arbeit ist also selbst für die an ihr Beteiligten und von ihr Betroffenen ein ständiges Rätsel. Der organisatorische und ökonomische Stress, dem sie heute ausgesetzt ist, wird von Facebook & Co. weniger verursacht als bloß verdeutlicht. Was der Medienwandel mit sich bringt und bedroht, wurde nie geklärt, sondern nur beklagt. Schuldzuweisungen überdecken bislang alle Versuche, zu verstehen, was passiert. Über René Pfister lassen sich noch immer mit vielen Redakteuren stundenlange Gespräche führen. Greg Marra dagegen bleibt weiterhin unbekannt und die Folgen seiner Arbeit für und gegen den redaktionellen Journalismus ebenso unverstanden. Facebooks Spielregeln gelten wie Naturgesetze, als hätte Georg Franck mit seiner »Ökonomie der Aufmerksamkeit« 1998 eine Bibel für Medienmenschen vorgelegt.29Franck, Georg 1998. Ökonomie der Aufmerksamkeit: Ein Entwurf. München: Hanser (Edition Akzente). Der Untertitel des Buchs lautet aber: »Ein Entwurf«. Es ist nämlich längst nicht ausgemacht, dass sich Menschen nur noch für die Dinge interessieren, die den Kampf um ihre Aufmerksamkeit gewinnen. Fest steht aber nun, das haben die vergangenen Jahre gezeigt: Ein mediales Angebot, das es nicht gibt, kann von Lesern nicht wahrgenommen werden. Wenn Medienhäuser entscheiden, dass die Zeitung mit dem Papier verschwindet – verschwindet sie.
In eine verlockende Zukunft schaut nur Greg Marra, er weiß, worauf seine Arbeit langfristig hinausläuft: Noch vor zehn Jahren waren Informationen für Parteien, Unternehmen, Universitäten und engagierte Bürger knappe Güter. Beschaffung und Konsum kosteten Zeit und Geld. Dieses Prinzip hat sich verkehrt. Medienhäuser verschenken ihre Produkte heute in großem Ausmaß. In jeder Ecke des Internets, in Blogs, sozialen Netzwerken, auf Bewertungsplattformen und als persönliche Korrespondenz entsteht heute pro Tag zusätzlich weit mehr Text, als Journalisten zuvor in Jahrzehnten produzierten. Dazu kommt, dass zunehmend alles, was elektronisch geschieht oder elektronisch beobachtet werden kann, als Quelle für informationsverarbeitende Systeme taugt und folglich auch genutzt wird. Das Auto, Gebäude, Personen, Bäume, biologische Zellen, Dachziegel, alle Regungen lebendiger Organismen lassen sich heute oder demnächst informationstechnisch ausbeuten. Die »signals intelligence«, deren Grenzenlosigkeit die westlichen Geheimdienste – beziehungsweise an ihrer Stelle Edward Snowden – so eindrücklich vorgeführt haben, sind künftig zivile und hoffentlich durchweg nützliche, vielleicht sogar weithin transparent eingesetzte Technologien. Sie verweisen auf den Paradigmenwechsel: Informationen werden nicht mehr gesucht, um konkrete Fragen zu beantworten. Sie stehen stattdessen einfach zur Verfügung, können sortiert und strukturiert werden, ohne dass vorher geklärt werden muss, zu welchem konkreten Nutzen man sie verarbeitet. Schon heute sind unternehmerische und politische Programme, Institutionen und Systeme essenziell auf die bloße Verfügbarkeit der Informationsströme angewiesen. Immer seltener greifen Menschen mit Ideen und Intentionen in diese automatisiert verarbeiteten Datenströme ein. Computer lernen, selbständig mit ihnen umzugehen, ohne dass es noch von Bedeutung sein wird, dass Menschen verstehen, was da vor sich geht. Wahrscheinlich wird man im Journalismus erst dann auf die Technikvorsprünge aufmerksam, wenn Facebook beginnt, Hasskommentare zielsicher und automatisiert auszusortieren. Dass das wiederum der unspektakulärste Anwendungsfall für selbstlernende Maschinen ist, wird wahrscheinlich wieder übersehen.
