Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen

Gefühlter Journalismus

Wenn auch von den Medienwissenschaften weithin unbeobachtet, trat das Problem hierzulande nach dem Absturz der Germanwings-Maschine im April 2015 offen zutage. Journalisten wie der Chefredakteur der »Berliner Zeitung«, Peter Huth, sagten öffentlich: »Nur über Emotionalität kann man eine solche Katastrophe vermitteln.« Es war einer von zahlreichen Anlässen für eine Berichterstattung, die der Journalist und Autor Wolfgang Michal als »gefühlten Journalismus« beschrieb. Dieser stelle sich nämlich nicht mehr die Frage, was und weshalb zu vermitteln ist, sondern denke »betreuungs- und kundenorientiert: Wie nehme ich meinen Leser und Zuschauer mit in dieses Grauen?«72Michal, Wolfgang 2015. Gefühlter Journalismus. wolfgangmichal.de 1. April. URL: http://www.wolfgangmichal.de/2015/04/gefuehlter-journalismus/ [Stand 2015–04–02]. Das Leitbild des gefühlten Journalismus sei – passend zum unfähigen Journalisten – der »unmündige Bürger«. Die Frage, was es mit dem Liveticker-Journalismus auf sich habe, der abseits aller Tatsachen und Wirklichkeiten wild spekulieren und im Sekundentakt Neues produzieren muss, um interessant zu bleiben, beantwortete Christoph Herwartz, der solch einen Ticker bei »n-tv« verantwortete, mühelos: »Wir machen so lange weiter und liefern denen, die zum Trauern Nachrichten brauchen, diese Nachrichten.«73Niggemeier, Stefan 2015a. Nach dem Germanwings-Absturz: Jeder ist ein Medienkritiker. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 29. März. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/germanwings-absturz-jeder-ist-ein-medienkritiker-13511170.html [Stand 2015–03–29]. Alles andere würde, laut Herwartz, nämlich bedeuten, »diesen Menschen Informationen vorenthalten« zu wollen.

Zumindest sprachlich auf höherem Niveau beschrieb es ebenfalls im April 2015 Tom Standage, beim renommierten »Economist« zuständig für die digitale Strategie: »Tatsächlich verkaufen wir das Gefühl, gut informiert zu sein.« Sein Magazin sei »das Gegengift gegen die Informationsflut«.74Lichterman, Joseph 2015. The Economist’s Tom Standage on digital strategy and the limits of a model based on advertising. Niemanlab.org 1. April. URL: http://www.niemanlab.org/2015/04/the-economists-tom-standage-on-digital-strategy-and-the-limits-of-a-model-based-on-advertising/ [Stand 2015–04–03]. Standage beschreibt damit die Grundausrichtung seiner Branche. Instruktiv befasste sich der deutsche Journalist Stefan Mesch unter der Überschrift »Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt?« mit dem journalistischen Zeitgeist Anfang 2015: Medien »laden uns ein, immer wütender zu werden, über globale Ungerechtigkeiten und über einzelne Sätze, Ansichten, Entscheidungen und Marotten einzelner Menschen«.75Mesch, Stefan 2015. Charlie Hebdo – »Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt?« Freitag 7. Januar. URL: https://www.freitag.de/autoren/smesch/nimmst-du-das-hin-laesst-dich-das-kalt [Stand 2015–04–02]. Einen der aufschlussreichsten Texte zum Thema schrieb im März 2015 der Kolumnist Oliver Burkeman im »Guardian«. Er stellte nämlich fest, dass er gar nicht so sehr um den in jenen Tagen gestorbenen Terry Pratchett trauerte, wie es ihm seine schreibenden Kollegen vormachten, und so fragte er sich, ob die seit längerem diskutierte »Angst, etwas zu verpassen« (Fomo, Fear of missing out), die die sozialen Medien ihren Nutzern in die Köpfe brachte, schon unser Gefühlsleben erfasst habe. »Haben wir Angst, zu wenig oder falsch zu fühlen?«76Burkeman, Oliver 2015. Does social media also give us a fear of missing out … on grief? | Oliver Burkeman. Guardian 18. März. URL: http://www.theguardian.com/commentisfree/oliver-burkeman-column/2015/mar/18/social-media-fear-of-missing-out-on-grief [Stand 2015–04–02]. Zur Angst, etwas zu verpassen, gibt es reichlich akademische Arbeiten. Der interessanteste Hinweis kommt aber doch wieder von einer Betroffenen, hier von einer siebzehnjährigen Schülerin, die im »Standard« einen Gastartikel schrieb und an sich selbst belegte: Die Angst dreht sich weniger darum, etwas zu verpassen, als darum, in der Aufmerksamkeitsgunst seiner Freunde zurückzufallen. Deswegen greife sie ständig zum Handy, um sich rückzuversichern; um nachzuschauen, ob sie sich mit den anderen noch im emotionalen Gleichklang befindet oder doch mehr als ein bloßes »hey!« auszutauschen ist.77Zeinlinger, Tina 2014. Warum WhatsApp-Nachrichten immer sofort beantwortet werden. Der Standard 3. September. URL: http://derstandard.at/2000004796020/Warum-WhatsApp-Nachrichten-immer-sofort-beantwortet-werden [Stand 2015–04–05].

