Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen

Seriosität als studierte Performance

Nun ja, auch hier wird es knifflig. Niklas Luhmann konnte an einer solchen Stelle seine Leser bitten, nicht zu schnell verstehen zu wollen. So möchte ich es nun auch einmal halten: Die Irritation soll kurz etwas mehr wert sein als das Verstehen, damit ich den Spieß umdrehen und zuerst eine These formulieren kann, ehe ich sie begründe. Ich werfe also das Kind in den Brunnen: Der Anspruch auf Glaubwürdigkeit im journalistischen Umgang mit Nachrichten ist heute nichts weiter als nutzlose Selbstherrlichkeit, und die Methode Seriosität ist eine Beleidigung des modernen Lesers.

Eine Anekdote: Wenn im April eines Jahres neue Volontäre zur »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« kamen, begann ihre Arbeit in einer abgeschiedenen Ecke des ersten Stockwerks, das schusssicher gebaut war, weil dort Fernsehstudios eingerichtet werden sollten, die heute Abstellkammern sind. Es geht dort also sehr ruhig zu. Die zweijährige Ausbildung der Jungredakteure beginnt mit einer achtwöchigen Heranführung an den praktischen Journalismus. In dieser Zeit lernt man allerdings nichts – und ich meine: nichts –, was sich nicht auch in drei Tagen lernen ließe. Die Heranführung der Zöglinge an die Zeitung verläuft geruhsam, als wollte man ihnen erst einmal die Hektik ihres eigenen Medienkonsums austreiben, beziehungsweise sollen die Neuen mit ihrer Neugier erst einmal nicht die Abläufe des Hauses stören. Da alle anderen mit der Zeitungsproduktion beschäftigt sind, betreut der letzte Korrekturleser der Politik-Redaktion die Nachwuchsjournalisten. Er erklärt, was es mit der Zeitung auf sich hat. Es beginnt mit dem gemeinsamen Lesen der Zeitung, dann folgen Einführungen in die zuweilen jahrzehntealte Computer-Software, mit der die Zeitung gemacht wird. Nur eine der gefühlt endlosen Wochen Vorbereitung auf den Alltag in der Redaktion bedeutet Abwechslung. In dieser besucht ein Urgestein des Nachrichtenwesens, Peter Sturm, in der Redaktion zuständig für fernöstliche Außenpolitik, die Volontäre und schreibt mit ihnen Meldungen.

Es geht dabei nicht nur darum, am laufenden Band Agenturstücke auf unterschiedliche Längen zu bringen oder allgemeine Regeln zu beachten, also alle W-Fragen zu verarbeiten und den ersten Satz im Perfekt zu schreiben. Es geht auch darum, sich schreibend den Ton der F. A. Z. anzueignen. Abkürzungen sind beispielsweise verboten, statt »über« schreibt man besser »mehr als«, statt »mehrfach« besser »mehrmals« und so weiter. Die Liste der Tipps, gewöhnliche Alltagssprache in eloquente Zeitungssprache zu verwandeln, ist lang. Jeder Volontär wird auf sie hingewiesen oder bekommt sie gleich ausgedruckt in die Hand. Zu Recht: Man meint schließlich nicht das »letzte« Jahr, sondern das »vergangene«, in dem sich nicht ein »Ex-US-Präsident« in die »Präsidentschaftswahlen« »einmischte«. Man schreibt über einen »ehemaligen amerikanischen Präsidenten«, der etwas zur »Präsidentenwahl« »sagte«. Für den 35 Zeichen langen »ehemaligen amerikanischen Präsidenten« muss Platz sein, auch wenn in den übrigen 418 Zeichen einer Zwölf-Zeilen-Meldung für die »Politik 1« – die Aufmacherseite der Zeitung – noch Weltbewegendes erklärt und eine Ortsmarke, das Datum und ein Autorenkürzel untergebracht werden müssen.

Wie das geht, lernt man bei Peter Sturm. Das Prinzip zu verstehen heißt allerdings auch, es zu durchschauen. An einem der Tage, die wir Volontäre im April 2012 mit Peter Sturm verbrachten, testete Indien eine Rakete, die als Waffenträger jeden Ort in China erreichen konnte. Als wir von der Mittagspause zurückkehrten, saß Sturm bereits im Volontärsraum am Computer und schickte uns ohne lange Begründung noch einmal für eine halbe Stunde vor die Tür. Wie sich am nächsten Morgen herausstellte, schrieb er in dieser kurzen Zeit sowohl eine ausführliche Nachricht zum Raketentest als auch ein Hintergrundstück, das den Vorfall in die politische Gemengelage Fernost einordnete. Das war das Zauberstück, das wir auch erlernen sollten. In wenigen Minuten einen Sachverhalt und fünf interessante Aspekte in einem Text mit definierter Länge unterzubringen und ihn so zu schreiben, dass er für den Leser stolperfrei auf einer Zeitungsseite mit anderen Texten zu anderen Themen untergebracht werden kann. Es geht dabei ausschließlich um Performance, um die ästhetische Gestaltung eines Textes, die den Inhalt betont und den Autor als Botschafter der Nachrichten negiert – »just-the-facts-news«, wie es Claus Kleber in seiner Vorlesung fürs Fernsehen nennt.