Schon jetzt gilt für die Medienhäuser, die zuvor gegen die Informationsknappheit anarbeiteten: Unabhängig davon, welche Befürchtungen und Hoffnungen der automatisierte Umgang mit dem Informationsüberfluss wecken wird, werden die Systeme fleißig arbeiten, häufig sehr gut funktionieren und uns ständig überraschen, mit neuen Möglichkeiten genauso wie mit enttäuschten Erwartungen. Der gemeine Bürger – vormals Zeitungsleser – wartet darauf. Am instruktivsten beschrieb es Moshe Rappoport, ein wie ein Prediger auftretender, bärtiger und alle per Du ansprechender IBM-Mitarbeiter. Seit 45 Jahren arbeite er in der Informationsindustrie, erzählte er bei der Herbsttagung des Bundeskriminalamts Ende 2013. Seit fünf Jahren staune er nicht mehr über die Technologien, sondern über die Menschen. Nach Jahrzehnten der mühevollen Überredung vieler Manager-Generationen, unternehmerisches Handeln mit Computern zu unterstützen oder gar zu automatisieren, stellen ihm die neuen, jungen Unternehmenslenker nun ganz andere Fragen: »Gibt es denn nicht ein System, das mir, wenn ich ratlos bin, eine ›next best action‹ empfehlen kann?« Was IBM schon immer auf den Markt bringen wollte, wofür es aber jahrzehntelang keinen Absatzmarkt gab, wird nun von den ersten »Millennials« im Manager-Alter freimütig eingefordert.
Große Unternehmen wie IBM geben dabei den Ton an und investieren Milliarden in ihre Vorreiterrolle. Schon im vergangenen Jahrzehnt etstand ein gigantischer Markt für unzählige Unternehmen, die unternehmerische Prozesse analysieren, um optimierend in sie einzugreifen. Die Unternehmen werben damit, jede verfügbare Information in beliebige Entscheidungsabläufe fruchtbar einspeisen zu können. Dass einzelne Kalkulationen mehrere Millionen Datenpunkte einbeziehen und nicht weniger Rechenschritte absolviert werden, schreckt die Nutzer nicht mehr ab. Sie sehen sich zu Recht als Profiteure der Entwicklung.
Ohne Frage erfordert dieser neue Umgang mit Informationen noch reichlich wissenschaftliche Reflexion darüber, welche Rolle unternehmerische Verantwortung spielt, wie Ressourcen und Personal heute eingesetzt werden. Auf der Hand liegt jedoch auch ohne weitere Sozialforschung, dass das morgendliche Studieren einer Tageszeitung nicht mehr essenziell dem unternehmerischen Handeln der neuen Manager und genauso wenig der politischen Planung junger Verwaltungsstrategen vorausgeht. Die Zeitungen werden aber immer noch unter dieser Prämisse produziert. Statt Anpassungen vorzunehmen, beispielsweise zeitsensible Nachrichten ausschließlich online zu publizieren und den kostbaren Print-Platz für weiterführende, erklärende und reflektierende Lesestücke zu verwenden – also nicht Online- und Print-Redaktionen zusammenzulegen, sondern die Rezeptionslogik von Online- und Print-Journalismus miteinander zu integrieren –, entschieden sich die großen deutschen Tageszeitungen genau entgegengesetzt. Sie drucken, was sie für relevant halten, publizieren ihre Texte somit einen halben Tag und eine Nacht später als nötig. Und sie nutzen ihre Internetpräsenz anschließend hauptsächlich als digitales Duplikat ihrer gedruckten Zeitung. Sie sind folglich online zu spät und gedruckt uninteressant. Daran ändert auch nichts, dass einzelne Meldungen, die für den vorherigen Druck nicht in Frage kommen, zügig online publiziert werden. Dass es ökonomischer Unsinn und medialer Wahnsinn ist, dieselben nebensächlichen Nachrichten im Minutentakt und obendrein im Agentursprech hundertfach parallel zu publizieren, versteht sich in den Redaktionen aber immer noch nicht von selbst.