Ist unser modernes Mediennutzungsverhalten Folge einer Angst vor emotionaler Isolierung? Diese Frage lässt sich an dieser Stelle nicht beantworten, wir können nur uns selbst beobachten und Vermutungen anstellen. Harald Schmidt, nach eigenen Worten interessierter Beobachter mit abgeschlossener Vermögensbildung, beschrieb die generelle Emotionalisierung der Medien 2014 so: »Der Zuschauer ist daraufhin abgerichtet, und das halte ich sogar für systemrelevant. Wenn sie denken würden: ›Moment einmal, was bekomme ich da eigentlich geboten, oder kann man das auch anders sehen?‹, dann kommen sie vielleicht auf die Idee, sich zu fragen: ›Warum soll ich eigentlich für zweitausend Euro im Krankenhaus arbeiten? Eigentlich ist das doch mindestens zehntausend Euro wert.‹ Dann könnte es zu leichten Turbulenzen im öffentlichen Nahverkehr kommen. Deswegen glaube ich, dass eine Normierung von Reaktionen, was man zu empfinden hat, geboten ist, um einen zu einem anderen Menschen zu machen.«78Schmidt, Harald 2014a. Harald Schmidt bei Sternstunde Philosophie. Schweizer Radio und Fernsehen 25. Mai. URL: https://www.youtube.com/watch?v=wRD1NE-y28Q. Er hat es wie so häufig witzig gesagt, aber ernst gemeint: Sozial genormte Emotionalität, erwartbare kollektive Reaktionen seien systemrelevant: »Die Leute wollen zugeschmiert werden.«

Einmal mehr ist das neue Internet ununterscheidbar vom älteren Fernsehen. Die heutigen Medienmacher sehen es nämlich ganz ähnlich. Florian Mundt, der mit seinen Meinungsstücken zur Nachrichtenlage, verpackt in siebenminütige YouTube-Videos, rund drei Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum erreicht, glaubt auch an eine emotionale Leitlinie, die viele Menschen als Vorgabe brauchen, um sich orientieren zu können. »Das spielt eine große Rolle in Deutschland«, sagte er in einem Gespräch wenige Tage nach dem Germanwings-Unglück.79Mundt, Florian 2015. Germanwings Absturz – mit Stefan und Florian # MARIES STAMMTISCH. YouTube-Kanal von Marie Meimberg 4. April. URL: https://youtu.be/OHmYSAPE5F4.

Was der 28-jährige Mundt blindlings voraussetzt, ist für den dreißig Jahre älteren Harald Schmidt Folge einer Entwicklung. Auf einer Wiener Theaterbühne im Gespräch mit Peter Huemer, erklärte Schmidt sein Ausscheiden aus dem Fernsehbetrieb. »Ödipus, Hamlet, Peter Handke, Max Frisch – das ist nicht mehr präsent«, sagte er. Die humorvollen Umwege, sich den Wirren des Alltags zu nähern, konnte er nicht mehr gehen, weil es niemanden mehr interessierte. »Das Publikum gibt es nicht mehr, und es wächst auch nicht mehr nach.«80Schmidt, Harald 2014b. Harald Schmidt im Gespräch mit Peter Huemer. Gespräch im Stadttheater Walfischgasse, Wien 23. November. URL: https://www.youtube.com/watch?v=kJLjKEHoCRI. Den Zeitraum, innerhalb dessen das Mainstream-Publikum verdummte, schätzt Harald Schmidt auf zehn Jahre. Seitdem liegt der Humor hierzulande brach.

