Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Nachrichtendiät

Therapeutischer Nachrichtenkonsum

Dieses Kapitel heißt nicht absichtslos »Nachrichtendiät«, aber es wird der Idee des Buches treu bleiben, eher zu informieren als zu instruieren. Dennoch bricht dieses Kapitel mit dem vorherigen Verlauf des Textes. Der Redaktionsschluss ist ein gesellschaftliches Phänomen, das wir euphorisch und ernüchtert beobachten, wohl wissend, dass unsere Wünsche der Wirklichkeit wenig entgegensetzen können. Das ist beim Besprechen einer Diät ganz anders. Wir kennen den Begriff aus der Ernährung, wissen also, dass er zwar mit Verzicht, vor allem aber mit Bewusstwerdung, Zügelung, Planung und Übung zusammenhängt. Ohne Anspruch darauf, die Gesellschaft und den Lauf der Geschichte ändern zu können, bieten Diäten die Chance, einen verständigeren Umgang mit den Möglichkeiten des Alltags zu finden – die ohne Pathos, sondern ernst gemeint darauf abzielen, fröhlicher zu leben, sich freier zu fühlen und zumindest das persönliche Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Wollen wir auch dieses Kapitel wieder mit dem Namen einer Person beginnen? Einer böte sich nämlich an: der in Deutschland völlig unbekannte Walter Winchell. Wir werden uns aber von ihm überraschen lassen, ohne ihm eine Vorrangstellung vor den Journalisten Stefan Niggemeier und Konrad Lischka, der Informatikerin und Autorin Constanze Kurz und dem Soziologen Dirk Baecker einzuräumen. Mit ihnen werden wir nämlich über ihre Nachrichtendiäten und weitere mediale Selbsterfahrungen reden. Beginnen möchte ich aber bei mir selbst: Wozu brauche ich eine Nachrichtendiät?

Ich gehöre zum Jahrgang 1983 und zähle mich daher nicht zu den sagenumwobenen Millennials, die heute um die zwanzig Jahre alt sind und von denen wir wissen, dass das Internet als verbraucherfreundliche Technologie älter ist als sie. Obwohl aber tragbare Computer und WLAN erst verhältnismäßig spät erfunden wurden, nämlich zur Jahrtausendwende, fällt auch mir eine Erinnerung an eine Welt ohne Internet schwer. So wie es für meine Kinder gelten wird, denen ich heute im Grundschulalter noch kein eigenes Smartphone zugestehe, begann auch für mich das digitale Leben als Schüler in der weiterführenden Schule. Wie selbstverständlich das Internet für mich war, fiel mir allerdings erst vor wenigen Jahren, 2012 im Urlaub, auf. Apples iPad machte das Internet damals tatsächlich allgegenwärtig. Doch plötzlich sollte es mir tagelang nicht zur Verfügung stehen. Es gab nur einen Ausweg: Ich wusste durch Zufall, wo es in der Nähe verschlüsselungsfreies, privates WLAN gab. Also fuhr ich jeden Abend mit dem Fahrrad kurz dorthin, öffnete das iPad und aktualisierte nacheinander meine App mit den RSS-Feeds, die App der »New York Times«, der F. A. Z., Twitter, Flipboard, Facebook und noch eine Handvoll andere. Nach zehn Minuten war ich auf dem neuesten Stand, beziehungsweise war mein Gerät auf dem neuesten Stand. Ich hatte nun einen Tag Zeit zu lesen, wissend, dass keine weiteren Aktualisierungen zu erwarten waren. Das Internet war nicht mehr der anhaltende Strom an Informationen, sondern folgte dem Rhythmus einer Tageszeitung.

Das Erlebnis war eindrücklich. Plötzlich las ich tatsächlich die Texte, die ich mir kurz vorher zum späteren Lesen markiert hatte. Und eilig dahingeschriebene Tweets, die Konflikte anbahnten und Sensationen versprachen, wurden für mich recht unbedeutend, da ich die Entwicklung, die sie auslösten, ja nicht mitverfolgen konnte. Das Nachlesen am nächsten Abend schien sofort sinnlos. Seitdem habe ich mehrere Experimente gewagt. Ich habe beispielsweise erst im Büro die Papierzeitung gelesen, statt mich noch im Bett per Smartphone vom aktuellen Stand der Dinge zu informieren. Ich habe twitterfreie Wochen gemacht, die sich als wirklicher Weg in die Erblindung herausgestellt haben. Ich habe an manchen Tagen meine komplette Twitter-Timeline gelesen, was aus Zeitgründen leider nicht sehr praktikabel ist. Und ich habe ausgefeilte RSS-Feed-Nutzungsstrategien entwickelt, die sich sehr ausgezahlt haben. Wir klären gleich ähnliche Beispiele mit unseren Gesprächspartnern.

