Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Das Ende der Zeitung

Die existenzielle Katastrophe des neuen Journalismus

Den organisierten Journalismus stellt das seit jeher vor ein Problem, für das es keine allgemeingültige Lösung gibt und das sich nun im Medienwandel zu einer existenziellen Katastrophe entwickelt. So wenig wie sich die Wünsche nach Relevanz und Reichweite unter einen Hut bringen lassen, so wenig lassen sich die journalistischen Währungen »Aufmerksamkeit« und »Wahrhaftigkeit« gegeneinander aufrechnen. Folgte man stur und automatisiert dem Interesse der Leser, lautet das Ergebnis: »FOCUS Online«. Dort wird nur noch darüber berichtet, was Menschen aus aller Welt Verrücktes tun. Kein Leser wird noch einen Text anklicken, für den er sich inhaltlich eigentlich nicht interessiert, weil den Redaktionen nicht mehr zugetraut wird, noch an sinnvollen oder relevanten, aber abseits der Aufmerksamkeitsökonomie nicht vermarktbaren Themen zu arbeiten.

In der anspruchsvollen redaktionellen Auseinandersetzung mit den Themen des Tages und den Ansprüchen des Publikums geht es daher nicht nur darum, was zu vermitteln ist, sondern auch: von wem. Die Glaubwürdigkeit des Journalismus hängt häufig weit mehr von der Form der Mitteilung ab als von der tatsächlichen Information. Jede Nachricht, jeder Bericht, erst recht jeder Leitartikel und jede Reportage ließe sich schließlich auch anders schreiben – mit anderen politischen Orientierungen, Lebenserfahrungen und Wissenshorizonten des Autors. Den Ansprüchen auf Wahrhaftigkeit, die Redaktionen mit ihren Texten verbinden, muss deswegen eine Anerkennung im Publikum vorausgehen – die nicht an der Person des Autors oder durch Hinweise auf das Thema festgemacht wird. Vertrauen wird dadurch im Journalismus zur Grundlage von allem. Für sie maßgebend »ist die Erfahrung, die man mit dem Funktionieren eines Systems gemacht hat«, schreibt Niklas Luhmann. Die Summe der Erfahrungen des Publikums bildet die notwendige journalistische Reputation, die Erwartungen stützt. Nur mit Reputation lässt sich abseits individueller Leserinteressen journalistisch ein Thema setzen oder gar eine Debatte beginnen. Die Autorität darf nicht bloß Behauptung sein. Reputation ist jedoch ein Kapital, das sich nur begrenzt speichern lässt – es steht ständig, mit jeder neuen Ausgabe, mit jedem einzelnen Text, auf dem Spiel.

Die Glaubwürdigkeit einer Redaktion hängt ab vom Vertrauen des Publikums. Beides steht in einer labilen, leicht störbaren Zirkularität zueinander: Sie setzen sich gegenseitig voraus. »Vertrauen ist überhaupt nur möglich, wo Wahrheit möglich ist, wo Menschen sich mit Verbindlichkeit für Dritte über ein Selbes verständigen können«, schreibt Niklas Luhmann. Damit verweist er auch auf das Problem der neuen Medien. Nur organisierte Massenmedien, die wie die großen Tageszeitungen und öffentlich-rechtlichen Fernsehnachrichten die Gesellschaft thematisieren und eine allgemeine Öffentlichkeit adressieren, also eine Verbindlichkeit auch für unbekannte Dritte im Blick behalten, während sie Leser und Zuschauer informieren, stellen Gesellschaft her.

