Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen

Ein großer Schritt zurück?

Die Diskussion, die sich seitdem um diesen Gedankengang entsponnen hat, verspricht die interessantesten Antworten auf die Frage, was in den kommenden Jahren auf uns zukommt. Eine kleine Gruppe dänischer Literaturprofessoren griff sie auf und wandte den Blick, zurück auf fünfhundert Jahre Gutenberg-Galaxis, als Zeitalter der gedruckten Medien, das nun, nach der Entwicklung elektronischer Medien, insbesondere durch die Digitalisierung – vorübergeht. Ihre akademische Raffinesse liegt darin, nicht von Fortschritt zu sprechen, sondern zu beschreiben, wie die Menschheit wieder in ein Zeitalter, geprägt von oraler Kultur, zurückkehrt, das Gutenberg mit der Erfindung der Druckerpresse eigentlich beendete. Lars Ole Sauerberg, Professor für Literatur an der dänischen Syddansk Universitet, prägte bei einem Gastaufenthalt am MIT der Harvard University in Boston im April 2009 den Begriff der »Gutenberg-Parenthese«. Ein Jahr später, wieder auf Einladung der amerikanischen Forscher, führte Sauerbergs Kollege Thomas Pettitt, ebenfalls mit Lehrstuhl an der Syddansk Universitet, die Gedanken weiter aus.105Pettitt, Thomas 2010. The Gutenberg Parenthesis: Oral Tradition and Digital Technologies. Cambridge, Boston. URL: http://web.mit.edu/comm-forum/forums/gutenberg_parenthesis.html [Stand 2015–08–02]. Demnach erlebt die Menschheit dank der digitalen Technologien eine Renaissance der Annäherung an den »natürlichen Weg der Kommunikation«, die durch den Erfolg der gedruckten Medien gestört worden sei.

Der maßgebliche Unterschied zwischen den quasi-neuen, digitalen Kommunikationsformen und ihren Vorläufern im »bäuerlichen Mittelalter« sei lediglich die raffinierte Technologie, die uns den Raum im globalen Dorf vergessen lässt: Wir sind zurück in der mittelalterlichen Anwesenheitsgesellschaft, in der das Gespräch immer möglich ist und geschriebene Sprache zur Anstrengung wird. Die Gutenberg-Revolution – die die Mehrheit der Menschen zu Zuhörern und Lesern machte, Autorität als soziales Prinzip verankerte und Verbindlichkeit in der Kommunikation garantierte – werde nun abgelöst von der Google-Revolution – die Kommunikation von formaler Strenge befreie, Autoritäten entmachte, Netzwerke fördere und das Denken von der Geltung allgemeiner Kategorien entlaste. Stetiger Wandel und ständige Interferenzen seien nun wieder akzeptierter Normalfall in der alltäglichen, strukturlosen und stets spontanen Kommunikation. Die Vorträge der dänischen Professoren enthalten bewusst keine normative Kritik an dieser Beobachtung, sondern sie stellen schlicht fest: Die Erfindung des Buchdrucks störte den natürlichen Lauf der Dinge.

Wer ihnen nun widersprechen wollte, braucht mehr als nur gute Argumente. Er müsste erst einmal das Konzept »Debatte« über das Ende der Gutenberg-Parenthese hinüber in die Turing-Galaxie retten.