Empfehlen kann ich an dieser Stelle aber wenigstens zwei Ideen. Zum einen die von Jason Zook, der eines Tages keine Lust mehr auf schlechte Nachrichten und Aufregung am Morgen hatte, weshalb er vor dem Frühstück konsequent nur Facebooks Bilder-Netzwerk Instagram nutzt.1Zook, Jason 2015. Mein seltsames Morgenritual und warum du auch eines brauchst (übersetzt von Patrick Baumann). Medium.com 4. Februar. URL: https://medium.com/deutsch/mein-seltsames-morgenritual-und-warum-du-auch-eines-brauchst-bdeb4e13ba38 [Stand 2015–04–11]. Das hat nicht nur den Vorteil, dass man so früh am Morgen nicht mit Text belästigt wird. Bei Instagram lässt sich auch hervorragend feinjustieren, was man sehen möchte, in meinem Fall nämlich nur schöne Dinge, seien es schöne Menschen, schöne Architektur oder schöne Landschaften. Ich starte meinen Tag heute drei Minuten lang mit dreißig schönen Bildern. Die andere Idee hat Sascha Pallenberg beschrieben, unter der Überschrift »Einfach mal abschalten – Entschleunigung 2.0«.2Pallenberg, Sascha 2015. Einfach mal abschalten! Entschleunigung 2.0 – Warum ich den Benachrichtigungs-Wahn nicht mehr mitmache. Mobilegeeks.de 27. August. URL: http://www.mobilegeeks.de/artikel/benachrichtigungen-online-digital-wahn/. Er habe sich – und diese Worte wählt er als Technologie-Blogger, der sein Hobby vor allen anderen zu einem einträglichen Beruf gemacht hat – »einlullen lassen, von der Industrie, vom Marketing, vom Druck der Netzwerke und vor allen Dingen von mir selbst«. Sich »vom Diktat der digitalen Netzwerke« zu lösen fiel ihm nach diesen Einsichten nicht schwer. Er lässt sich ganz einfach von seinem Smartphone, beziehungsweise von seinen vielen Smartphones, nicht mehr benachrichtigen. So einfach es klingt, der Trick ist anfänglich tatsächlich nur mit Komplikationen umzusetzen. Denn adressierte Kommunikation per SMS, Anruf, Facebook-Nachricht oder auf anderen Wegen ist gar nicht so leicht zu unterscheiden von der unadressierten Kommunikation, die einen ständig belästigt. Mein Trick funktioniert so: Ich nutze eine spezielle Energiesparfunktion, wie sie in vielen Smartphones verbaut ist. Sie versetzt das Handy in einen Tiefschlaf, solange ich es nicht nutze. Erst wenn ich den Bildschirm aktiviere, laufen im Hintergrund die Abfragen der Apps nach neuen Informationen. Ausnahmen lassen sich in diesem Modus sehr detailliert einstellen. Kein soziales Netzwerk nervt mich seitdem. Informationen, die direkt an mich gerichtet werden, erreichen mich trotzdem zuverlässig – unter anderem auch deswegen, weil mein Akku heute doppelt so lange durchhält.

Um nun noch einen letzten Haken zu schlagen, bevor wir gleich unsere Gespräche führen, und um mir auch selbst noch einmal zu widersprechen, dass es in diesem Buch eher um Beobachtungen als um Appelle geht, möchte ich noch auf einen Punkt meiner persönlichen Nachrichtendiät zu sprechen kommen, aus dem ich eine wichtige Empfehlung ableite: Sollten Sie noch Fernsehen schauen, insbesondere Abendnachrichten, weil Sie sie für wichtig halten, dann müssen Sie jetzt sofort Ihr Leben ändern. Schalten Sie Ihren Fernseher aus!

Leider kann ich an dieser Stelle nicht die viele hundert notwendigen Seiten darüber schreiben, warum tägliche Fernsehnachrichten sofort abgeschafft gehören. Ich kann für die ausbleibende Argumentation allerdings einen ebenso zeitfressenden Ersatz anbieten: Im April 2015 begann ich, gemeinsam mit dem Journalisten Tilo Jung Fernsehen zu schauen. Ich habe – während der Griechenland-Krise, der Flüchtlingskrise, der FIFA- und VW-Krisen, der Kriege auf der Welt und des Terrors in Europa – über Monate jede »Tagesthemen«-Sendung der ARD und alle »heute-Journal«-Sendungen des ZDF, zudem die politischen Wochenmagazine »Bericht aus Berlin« (ARD) und »Berlin direkt« (ZDF) gesehen und bis zu dreimal pro Woche jeweils ein bis zwei Stunden lang besprochen. Das Ergebnis ist ein rückblickend eigentlich am besten als Gesprächstherapie zu charakterisierender Podcast, in dem Tilo Jung und ich wenig anderes tun, als im Dialog und mit Gästen unser Nachrichtenerlebnis aufzuarbeiten.*Der podcast heißt »Aufwachen« (aufwachen-podcast.de), nicht weil wir ihn mit einer esoterischen Erweckungsabsicht verbinden, sondern weil der Name scherzhaft unser Nutzerverhalten widerspiegelt. Die Digitalisierung stellt die Tageszeitung schon abends zur Verfügung, wenn man endlich auch Zeit hat, sie in Ruhe zu lesen. Am Morgen dagegen, wenn die Hektik des Tages schon mit der Vorbereitung auf ihn beginnt, lässt man die Abendnachrichten aus der Mediathek nebenherlaufen.

