Nachrichtendiät
Stefan Niggemeier
Wer sich für Journalismus als Beruf interessiert, kennt Stefan Niggemeier. Vor zwanzig Jahren, 1996, wurde er mit 26 Jahren »Redakteur elektronische Medien« des Fachmagazins »Werben & Verkaufen«, dann schrieb er als Pauschalist für die Medienseite der »Süddeutschen Zeitung«, als Kolumnist für die »Zeit« und ab ihrem Start 2001 als verantwortlicher Medienredakteur für die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«. Während dieser Zeit gründete er das »BILDblog« und erarbeitete mit einem Kollegen das in seinem Umfang furchteinflößende »Fernsehelexikon«. Seitdem schrieb er Moderationen für Samstagabendshows des Fernsehens, er unterstützte Onlineprojekte und arbeitete für den »Spiegel«.
Es ist eine Biografie, die Respekt einflößt, wenn man die Innenleben der Medienhäuser kennt. Heute allerdings kennt man Niggemeier vor allem als eigenständigen Autor, der es vermag, mit Texten auf seiner Website die Medienwelt regelmäßig in Wallung zu versetzen. Als Blogger ist Niggemeier der Kontrapunkt zum noch immer belächelten öffentlichen Tagebuchschreiber. Wenn Stefan Niggemeier über die Medienwelt schreibt, bekommen manche Verleger Angst. In wenigstens einem Fall ist gut dokumentiert, wie Niggemeier einen von ihnen aus dem Amt schrieb. Wenn wir den Medienwandel beobachten wollen, reden wir also am besten als Erstes mit ihm.
Ich habe ihn zuerst nach den für ihn auffälligsten Veränderungen in der Medienwelt der vergangenen fünf Jahre gefragt. Die Frage war absichtsvoll offen, thematisch angeboten hätten sich beispielsweise die Absatzzahlen der Medienhäuser, die Reichweitenerfolge der YouTuber oder die neuen Kommunikationsstrategien von Unternehmen und Sportvereinen. Niggemeier sagte, »in erster Linie hat sich die Mediennutzung verändert. Was seit langem nur beschrieben wurde, dass die Digitalisierung große Umbrüche bedeutet, das passiert jetzt.« Dabei sei eine »viel höhere Wucht und Dramatik« zu beobachten. Zwar haben es viele kommen sehen, auf Konferenzen und in den Medienhäusern wurde schließlich schon darüber gesprochen, »richtig ernst genommen hat es aber niemand«. Insbesondere die bekannten Social-Media-Dienste Twitter und Facebook seien heute für viele Menschen »der Kanal geworden, durch den sie die Welt wahrnehmen«, mit entsprechend »dramatischen Auswirkungen auch darauf, wie klassische Medien heute produziert werden«.
Den Wandel macht Niggemeier besonders an einem Aspekt fest: »Wir haben das Internet genutzt, aber wem wirklich an der Gesellschaft lag, der hat eben auch noch Zeitung gelesen«, das ändere sich jetzt. Die Timeline sei nun für viele Menschen nicht nur ein zentraler, sondern der einzige Anlaufpunkt. Wahrgenommen wird, was in ihr stattfindet, was Freunde als Empfehlungen und Algorithmen nach ihren Entscheidungen in sie hineinspülen. »Die Desintegration ist gewaltig«, sagt Niggemeier. Nur darüber zu sprechen, was nun seit einiger Zeit getan werde, zeige die tatsächlichen Überraschungen in den Medienhäusern nicht gänzlich auf. »In der Praxis sind die Auswirkungen dramatisch. Es fühlt sich an wie ein ganz großer Umbruch in der Mediennutzung.« Er sehe an sich selbst, dass die Rituale verschwänden. An ihre Stelle tritt die Spontanität, sich nach Belieben der neuen, ununterbrochen verfügbaren Medienwelt zu bedienen. Redaktioneller und insbesondere unabhängiger Journalismus spielt dabei in der neuen Medienwelt nur eine Rolle neben vielen anderen Akteuren. Auch Gewerkschaften, Fußballvereine, Unternehmen und andere Interessenorganisationen buhlen um Aufmerksamkeit. Welche Funktion kann dem redaktionellen Journalismus überhaupt noch bleiben?
