Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Politik ohne Debatte

Die letzten Zeitungsleser

Die deutschen Zeitungsmacher konnten sich dafür Ende 2014 auch über das Ergebnis einer weiteren Studie freuen. Laut einer Erhebung auf Basis des »Capital-Elite-Panel«, das sich aus fünfhundert Personen, unter anderem aus 67 Vorständen und Geschäftsführern großer Unternehmen mit mehr als 20 000 Beschäftigten, achtzehn Ministern und Ministerpräsidenten und 28 Leitern von Bundesbehörden zusammensetzt, bleibt die gedruckte Zeitung noch lange bestehen. Achtzig Prozent der befragten »Entscheider-Elite« glauben an ihre Zukunft. Nicht einmal jeder Fünfte sagte, Onlineangebote könnten der Zeitung etwas anhaben.21Haack, Joachim 2014. Medien-Studie des »Capital-Elite-Panel«. Capital 20. November. Allerdings lässt sich das Ergebnis der Studie auch so interpretieren: Man kennt jetzt die letzten fünfhundert Zeitungsleser. Es sind diejenigen, die sich um den finanziellen und organisatorischen Aufwand, den das Zeitunglesen mit sich bringt, nicht kümmern müssen – so wie Energie und Wasser aus der Wand kommen, liegt bei ihnen die Zeitung jeden Morgen auf dem Tisch. Aber auch sie werden bemerken, dass sich ihre Zeitung verändert, wenn sie tatsächlich nur noch von fünfhundert Lesern auf Papier konsultiert wird.

Unabhängig davon, was zum Zustand der Gesellschaft und ihrer Medien gesagt, gedacht, geglaubt und propagiert wird, hat sich vieles bereits grundlegend geändert. Ralf Bremers überhebliche Beschreibung des Internets als zunächst »sinnlose Ansammlung« von Websites ist keine Privatmeinung, sondern Unternehmenslogik hinter vielen Projekten, die Google fördert und selbst führt. Und Google unterscheidet bei allem längst nicht mehr zwischen dem Internet und der Gesellschaft. Das Unternehmen denkt ganz anders, nämlich so wie Facebook und Amazon – auch diese Unternehmen kennen nur noch eine Gesellschaft, und die ist digital. Als Amazon-Chef Jeff Bezos im Sommer 2013 die »Washington Post« für 250 Millionen Dollar, rund ein Prozent seines Vermögens, kaufte, reagierten viele Journalisten und Medienpolitiker schockiert, weil sie sich nicht erklären konnten, was der Einzelhändler und Betreiber der weltgrößten Datencenter, mit einer Papierzeitung wolle. An der Unsicherheit änderte sich bis heute nichts, doch Überlegungen wurden schon angestellt: Was wäre, wenn es Bezos gar nicht um die Zeitung selbst ging, sondern um das Prinzip ihres Vertriebs? Für Bezos könnte eine Papierzeitung die gleiche Bedeutung haben wie eine Drohne – mit ihr erreicht er die Haustür seiner Kunden einfach schneller als mit der regulären Post. Worüber hier noch gerätselt wird, steht beim Blick auf Google außer Frage: Bei all den Experimenten mit Daten geht es nicht nur um Inhalte, sondern auch um ihren Vertrieb. Es geht um die Diffusion von Wissen in der digitalen Gesellschaft – es geht um die Struktur der Gesellschaft.