Das Ende der Zeitung
Wo die Zeitung noch Leser findet, zerstört sie sich selbst
Nur im Onlineangebot per Website ließen sich in nennenswerter Anzahl neue Leser finden: Der Vertrieb einzelner Texte, ohne direkte Kosten für die Leser, aber mit störender Werbung – das ist das bislang einzige nennenswerte Modell. Die Medienhäuser können das Netz allerdings nur für sich nutzen, wenn sie sich seiner Logik beugen. Und die gibt Greg Marra vor. Nur über ihn finden Zeitungen noch Leser, die sich eigentlich gar nicht für Journalismus interessieren, aber ihm dann doch ihre Aufmerksamkeit schenken. Zur Erinnerung: 78 Prozent der befragten Amerikaner sagten vor zwei Jahren, sie lesen per Facebook Nachrichten – obwohl nur sechzehn Prozent dies vorhatten.
Die Redaktionen haben seit langem damit begonnen, ihre Produkte diesem Hoffnung versprechenden Nutzerverhalten anzupassen und grundlegend umzubauen. Sie zerstückeln ihre Zeitungen und Sendungen, um sie als einzelne Artikel und Clips vermarkten zu können. Während gegenwärtig darüber diskutiert wird, wie lange es gedruckte Zeitungen noch gibt – weil man sich eine ungedruckte Zeitung aus rein traditionellen Gründen auch heute nicht recht vorstellen will –, werden sie von ihren Machern selbst abgeschafft. Die technischen Prinzipien des Internets haben sich gegen die soziale Form der Institutionen des Zeitungsgeschäfts durchgesetzt. Der organisierte Journalismus wurde zum Zulieferer der neuen Informationssysteme degradiert.
An jedem Artikel oder Ausschnitt einer Sendung hängt heute ein Preisschild. Damit ging nicht nur die Querfinanzierung als ökonomisches Fundament der Medienproduktion verloren. Tatsächlich löste sich auch die innere Logik der redaktionellen Arbeit auf. Texte und die Prozesse ihrer Herstellung werden nicht mehr in ein inhaltliches Verhältnis zueinander gesetzt, sondern ökonomisch gegeneinander aufgewogen. Artikel werden für einen einzigen Zweck optimiert. Sie sollen sich möglichst lange in den Resonanzräumen des Internets bewähren. Vom Moment ihrer Publikation an verfällt ihr Wert im Sekundentakt. Texte, die aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Länge oder thematischen Spezialisierung als wenig attraktiv eingeschätzt werden, erscheinen in schwachen Klick-Zeiten, beispielsweise um zehn Uhr morgens, wenn in Deutschland die Arbeit beginnt, oder um siebzehn Uhr, kurz nachdem die Büros verlassen werden.
Wenn die Klickraten zur Mittagszeit zuweilen auf das Doppelte steigen, gehört die Bühne den aufrüttelnden Meinungsbeiträgen und prägnanten Kommentaren. Es geht dabei nicht mehr um den »Talk of the Town«, sondern um den Flurfunk, beispielsweise als gefällige Untermalung der Geselligkeit am Arbeitsplatz. In den Abendstunden ist Platz für ein prominent gespieltes Lesestück. Der Tag wird von den Redaktionen in neunzigminütige Zeitfenster aufgeteilt. Der Durchschnittsleser, der morgens, mittags, abends seine Lieblings-Nachrichtenseite aufruft und für vier Minuten und acht Klicks bleibt, soll ein ständig aktuelles Angebot vorfinden. Die Medienhäuser bieten es ihm heute in minutiös optimiertem Rhythmus.
Im Gegenzug entfiel die alte Bedeutung der redaktionellen Arbeit. Sie bildet nicht länger den Resonanzraum für das Denken und Reden in der Gesellschaft. Ein besonders klickträchtiges Thema lässt sich vielleicht zwei Mal durch inhaltliche Aktualisierungen »nachdrehen«. Nach fünf Stunden ist jedoch jede Attraktivität erloschen. Themen erhalten heute eine informationelle Halbwertszeit, die sich erschreckend genau quantifizieren lässt.