Diese zehn Jahre liegen hinter uns. Was sie für die nächsten zehn Jahre bedeuten, können wir heute schon voraussehen, beispielsweise mit Blick nach Amerika, wo der Informationen vermittelnde, wissensbasierte Journalismus spätestens seit Aufkommen und Erfolg von Fox News und der »Daily Show« mit Jon Stewart den Wandel hin zum Emotionen anleitenden Medium absolvierte. Wie verrückt es in Amerika tatsächlich zugeht, zeigt eine Studie der Fairleigh Dickinson University von 2012. Amerikaner, die Fox News schauen, wissen über die Welt, in der sie leben, weniger als Menschen, die gar keine Fernsehnachrichten schauen. Jon Stewarts »Daily Show« lag dagegen bei der Wissensvermittlung gleichauf mit den Talkshows am Sonntagmorgen und den Radioprogrammen von NPR, die beide weit mehr Zeit in Anspruch nehmen als der abendliche Klamauk bei Stewart.81Cassino, Dan, Woolley, Peter & Jenkins, Krista 2012. What you know depends on what you watch: Current events knowledge across popular news sources: People learn most from NPR, Sunday Morning Shows. ›The Daily Show‹. Fairleigh Dickinson University. URL: http://publicmind.fdu.edu/2012/confirmed/final.pdf. Nun hat eine Studie, die das Nutzungsverhalten abfragt und mit den Ergebnissen von Wissensfragen und politischen Präferenzen vergleicht, beschränkte Aussagekraft. Dennoch, in Amerika werden derzeit Debatten geführt, beispielsweise ausgelöst von Judith Miller, ehemalige »New-York-Times«-Autorin und Pulitzerpreis-Trägerin, die 2015 über ihre rund zehn Jahre zurückliegende Zeit bei der bedeutendsten Zeitung der Welt offenbarte: »Ich habe Amerika in den Irakkrieg geführt.«82Miller, Judith 2015. The Iraq War and Stubborn Myths. Wall Street Journal 3. April. URL: http://www.wsj.com/articles/the-iraq-war-and-stubborn-myths-1428087215 [Stand 2015–04–04].

In Deutschland ist solch eine Diskussion undenkbar, trotz der offensichtlichen Probleme, die die Berichterstattung über Putins Russland und Tsipras’ Griechenland 2015 mit sich brachte. Hierzulande – die nicht vorhandene Wissenschaft kann den Praktikern da nicht widersprechen – passieren Journalisten nach Selbstauskunft keine oder kaum Fehler, es gehe streng um die Sache, Gefühle und Stimmungen sind allenfalls unbeabsichtigte Nebenfolgen. »Aber am Ende seien wir doch selbstbewusst, dass unsere Redakteure und Korrespondenten, jedenfalls zu 98 Prozent hier, einen Prima-Job gemacht haben«, bewertet Chefredakteur Peter Frey die Nachrichten-Arbeit des ZDF zum Krieg in der Ukraine. Im Gegensatz dazu, diesen Widerspruch notierte Stefan Niggemeier in seinem Blog, sprach die WDR-Chefredakteurin Sonja Seymour Mikich schon ganz anders: »Wir sind Kriegsteilnehmer, ob wir es wollen oder nicht.«83Niggemeier, Stefan 2014. Von Putinverstehern und Journalistenverstehern. stefan-niggemeier.de 14. November. URL: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/19716/von-putinverstehern-und-journalistenverstehern/ [Stand 2015–04–05]. Und wie fern scheint uns der Ukrainekrieg, da wir inzwischen selbst in den Krieg zogen, ohne nur einmal über die Zuge in Syrien zu diskutieren?