Die Testfrage ist ganz einfach: Würde man die überregionalen Tageszeitungen 25-jährigen Redakteuren in die Hand geben, würden sie mit der Relevanz der gedruckten Zeitung und der Reichweite der Website so umgehen wie die 55-jährigen, die sie heute tatsächlich in der Hand haben – oder würden sie nicht stattdessen alles genau andersrum machen? Und worum würde es inhaltlich gehen? Würde das Politikbuch mit einem Zitat des höchstrangigen Politikers aufmachen, der sich am Vortag einen aufregenden Satz entlocken ließ? Würde die junge Wirtschaftsredaktion eine Dauerberichterstattung von Bilanzpressekonferenzen abliefern? Würde das Feuilleton drei Theateraufführungen in einer Ausgabe besprechen? Oder würde man sich nicht stattdessen darauf einigen, Prominenz und Aktualität im rechten Maß zu beachten und das Hauptaugenmerk auf eine Reflexion und Dokumentation der Geistesgegenwart legen, unabhängig von Parteien, Unternehmen oder von den Akteuren des Kulturbetriebs?
Die Antwort auf diese Fragen liegt auf der Hand. Aber an- statt sich beispielsweise der heute eigentlich notwendigen Aufgabe anzunehmen, die neuen technischen Informationssysteme ernst zu nehmen und sie journalistisch zu thematisieren, werden sie von den Redaktionen ignoriert, was – es klingt wie ein Treppenwitz – dazu führt, dass sie gegen sie als Konkurrenten verlieren. Der Journalismus versagt immer wieder aus denselben Gründen: Aus Betriebsblindheit operiert er auf der falschen Ebene, und vor lauter Konkurrenzbeobachtung verschwendet er seine Kräfte im Kampf gegen Windmühlen. Am deutlichsten tritt dieses Problem im politischen Journalismus zutage. Von Bundeskanzlerin Angela Merkel weiß man, dass sie ihr politisches Handeln vor allem an Meinungsumfragen ausrichtet und dass sie sich für nichts so sehr interessiert wie für ihre Präsenz in den Medien.30Becker, Sven & Elmer, Christina 2014. Geheime Umfragen: Wie Merkel die Befindlichkeiten der Deutschen ausforscht. Spiegel Online 9. September. URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/umfragen-von-angela-merkels-regierung-a-990296.html [Stand 2015–04–05]. Statt dass sich Redaktionen an der Gesellschaft orientieren, politische Themen schöpfen und soziale Fragen aufwerfen, konzentriert sich der politische Journalismus auf das öffentliche Handeln der politischen Prominenz. Die Parlamentsberichterstattung deutscher Medien orientiert sich bei ihren angeblich politischen Beobachtungen so eng an der Vorstellung von Zentrum und Peripherie, dass man glauben könnte, über eine Monarchie zu lesen. Dem Vergleich hält nur die Sportberichterstattung stand: Breitensport gibt es nicht, Prominenz schlägt alles. Die Gesellschaft und ihr Alltag finden im Tageszeitungs-Journalismus der Gegenwart nicht statt.
Dass der Arbeitsalltag der Bundeskanzlerin bedeutsamer, für viele folgenreicher und schlicht interessanter ist als das Leben des namentlich unbekannten Jedermanns, das steht außer Frage. Wie allerdings auch, dass es recht wenige gute Gründe dafür gibt, für eine in ihrer journalistischen Arbeit so festgefahrene Institution wie eine deutsche Tageszeitung tausend Euro pro Jahr auszugeben. Diesen Preis strebt beispielsweise die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« für die nächsten Jahre an, im Glauben, ihn wert zu sein. Verglichen damit ist das jährliche Update der Taschencomputer, das heute vielen Menschen am Herzen liegt, für einen Spottpreis zu haben. Auf den Smartphones und Tabletcomputern lassen sich dann ohnehin die reichhaltig gefüllten Websites der Tageszeitungen lesen, zusätzlich aber auch YouTubes Kultur-Archiv durchstöbern, Facebook und Twitter nutzen, die Welt virtuell bereisen, und vieles auch heute noch Unerdenkliche mehr.