Im eigentlich nicht verkehrten Glauben, dass die Ränder ihres Papiers die Grenzen der Gesellschaft seien, haben die Redaktionen den Zirkel aus Vertrauens- und Wahrheitsangeboten mit ihrem Publikum selbst aufgekündigt. Nur für Feuilletons, die die Gesellschaft und ihre Ministerien, Universitäten, Bühnen, Vereine, Vorstände, Museen und Botschaften mit täglich zwölf Seiten überwältigten, galt nämlich: Wer sie las, wusste alles Notwendige, schon deshalb, weil der Mangel an weiterer Zeit für Lektüren kein anderes Angebot duldete. Wer sie nicht las, verpasste folglich alles. Für ein dreieinhalbseitiges Feuilleton mit einer Seite Fernsehberichterstattung lässt sich das allerdings nicht länger behaupten. Dass die Gesellschaft heute jenseits der Grenzen des Papiers im Internet weitergeht, wissen alle Leser und alle jungen Hospitanten in den Redaktionen. Sie sind von der Zeitung unterversorgt und richten somit auch keine Erwartungen mehr an sie.

Ihre etablierten Kollegen wenige Bürotüren weiter gaben sich dagegen mit dem Schrumpfen ihrer Welt zufrieden. Von ihr blieb wenig übrig: Eine aufwendige Leseranalyse 2014 ergab, dass Leser der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« rund acht Prozent der Zeitung tatsächlich lesen. Dieser Wert ist, auch wenn er niedrig scheint, recht hoch, da die Zeitung auch mit 35 Seiten noch recht umfangreich ist. Der Wert bedeutet aber dennoch, dass sich der durchschnittliche Leser heute, sofern er noch eine Zeitung in die Hand nimmt, weniger als fünf Minuten mit den Teilen der Zeitung beschäftigt, die er nicht liest. Der Zeitung ging nicht nur ihr Zufallspublikum in Hotellobbys, Flugzeugen und Konferenzräumen verloren. Auch die Leser, die sie noch abonnieren, werden von ihr nicht mehr ausreichend beschäftigt, um den Zirkel aus Glaubwürdigkeit und Vertrauen am Laufen zu halten. Die Zeitung wird ihnen zunehmend egal.

Ausgerechnet die Vorreiter der Digitalisierung der Medien, angefangen bei Twitter-Enthusiasten bis hin zu Verlagen, die an der »individuellen«, auf jeden Leser extra zugeschnittenen Tageszeitung arbeiten, spüren den Verlust, ein allgemeines Publikum, unbestimmbare Dritte, nicht zu erreichen. Eine Ursache des Erfolgs der sozialen Netzwerke besteht aber zumindest darin, wieder die Unterstellung zu nähren, es gäbe für Artikel, die aus individuellem Interesse gelesen werden, auch ein allgemeines Publikum – das man per Empfehlung in den sozialen Netzen erreichen könnte. Twitter, Facebook und alle weiteren Anbieter ermöglichen schließlich das dafür notwendige, unadressierte Publizieren einer Lesererfahrung auf Knopfdruck. Nicht ohne Grund und Witz gilt ausgerechnet Twitter als Hobbymedium für Journalisten, die auf diesem Wege nämlich auch ein von ihnen bislang unentdecktes Publikum für ihre Arbeit suchen. Die Nutzung fällt leicht, jeder Retweet und Facebook-Kommentar kann als sichtbarer Erfolg verbucht werden. Bei den Medientagen München 2015 sprach Mathias Müller von Blumencron, Online-Chef der F. A. Z., davon, potenzielle Zeitungsleser mit »positiven Erlebnissen« bei Facebook, WhatsApp oder Twitter »wachküssen« zu können. Ausgerechnet der Leser, der anhand seines persönlichen Interesses geködert wurde, soll sich also plötzlich für die journalistische Aufarbeitung gesellschaftlicher Angelegenheiten im Allgemeinen interessieren. Welch Irrglaube.

