Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen
Gefangene der Strudel elektronischer Seen
Man sollte an dieser Stelle der Versuchung widerstehen, in der Entwicklung eine Verschlechterung zu sehen und deshalb Schuldige zu suchen, beispielsweise dort, wo man die Namen der Akteure kennt. Denn auch Google und Facebook sind auf enorme Weise einem Handlungsdruck unterworfen, den der Markt vorgibt. Das Internet als »presseähnlich« zu charakterisieren, um die Zweitverwertung gedruckter Zeitungstexte vor Konkurrenz zu schützen, ist ebenso verquer gedacht wie das Aufhängen von Leistungsschutzrecht-Preisschildern vor Presseerzeugnissen, die ohnehin nicht beachtet werden. In ihrem bereits genannten, gewaltigen Text zum »Post Industrial Journalism« gehen Anderson, Bell und Shirky zurück ins Jahr 1992, um zu beschreiben, worauf es heute ankommt.70Anderson, C. W., Bell, Emily & Shirky, Clay 2012. Post Industrial Journalism: Adapting to the Present. New York: Columbia Journalism School. URL: http://towcenter.org/research/post-industrial-journalism-adapting-to-the-present-2/ [Stand 2015–03–31].
Damals nahm Robert Kaiser, Managing Editor der »Washington Post«, in Japan an einem Treffen von Technologieführern teil. Das Internet spielte dabei noch keine Rolle, damals ging es noch darum, Personal Computer in der Gesellschaft zu verteilen. Das Zauberwort lautete Multimedia, angebunden an die Frage, wie Inhalte künftig verteilt werden. Auf dem Rückweg schrieb Kaiser ein 2700 Wörter langes Memo an die Führungsspitze seiner Zeitung. Es handelte von Alan Kays berühmten Frosch, der im Wasser saß und dessen Nervensystem ihn so lange im Unklaren darüber ließ, wie heiß es um ihn wurde, bis es um ihn geschehen war. »Wir sind zwar nicht der Frosch«, schrieb Kaiser, »aber auch wir sitzen in einem elektronischen See, in dem wir verschlungen werden können, oder letztlich als unnötiger Anachronismus keine Rolle mehr spielen werden.« Das Ziel der Zeitung solle sein, schrieb Kaiser, die »elektronische Revolution« zu überstehen. Heute gehört die »Washington Post« dem Amazon-Gründer Jeff Bezos, der sie für gerade einmal 250 Millionen Dollar (ein Prozent seines Vermögens) erwarb, und ist damit in guten Händen, zumindest mangelt es ihr weder an Geld noch Ideen.
Aber selbst für Bezos’ »Washington Post«, und für alle anderen Medienangebote erst recht, gilt heute die Diagnose von Emily Bell, der Direktorin des renommierten Tow Center for Digital Journalism der Columbia Journalism School: Die Medienhäuser seien zwar noch »Newsmaker«, aber keine »News Spaces« mehr.71Bell, Emily 2014. Silicon Valley and Journalism: Make up or Break up? – Reuters Memorial Lecture 2014. Oxford. URL: https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/events/silicon-valley-and-journalism-make-or-break. Sie haben, so Bell, die Distribution ihrer Inhalte in fremde Hände gegeben. Nun sind sie Player auf einem Markt, der sich um Reputation und Unternehmensgeschichten nicht schert, sondern Aufmerksamkeit sekundengenau abrechnet. Bell nennt ein Beispiel, das aufzeigen soll, in welchem Maße die »medialen Heimatorte« (Müller von Blumencron) in Orte der Aufmerksamkeitsausbeutung verwandelt wurden. Auf der Website des »Guardian« – in der entscheidenden Phase Heimatort von Glenn Greenwald, um mithilfe der SnowdenDokumente die globale Überwachung durch angelsächsische Geheimdienste aufzudecken – tummeln sich mehr als fünfzig Unternehmen, die sich für das Klickverhalten der Leser interessieren und es detailliert auswerten. Von einem intellektuellen Rückzugsort kann schon nicht mehr gesprochen werden. Der Frosch bemerkt langsam, dass mit seinem Wasser etwas nicht stimmt. Es wird warm, aber wir fühlen uns noch ziemlich wohl. Dahinter steckt Kalkül.