Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen

Das Internet als beste und letzte Antwort

Wir beginnen dieses Kapitel wieder mit ein paar interessanten Namen. Da ist zunächst einmal Andrew Keen, der 2015 per Titel auf seinem aktuellen Buch behauptete: »The Internet is not the Answer«.1Keen, Andrew 2015a. The Internet is not the Answer. First edition: Atlantic Monthly Press. Dann Cory Doctorow, der, ohne Keen beim Namen zu nennen, im Sommer 2015 im »Guardian« – ebenso als Titel seines Textes – antwortete: »The internet is the answer to all the questions of our time«.2Doctorow, Cory 2015. The internet is the answer to all the questions of our time. The Guardian 15. Juni. URL: http://www.theguardian.com/technology/2015/jun/15/internet-answer-questions-of-our-time [Stand 2015–06–23]. Beide sind respektable Personen, die wahrscheinlich jeden Tag irgendwo auf der Welt – gerade auch im Silicon Valley – Vorträge halten könnten. Und so unterschiedlich ihre Titel-Thesen sind, beide würden doch ganz ähnlich argumentieren.

Keen ist auf der Bühne der Unterhaltsamere von beiden. In einem wahnwitzigen Gespräch bei der »Digital-Life-Design«- Konferenz Anfang 2015 in München fasste er sein Argument zusammen: Das Internet könnte einmal die Antwort auf die Frage sein, mit welchem Betriebssystem wir das 21. Jahrhundert betreiben.3Keen, Andrew 2015b. DLD15 – The Internet is not the Answer (Andrew Keen, Mike Butcher) – YouTube. Diskussion bei der DLD-Konferenz, München. URL: https://www.youtube.com/watch?v=8lV3YRJKLq8 [Stand 2015–07–29]. Noch stehe allerdings die »Disruption« zu sehr im Vordergrund. Dieser Begriff sei nämlich nicht nur ein aktualisierter Modebegriff für das aufblühende Internetzeitalter, sondern noch eher bittere als hoffnungsstiftende Wirklichkeit. Das Internet drohe derzeit mehr zu zertrümmern als zu erschaffen.

Dieses Argument griff auch der Sprecher des Chaos Computer Clubs, Frank Rieger, wenige Wochen später auf: Etliche Unternehmen, die als Plattformen die neue »shared economy« ermöglichten, schöpften ihren Wert fast ausschließlich aus der Umgehung der Regeln des funktionierenden Sozialstaats.4Rieger, Frank 2015. Einleitung in eine Diskussion zur »Arbeit 4.0« im Rahmen einer Veranstaltung der »Rhein-Main-Runde«. Frankfurt. Wenn private Fahrer institutionalisierte Taxifahrer ersetzten oder private Schlafzimmervermittlungen Hotelketten verdrängten, gelte das heute als unternehmerischer Erfolg – für die Betreiber der Plattformen und ihre Nutzer, die ihr Privatleben ökonomisieren. Möglich werde die Wertschöpfung für beide aber nur, weil sie zivilisatorische Errungenschaften – seien es Gewohnheiten oder Gesetze – links liegenließen. Europäische Behörden haben schließlich keinen Zugriff auf amerikanische Server, und wer sein Bett oder sein Auto für zehn Stunden pro Woche anderen zur Verfügung stellt, interessiert sich wenig für gewerkschaftliche Einmischung, schon weil sie Geld kostet.