Bei der Beantwortung dieser Frage hellt sich die Stimmung nicht auf. Niggemeier beginnt sie mit den Worten: »Ich bin da ziemlich pessimistisch.« Allerdings schaut er dabei nicht nur nach vorn, sondern auch zurück. Es sei schon immer schwer gewesen, den Leuten die Bedeutung zu erklären, warum sie sich über die Welt informieren sollten, sagt er. Das Argument lautete stets, dass eine demokratische Gesellschaft nur funktionieren könne, wenn Bürger mündig entscheiden könnten, wofür sie Informationen brauchten, die ihnen Journalisten zur Verfügung stellten. »Mein Pessimismus beginnt schon hier, dass ich glaube, dass viele Medien ihrer Aufgabe gar nicht gerecht werden«, sagt Niggemeier.
Wir sprachen dabei nicht über »Lügenpresse«-Vorwürfe, sondern über Glaubwürdigkeit. Anders als es ZDF-Intendant Thomas Bellut mit seiner Umfrage darstellte, beobachteten zumindest wir beide eine Vertrauenskrise des Journalismus, die sich nicht nur, wie schon angesprochen, in mangelnder Akzeptanz durch das Publikum ausdrückt, sondern auch konkret in zurückgehender Zahlungsbereitschaft. Fraglich sei nämlich, sagt Niggemeier, wo das Problem tatsächlich liegt. Schließlich müsste die Bedeutung von Glaubwürdigkeit als Währung immer wichtiger werden, desto weiter die Medienwelt fragmentiert werde, also an Vielfältigkeit gewinne. Zwar glaubt auch Niggemeier nicht, dass sich Glaubwürdigkeit als Qualitätsmerkmal auch künftig über einen gesamten Fernsehsender spannen lässt. Aber in kleineren Einheiten gedacht, sollten einzelne Programme und Sendungen doch derartige Leuchttürme sein können. »Für das ZDF wäre das schön, weil die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks darauf beruht«, sagt Niggemeier und gibt damit das von ihm beobachtete Defizit zu erkennen.
Aber wäre es nicht möglich, dass gerade die Vielfalt neue Formen von Vertrauen ermöglicht? Der Mechanismus wäre gar nicht neu. Wir kennen ihn unter dem Stichwort »Pluralität«. Bezogen auf das Medienjahr 2015, sagt Niggemeier dazu: »Wenn ich auf die Griechenland-Berichterstattung schaue, verstärkt die Pluralität meine Unsicherheit.« Wir reden über die Arbeit deutscher Medienhäuser: »Wenn das ›Handelsblatt‹ Schäuble heiligspricht, vermute ich, dass geschrieben wird, was die Leser lesen wollen, und zwar mit der größten Übertreibung und den wenigsten Zweifeln im Text«, sagt Niggemeier. Zu der Zeit, in der wir das Gespräch führten, titelte das »Handelsblatt« mit der Frage, ob Schäuble nicht der bessere Kanzler wäre, oder sogar schon sei – als »Kanzler der Vernunft«. »Wer mir gegenüber so daherkommt, verliert mein Vertrauen sofort«, fasst Niggemeier seinen Eindruck zusammen.