Dass sich Peter Sturm und alle anderen Nachrichtenschreiber diese Arbeit auch sparen könnten, schien 2012 undenkbar. Die meisten Leserbriefe, die in den verschiedenen F. A. Z.-Konferenzen laut vorgetragen werden, befassen sich mit der Sprache der Zeitung. Über Jahre und Jahrzehnte wuchs unter den Redakteuren der Stolz auf ihre trockene, nüchterne Art. Für Volontäre dauerte das gemeinsame Redigieren beispielsweise in der »Rhein-Main«-Zeitung, dem Lokalteil der F. A. Z., häufig länger als das Schreiben der Texte. Die Ausbildungsredakteure hatten für jede Wortwahl und für jeden Halbsatz einen anderen Vorschlag, den sie den Redakteuren in Ausbildung als Verbesserung unbedingt in den Text schreiben wollten.

Doch plötzlich, 2014, wurde es im deutschen Journalismus zum Trend, den Inhalt einer Nachricht von seiner aufwendigen Darbietung mittels raffinierter Sprache zu trennen. In Frankfurt tat man es noch nicht, aber in München und Hamburg. Im Oktober des Jahres richtete sich der Chefredakteur des Onlineangebots der »Süddeutschen Zeitung«, Stefan Plöchinger, an seine Leser: »Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie zu uns kommen, dann wollen Sie das Wichtigste erfahren, was die Welt gerade bewegt. Verlässlich, gut eingeschätzt, so kurz wie möglich, so lang wie nötig.« Plöchinger hatte eine Innovation parat. Auf die Zerstückelung der Zeitung in einzeln vermarktbare Texte folgte die Entdeckung, dass sich sogar einzelne Texte noch fragmentieren ließen – schließlich habe jede Nachricht, so Plöchinger, einen »Wesenskern«. Statt der vollständigen Nachricht sollte es fortan um ihren Kern gehen.

Auf die Überschrift des Briefs an die Leser – »So kommen Sie schneller zum Kern der Nachricht«40Plöchinger, Stefan 2014. So kommen Sie schneller zum Kern der Nachricht. Süddeutsche Zeitung 14. Oktober. URL: http://www.sueddeutsche.de/kolumne/neu-auf-szde-so-kommen-sie-schneller-zum-kern-der-nachricht-12162375 [Stand 2015–04–05]. – folgte Plöchingers Hinweis, dass nun jeder Nachricht auf »sueddeutsche.de« drei Stichpunkte vorangingen. Er verstand es als Erlösung des Lesers vom Text. Auf ausformulierte Stücke verzichtete die Redaktion zwar nicht. Aber in mancher Eilmeldung fällt der Text inzwischen kürzer aus als die Stichpunkte, die ihm vorangehen.

Im März 2015 zog der Chefredakteur von »Spiegel Online«, Florian Harms, nach. Ausgerechnet auf Twitter verkündete er, dass »die These des gelesenen Textes« nun auch noch einmal »auf einen Blick« unterhalb eines Textes zu finden sei.41Harms, Florian 2015. Tweet. URL: https://twitter.com/FAHarms/status/572846633681063937. Daraufhin entspann sich ein lustiger Wortwechsel. Denn die erste Reaktion, die Harms darauf erhielt, war ein Tweet mit der Frage: »Warum darunter und nicht oben drüber?« Die Antwort darauf fiel Harms leicht, denn »oben« stehe ja bereits »der Teaser«. Doch die Idee, dass sein Publikum »erst mal lesen« werde und dann die »gedankliche Quintessenz mitnehmen« solle, indem es erst nach der Lektüre des gesamten Texten auf die Zusammenfassung zugreift, verstanden seine Twitter-Follower nicht. »Mh, macht auf Mobile für mich aus dem Bauch heraus eher andersrum Sinn. Kurze Summary direkt mitnehmen, lange lesen dann später«, lautete die Reaktion eines Lesers bei Twitter. Dass später lesen häufig gar nicht lesen bedeutet, versteht sich von selbst.

Damit wurde den Zeitungsjournalisten im Netz sogar der Text genommen. Man möchte sich nicht mehr die Zeit nehmen, ihn zu schreiben oder zu lesen. Die Methoden der Glaubwürdigkeitsdarstellung, eloquent Sachverhalte darzustellen und Fragen zu beantworten, fielen dem Kampf um Aufmerksamkeit zum Opfer. Lieber in Twitterlänge präsent sein als gar nicht, lautet die Devise. Damit ging nach der Autorität der Autoren auch die Bedeutung ihrer Leistung verloren. Dass Fakten überhaupt noch aufgeschrieben werden, spielt immer seltener eine Rolle im Nachrichtengeschäft. Stichworte genügen. Die Beschreibung einer Quelle, die kunstvolle Verbindung zweier Gedanken, die Einbettung eines Datums in seinen Kontext, die Verknüpfung von Etappen einer Entwicklung oder die erinnernde Nennung von etwas Relevantem, aber nicht Aktuellem sind nur noch Dekoration – für die das Interesse der Nutzer, vom Leser lässt sich tatsächlich ja nicht mehr sprechen, angeblich schwindet. Was nicht mehr verlangt wird, wird auch nicht mehr dargeboten. Wie sich Angebot und Nachfrage jedoch tatsächlich zueinander verhalten, und was zuerst abhandenkam, bleibt dabei ungeklärt. Wie so vieles, geschieht auch diese Entwicklung im alltäglichen redaktionellen Blindflug.

Noch werden Zeitungen aber gedruckt, und in ihnen spielt der Text noch eine größere Rolle als ihr auf Stichworte verkürzter Kern im Netz. Wendet man sich den ausformulierten Ausführungen zum Thema Glaubwürdigkeit in Zeitungen zu, hellt sich das Bild allerdings nicht auf – es verdüstert sich!