Warum sollen wir nun ausgerechnet über Cory Doctorow sprechen, der dem Internet alle Hoffnung beimisst und sich mit seiner Haltung so deutlich gegen Keen und Rieger stellt? Weil alle drei nah beieinanderliegen. Ein Neokapitalist vom Schlage vieler Unternehmensgründer des Silicon Valleys ist Cory Doctorow, der berühmte Science-Fiction-Autor, gefeierte Vortragsredner, Vordenker und reichweitenstarke Blogger, schließlich nicht. Er beschreibt sich allerdings selbst ganz freimütig als Utopist. Die Haltung Keens, das Internet sei nicht die Lösung für die wichtigen Probleme unserer Zeit, kontert er mit einer einfachen Gegenfrage: Was sollte stattdessen die Antwort sein? Die Frage ist suggestiv und Doctorows Erklärung einfach. Entweder das Internet funktioniere im Sinne der Menschen, oder man brauche erst gar nicht anfangen, sich mit Fragen der sozialen und ökonomischen Ungleichheit oder der drohenden Klimakatastrophe zu befassen, schreibt Doctorow. Diese Position wird in Deutschland nur selten vertreten. Hier ist es gang und gäbe, Technologie prinzipiell zu verteufeln, wenn man mit manchen Folgen ihres Einsatzes nicht einverstanden ist. Doch wer so argumentiert, macht es sich allzu einfach. Den Forderungen nach Technologieverzicht – in Deutschland tief verankert in der Friedensbewegung, die in vielen Geräten schlicht Waffen sieht – wird nämlich niemand mehr folgen. Aus guten Gründen.

Doctorow befasste sich bei einem seiner Vorträge mit einem wichtigeren, entscheidenden Problem und fragte: »Warum sind wir den Herstellern unserer Computer heute so ausgeliefert?«5Doctorow, Cory 2014. Keynote – GLAM and the Free World. Florenz. URL: http://mwf2014.museumsandtheweb.com/paper/glam-and-the-free-world/. Er stellte diese Frage an einem »Demut einfordernden Ort«, wie er beim Betreten des Podiums anmerkte, als er die riesigen Gemälde um ihn herum sah. Er stand im Salone die Cinquecento des Palazzo Vecchio, des – nach Selbstauskunft der Hausherren – mehr als 700 Jahre alten »Symbols der bürgerlichen Macht der Stadt Florenz«. Sein Alter täuscht leicht darüber hinweg: Der Ort steht seit Jahrhunderten für Aufklärung, Aufbruch, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Die »Fünfhundert«, die dem Saal ihren Namen gaben, waren der erste Stadtrat von Florenz. Das erste bürgerliche Parlament zog vor 700 Jahren in den Saal. Zwei Jahrhunderte später wurden Michelangelo und Lenoardo da Vinci mit der Ausgestaltung des Raumes beauftragt. Nach allen historischen Turbulenzen ist es bis heute das Rathaus von Florenz.

An diesem Ort sprach Cory Doctorow über das Problem, das ihn heute am meisten umtreibt: Nach der Aufklärung, der Eroberung von Freiheit und Privatheit, tragen wir heute Computer in unseren Taschen, denen wir unser ganzes Leben ausliefern – die uns aber nicht gehören. Wir bestimmten schlicht nicht über unser eigenes Leben, solange die Hersteller der Geräte ständig mit uns verbunden blieben, sagte Doctorow. Die Ausbeutung, auch wenn das Beispiel harmlos klingt, beginne hier: »Wenn es Ihnen so wichtig ist, diesen Film auch im Schlafzimmer sehen zu können, hat das offenbar einen Wert für Sie. Warum sollten wir es nicht in Rechnung stellen?« Doctorow zitierte einen Filmmanager, mit dem er über die Freiheit der Kunst sprach.

Dinge, die wir kaufen, gehören uns nicht mehr, beklagte Doctorow. Also dürften wir auch nicht über sie bestimmen. Die Misere habe einst mit dem Digital Rights Management (DRM) begonnen, als DVDs nur noch in bestimmten Regionen der Welt abgespielt werden konnten. Diese Form der Drangsalierung des Bürgers, seine Reduktion auf einen Kunden, sei zwar in dem Fall überwunden, weil DRM kaum noch eingesetzt würde. Doch nun sei das kulturelle Leben selbst zu großen Teilen in die Service-Ökosysteme der Hersteller abgewandert. Wir kaufen keine Kulturgüter mehr, wir bezahlen lediglich für Zugriffsrechte, geregelt in Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die wenige lesen und niemand versteht.