Eine grundsätzliche Absage an den redaktionellen Journalismus ist diese Aussage allerdings nicht. Niggemeier liest beispielsweise den »Economist«, weil ihm dessen Artikel differenziert erst die eine Seite eines Sachverhalts aufschlüsseln, ihr eine andere gegenüberstellen und dann einen Strich darunter ziehen. »Das wirkt auf mich total überzeugend. Es geht ja nicht darum, mich nur inhaltlich zu überzeugen, sondern mich auch davon zu überzeugen, mich gut informiert zu haben, auch wenn ich am Ende anderer Meinung bin.« Das Verhalten hiesiger Kollegen ist ihm dagegen unerklärlich. »Wahrscheinlich gibt sich eine Mehrheit damit zufrieden, eine übersichtliche Lagebeschreibung zu bekommen. Manche Medien orientieren sich auf diese Weise an den Bedürfnissen ihres Publikums. Aber wahrscheinlich gewinnen sie damit nicht diejenigen, die sie brauchen, um als Medium zu überleben.«
Wie sehr Stefan Niggemeier als Kenner der Medienwelt – mit ihren etablierten Organisationen, gesellschaftsweit ausgebreiteten Vertriebswegen und redaktionellen Rationalitäten – selbst schon in der Netzwerkgesellschaft angekommen ist, zeigt eine fast nebensächliche Aussage zu seinem Medienkonsum. Er spricht nämlich von Instanzen, »denen ich so eine Art Grund-Glaubwürdigkeit« zurechne – womit er einzelne Personen meint, über die er tatsächlich fast gar nichts weiß, die ihm aber auf Twitter präsent sind, weil dort »Dinge passieren, die für mich wichtig sind«. Auf Twitter fand er beispielsweise angelsächsische Publizisten, die »auf eine Art kommunizieren, die bei mir Vertrauen weckt«, weil sie durchweg eher mit Skepsis als Absolutheitsansprüchen arbeiten. »Und irgendwann merkte ich dann, dass ich auf Nachfrage gar nicht mehr sagen kann, warum die in meiner Timeline sind.« Ohne sich selbst oder anderen darüber Auskunft geben zu können, wie es geschah, wuchs so ein vertrauenswürdiger »Patchwork-Experten-Teppich«. Und Niggemeier ergänzt noch: »Dafür, dass ich lange gar nichts mit Twitter anfangen konnte, ist das wirklich erstaunlich.«
Wie sieht seine Nachrichtendiät aus? Es dreht sich nicht alles ums Handy. Es sei eher der Laptop, den er auch morgens als Erstes aufklappe. Aus Gewohnheit durchblättere er die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« und die »Bild«, Letztere weniger auf der Suche nach neuen Information als nach Fehlern. »Den ›Economist‹ lese ich dagegen, um mich wirklich über die Welt zu informieren. Fernsehen schaue ich ab und zu, da habe ich keine Gewohnheiten. Twitter ist ein bedeutender Ausgangspunkt für mich geworden.« Nicht einmal Stefan Niggemeier, der ein 1500-seitiges Lexikon zum Fernsehen vorgelegt hat, schaut also noch planvoll Fernsehen. Stattdessen führt ihn heute Twitter zu Analysen und Hintergrundstücken, die er nirgendwo sonst findet, erst recht nicht in der dort gebotenen Vielfalt. Facebook dagegen ist für ihn ein eher privates Unterhaltungsmedium.
Zum Abschluss sprachen wir über die Humorkonjunktur im amerikanischen Fernsehen. Der Humor sei, beispielsweise als Satire, nicht nur der Gegenentwurf zur Seriosität. Niggemeier betonte auch noch eine andere Unterscheidung. Mit dem Wachstum an Vielfalt im Angebot der Medienwelt schrumpfen die Aufmerksamkeitsspannen des Publikums. Der Humor ermöglicht es nun, neben dem thematischen Interesse einen zweiten Aufmerksamkeitsanker zu werfen. So könnten Spannungsbögen gestaltet werden, auf deren Pointe man sogar dann aufmerksam warte, wenn mit thematischen Überraschungen nicht zu rechnen sei. Gelingt das – und idealtypisch ist dafür die Arbeit von John Oliver in seiner Sendung »Last Week Tonight« –, lässt sich ein Publikum über die Darbietung sogar so sehr fesseln, dass sich doch wieder Räume für inhaltliche Überraschungen auftun. John Oliver ist das gelungen, ihm vertraut sogar das flüchtige Millionenpublikum bei YouTube, wieder inhaltlich inspiriert zu werden. Plötzlich befasst sich sein Publikum bis zu pausenlosen zwanzig Minuten mit den Hintergründen der Lotterie, des Gefängniswesens und von technischen Teststandards. Solch einem Erfolg stünden hierzulande allerdings Prinzipien im Weg, die in deutschsprachigen Medien allgegenwärtig seien – Formatstarre, Angst und Ziellosigkeit.
Stefan Niggemeier wird das weiter für uns beobachten. Denn wenn auch von außen betrachtet häufig unklar ist, woran er gerade arbeitet, werde er der Medienkritik treu bleiben. »Journalisten schreiben über die Welt, und die Medien sind ein Teil der Welt«, sagt er soziologisch aufgeklärt. Und er fügt, der soziologischen Aufklärung ein praktisches Anliegen gegenüberstellend, an: »Es ist völlig legitim, über etwas zu schreiben, in der Hoffnung, dass es besser wird.«