Einen etwas mehr versprechenden und bei weitem komplizierteren Weg ging Cory Haik. Die Online-Redakteurin der »Washington Post« wurde 2014 beauftragt, die Fragmentierung ihrer Zeitung aufzuhalten. Mit mehreren Mitarbeitern entwickelte sie ein System, das den Online-Lesern der Zeitung eine andere Website anzeigt, je nachdem, aus welcher Ecke des Internets sie kamen. Die Überlegung: Weitergeleitet von Google, interessieren sie sich für spezielle Themen. Von Facebook kommend suchen sie Unterhaltung. Gezielt auf die Website gegangen, verlangen sie einen Gesamtüberblick der Nachrichtenlage. Die Zeitung im Besitz von Amazon-Gründer Jeff Bezos stellt sich damit einer der wichtigsten Herausforderungen durch das Internet. Sie vermarktet einzelne Artikel im Kontext ihrer Verwendung durch den Leser unter Einbezug des weiteren Angebots der Redaktion. Sie entwickelt selbst Algorithmen, die die Attraktivität der Zeitung erhöhen sollen, statt diese Angelegenheit den im Journalismus fremden Betreibern sozialer Netze zu überlassen. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« machte es sich wie viele ihrer Konkurrenten vergleichsweise einfach: Alle dreißig Minuten soll ein neuer Artikel bei Facebook erscheinen. Die Auswahl der Artikel erfolgt spontan und im kleinen Kreis. Rund 85 Prozent der Facebook-Nutzer, die dieses kostenlose Angebot der Zeitung bei Facebook abonnierten, bekommen die Artikel anschließend allerdings gar nicht angezeigt – weil Greg Marras Algorithmus die Relevanz nicht ausreichend hoch einschätzt, und weil die Nutzer zu selten auf Facebook sind. Die wenigen Nutzer, die die Artikel angezeigt bekommen und dann auch tatsächlich anklicken, rufen nichts weiter als eine normale Artikelseite auf. Die redaktionelle Chance, in diesem Moment nicht nur den angefragten Text, sondern, wie die »Washington Post« es versucht, auch ein Stück Zeitung zu präsentieren, verstreicht dabei ungenutzt. Die Spalte neben dem Text ist ausschließlich mit den gerade aktuellen Standard-Inhalten und Werbung gefüllt.

Rund ein Drittel der Leser deutscher Zeitungen kommt inzwischen über die Facebook-Schnellstraße auf die Websites und ist ebenso schnell wieder verschwunden. Sie können vor den Werbekunden als Leser verbucht werden. Greg Marras Ende 2014 erstmals vorgetragene Idee, die Leser gar nicht mehr von Facebook wegzuführen, sondern die Inhalte der Nachrichtenseiten direkt auf Facebooks Seiten zu publizieren, sollte tatsächlich kein gravierender Schritt werden.38Brodnig, Ingrid 2014. Facebook verschlingt die Medien. Falter 4. November. URL: http://www.falter.at/falter/2014/11/04/facebook-verschlingt-die-medien/. Im Vergleich zu vielen anderen kurzfristigen und rein ökonomischen Entscheidungen der Medienhäuser und ihrer Redaktionen wirkt er eher folgerichtig. Die Artikel sind ohnehin schon für Facebook optimiert. Dennoch stellt der »Instant Article« eine der wenigen sichtbaren Grenzverletzungen dar und stieß deshalb auf Aufmerksamkeit und Widerstand.

Greg Marra ist auch 2016 immer noch jünger als viele deutsche Volontäre, sofern es sie noch gibt. Sein Siegeszug, die schöpferische Zerstörung der Tageszeitungen, gelang ihm fast im Alleingang. Seine Opfer haben sich nie darüber verständigt, was sie eigentlich gegen ihn verteidigen wollten. Und all das Gesagte zum Ende der Zeitung gilt nun, obwohl der Name Google noch gar nicht gefallen ist. Dabei macht dieses im Vergleich zu Facebook wirtschaftlich zehnmal schlagkräftigere Unternehmen den Medienhäusern nicht weniger zu schaffen. Auch Google untergräbt die Logik der etablierten Medien mit hoher Intelligenz und gestaltet Schritt für Schritt die digitalisierte Gesellschaft nach eigenen Vorstellungen. Die alten Medien, insbesondere die Tageszeitung, haben in dieser kommenden Gesellschaft zwar noch einen Platz. Als mitdenkender Kopf der Gesellschaft fallen sie jedoch aus.