Der unternehmerischen Selbstbedienung stünde dabei keine rechtliche Regulierung gegenüber, klagte Doctorow. Es beginne mit der Frage, ob man als Nutzer eigene Software auf gekaufte Hardware spielen dürfe. Am alten Computer auf dem Schreibtisch mag das noch möglich sein. Ein Handy mit eigener Software zu betreiben ist dagegen beinahe unmöglich. Telefone, Spielekonsolen, E-Book-Reader und viele andere Geräte, die aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sind, »funktionieren nach den Regeln, die die Hersteller vorgeben«. Das bedeute vor allem: Auf den Geräten läuft mehr oder weniger auffällig und invasiv Spionagesoftware, die den Nutzer beobachtet, um ihm im richtigen Moment zu sagen, was er nicht dürfe. Gesteigert werde das schon heute von Programmen, die dem Nutzer für ihn relevante Informationen verschweigen und vorenthalten, ohne dass sich dafür ein Hersteller rechtfertigen muss. Dass die Hersteller ständig hinter dem Rücken ihrer Kunden mit den staatlichen Behörden zusammenarbeiten, ist für Doctorow letztlich nur der Gipfel eines großen Bergs an Problemen. Kann man überhaupt noch selbstbestimmt mit Informationen umgehen, wenn die Informationsströme schon größtenteils am Bewusstsein vorbeigelenkt werden? Für Doctorow spricht vieles dagegen.

Mit der Formel »if value, then right« erinnerte er an eine Diskussion der Rechtsprofessoren Rochelle Dreyfuss und Lawrence Lessig. Wenn etwas in Reichweite für eine digitale Erfassung einen ökonomischen Wert hat, wird daraus ein Recht abgeleitet. Der technisch Überlegene formuliert es einfach. Er schreibt es in die »Allgemeinen Geschäftsbedingungen«, die der Nutzer absegnen muss. So sei es bei der Herstellung und im Umgang mit den aktuellen Vergnügungs-Technologien immer wieder zu beobachten, sagte Doctorow. Ihr Wert steige, weil wir Computer und Smartphones insbesondere zur Dokumentation unseres Lebens, als Archive für unsere Biografie, benutzten.

Die Nutzer erheben die Daten, sie schaffen den Wert, alles Weitere liegt in der Macht derer, die die Technologien betreiben. Entsprechend allgemein, aber deutlich ist der Rat Doctorows. Seine Vorlesung endete mit einem Plädoyer: »Wenn Sie feststellen«, erklärte er seinem Publikum, »dass Sie ohne moderne Technologie nicht mehr auskommen, dann müssen Sie sich, wenn schon nicht um die Herstellung, so doch zumindest um die Integrität dieser Technologien aktiv bemühen.« Man solle sich die Technologien wieder zu eigen und untertan machen.

So weit die Utopie, vorgetragen von einem, der zwar mit Büchern weltberühmt wurde, der allerdings mit Haut und Haar in der Turing-Galaxie angekommen ist. Wollen wir sie erkunden, können wir nicht wieder hinter Doctorows Appell zurückgehen, sondern müssen uns neben allen Wünschen mit der Wirklichkeit beschäftigen, wie sie als Technologie auf unseren Schreibtischen steht und in unseren Handflächen liegt. Die Notwendigkeit zur Aufklärung, gerade für die Deutschen, untermauert eine im Mai 2015 erschienene Studie in der »Harvard Business Review«. Deutschland nimmt in der Befragung – die außerdem in Amerika, England, China und Indien durchgeführt wurde – gleich zwei Spitzenplätze ein: Nirgendwo auf der Welt hat die Privatheit einen so hohen Stellenwert wie in Deutschland. Zugleich wissen die Deutschen am wenigsten darüber, was mit ihrem Privatleben im Internet passiert.6Morey, Timothy, Forbath, Theodore & Schoop, Allison 2015. Customer Data: Designing for Transparency and Trust. Havard Business Review 5/2015. URL: https://hbr.org/2015/05/customer-data-designing-for-transparency-and-trust [Stand 2015–07–29].