Da es um die knappe Ressource Aufmerksamkeit geht, liegt es nahe, die Tageszeitungen als Opfer einer technikgetriebenen und deswegen gerne als schöpferische Zerstörung benannten, unaufhaltsamen Entwicklung zu sehen. Diese einfache Erklärung vernebelt allerdings die Sicht. Allein schon deswegen, weil sie nicht weiter als wenige historische Wimpernschläge zurückblickt und die Zukunft allein in den engen Schranken von Wünschen und Vorstellungen sieht. Unabhängig davon, welchem Autor man die Entdeckung der Ununterscheidbarkeit von Schöpfung und Zerstörung im Lauf der Dinge zuschreibt – in Frage kommen keine Geringeren als Marx, Nietzsche oder Schumpeter –, ist diese Idee mindestens fünfzig, vielleicht sogar 150 Jahre alt. Nur wird sie heute mit einer modernen Ideologie verknüpft, was ihr bestenfalls den Anschein einer Neuheit verleiht. Dass neue Medien einen Strukturwandel der Öffentlichkeit auslösen, der dem Publikum Demokratisierungsideen schmackhaft macht, ist nicht neu. Jürgen Habermas hat schon in seiner Habilitationsschrift davon geschrieben.31Habermas, Jürgen 2010. Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. 1. Aufl., unveränd. [12.] Nachdr. der Ausg. 1962, ergänzt um ein Vorw. zur Neuaufl. 1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 891). Träger der Demokratisierungs-Hoffnung war bei ihm das Flugblatt, ehe es als Werbeträger ökonomisch ausgebeutet wurde. Und Bertolt Brecht hat mit seiner »Radiotheorie« vorgedacht32Wöhrle, Dieter 1988. Bertolt Brechts medienästhetische Versuche. Köln: Prometh Verlag., was die Grundlage dafür sein könnte, dass später Andy Warhol lapidar jedem Bürger »fünfzehn Minuten Weltruhm« voraussagen konnte. Aber selbst das ist schon mehr als 45 Jahre her, von Marshall McLuhans frühen Voraussichten und flotten Sprüchen ganz zu schweigen. Viele Ideen, die heute bei Podiumsdiskussionen über digitale Medien vorgetragen werden, findet man seit langem in jeder halbwegs gut sortierten Bibliothek.
Einen substanziellen Unterschied zwischen alten und neuen Verbreitungstechnologien gibt es allerdings doch: Flugblätter und Rundfunkempfänger antworteten nicht. Smartphones dagegen sind nicht nur ständig auf Empfang, sie sind auch stets feedbackbereit. Diese Innovation treibt die Beobachter der Gegenwart in den Wahnsinn. Sie steht im Verdacht, Grenzen einzureißen, beispielsweise die zwischen Konsumenten und Produzenten, und das nicht nur im Journalismus. Sie weckt Hoffnungen auf neue Formen des Miteinanders, zeigt neue Möglichkeiten für Engagement und Partizipation – und geht bei alledem weit darüber hinaus, was bloß traditionelle Verbreitungsmedien je vermochten. Doch auch diese üblichen Diskussionsstränge führen in eine Sackgasse. Umso mehr über die sachlichen Möglichkeiten von Technologien gesprochen wird, desto häufiger wird die soziale Notwendigkeit von Medien vernachlässigt. Tatsächlich wird gar nicht gesehen, dass Technologien und Medien gar nicht austauschbare Begriffe sind, sondern zwei verschiedene Seiten derselben Medaille.