1993 sprach Wolfgang Coy, Mathematiker, Philosoph und bis vor kurzem Informatikprofessor in Berlin, erstmals von der »Turing Galaxie«.39Coy, Wolfgang 1993. »Die Turing Galaxie – Computer als Medien«, in Dencker, Klaus P. (Hg.): INTERFACE 2: Weltbilder – Bildwelten. Computergestützte Visionen. Im Auftrag der Kulturbehörde Hamburg. Die Menschheit hat die Bedeutung des Buchdrucks noch nicht hinter sich gelassen, das wird sie auch nicht. Aber sie ist drauf und dran, die »Gutenberg-Galaxis« als Komfortzone zu verlassen, um sich auf einen waghalsigen, aber vielversprechenden Weg zu begeben. Volker Grassmuck griff diese Prämisse zwei Jahre später in einem aufsehenerregenden Vortrag auf.40Grassmuck, Volker R. 1995. Die Turing Galaxis: Das Universal-Medium als Weltsimulation. Lettre 1995 (LI 028). URL: https://www.lettre.de/magazin/li-28. In ihm geht es nicht mehr um eine gemeinsame Realität der Massenmedien, die gelesen werden wollen. Es gehe von nun an um »die Simulation und das Spiel« der mitdenkenden Computer, die nicht nur als Transporteur beliebig abrufbarer Informationen den Menschen zur Verfügung stehen, sondern die selbst als soziale Akteure in der Gesellschaft auftreten und ständig in den Lauf der Dinge eingreifen. Schon heute gilt: Vieles von dem, was wir wissen, haben uns Computer vermittelt, so überzeugend und so wahrhaftig, dass wir an Widerspruch gar nicht dachten. Und selbst wenn, bräuchten wir auch dafür Computer. Vor zweitausend Jahren wurden auf dem Forum Romanum in Rom die ersten Blätter verteilt, auf denen mühsam per Hand notiert wurde, was die Gesellschaft betrifft und was zu wissen sei. Vor fünfhundert Jahren erschien das Wort »Zeytung« zum ersten Mal auf bedrucktem Papier.41Fleischhacker, Michael 2014. Die Zeitung: Ein Nachruf. 1. Aufl. Wien: Brandstätter. Kein Weg führt dahin zurück. Stattdessen gilt es einen verständigen und konstruktiven Umgang mit dem Computer zu suchen, der uns seine Magie nicht enthüllen wird, so wie es auch die Druckerpresse nicht tat. Es war nur einfacher, sie ein bisschen mehr zu verstehen, als an ihr zu verzweifeln. Ähnlich muss nun das Leben mit dem Computer gestaltet werden.

Eigentlich eine klassische Aufgabe der Aufklärung, wie gemacht für modernen Journalismus. Da er sich aber entschied, Augen und Ohren zu schließen und laut über seine Lage zu klagen, muss eine andere Strategie her – die natürlich nicht mehr sein kann als eine erste Hilfe. Doch das Chaos lässt sich ordnen und der Informationsüberfluss abwehren, selbst neue Formen der kollektiven Meinungsbildung sind möglich, ohne dass sie das Leiden an hohen Kosten eines Abonnements mit sich bringen. Wir brauchen Diätpläne für einen nachhaltigen und ausgewogenen, informativen und konstruktiven, unterhaltsamen und humorvollen Umgang mit dem Informationsüberangebot der gegenwärtigen Gesellschaft. Zuerst müssen wir aber verstehen, wie uns die gegenwärtige Gesellschaft verführt und unserem Plan im Weg steht.