Interessant sind zwei Erfahrungen. Zum einen die sozialen Wirkungen solch eines Podcasts. Da Tilo Jung mit dem »Jung-&-Naiv«-Format – einem wachsenden Archiv aus mehr als zweihundert Interviews mit Politikern und einer Dokumentation der Bundespressekonferenz – bereits Publikum mobilisiert hat, konnten wir den Podcast recht früh auf eigene finanzielle Beine stellen. Schon im ersten Monat erhielten wir vierstellige, freiwillige Unterstützerzahlungen von unseren Hörern. Im vierten Monat erreichten wir erstmals den 1. Platz in den deutschen iTunes-Podcast-Charts. Wie die Platzierungen ermittelt werden, weiß, abgesehen von Apples Mitarbeitern, allerdings niemand genau. Allein von der Reichweite hängen die Platzierungen zumindest nicht ab. Dennoch war für uns überraschend, dass wir mit einem Podcast über die Fernsehnachrichten, in dem wir allerdings auch in jeder Ausgabe Dutzende Audio-Ausschnitte aus den aktuellen Nachrichten einspielten, bei Apple höher gerankt waren als die Nachrichtensendungen selbst, die schließlich auch als Podcast veröffentlicht werden.

Wichtiger noch ist aber meine inhaltliche Erfahrung. Dabei kommt der vorhin erwähnte Walter Winchell ins Spiel, das er als sein Erfinder bis heute prägt. Dass wir ihn in Deutschland nicht kennen, zeigt, wie wenig wir vom Fernsehen als Geschäft, von seinen Ursprüngen, Funktionsweisen und Wirkungen verstehen. Daran ändert der Einstieg in Winchells Biografie, die Neal Gabler vor zwanzig Jahren vorlegte, erst einmal wenig.3Gabler, Neal 1995. Winchell: Gossip, power and the culture of celebrity. 1st Vintage Books ed. New York: Vintage. Der erste Satz des Buches lautet: »In the end, few really remembered, fewer cared.« Als Winchell 1972 starb, kam nur seine Tochter zu Beerdigung. Dennoch, wenige Jahrzehnte zuvor, hielt Winchell ganz Amerika in Atem. Er schrieb die ersten Kolumnen, die heute als »Gossip« bekannt und als Prominenz-Berichterstattung omnipräsent sind. In den 1930er und -40er Jahren erreichte er rund fünfzig Millionen Menschen mit seinem wöchentlichen Radioprogramm und einer täglichen Kolumne, die in mehr als zweitausend Zeitungen verbreitet wurde. Und Amerika war damals klein, man hätte überhaupt nur 75 Millionen erwachsene Menschen erreichen können. Als Winchell einmal in New York die Zeitung wechselte, folgten ihm 200 000 Abonnenten. Mancher Zeitung wurde von ihren eigenen Reportern nachgesagt, dass die Hälfte ihrer Leser doch nur Winchells Kolumne lesen wollten. Einen Zeitzeugen zitiert Gabler sogar mit den Worten »kein Mann hatte jemals ein so anhaltend großes Publikum, der nicht Politiker oder religiöser Führer war«.

Worum ging es dabei tatsächlich? Walter Winchell hat einen menschlichen Instinkt ausgebeutet, dem wir bis heute erliegen, den wir allerdings nicht abwehren können, weshalb wir ihn mit Ideologien, moralischen Appellen und medialen Partizipationsbefehlen überlagerten. Das Prinzip ist wirklich erstaunlich einfach: Wenn wir uns über Menschen informieren, indem wir beispielsweise zum Nachbarn durch ein Loch im Zaun hinüberlinsen, wodurch wir etwas erfahren, ohne dass der andere weiß, dass wir es wissen – fühlen wir uns in einer Position der Macht. Wir glauben, dass der Wissensasymmetrie ein Handlungsvorsprung folgt.

Und tatsächlich: Zu wissen, über andere mehr zu wissen, als sie über einen selbst wissen, verspricht vorteilhaft zu sein, sei es an der Börse, in politischen Verhandlungen oder im Krieg. Nur ist der Konsum von Gossip-Nachrichten mit all dem nicht vergleichbar. Wir begegnen ja den Menschen, über die wir mehr wissen als sie über uns, überhaupt nicht. Dennoch fesseln uns die dargebotenen Geschichten, weil sie uns zumindest einen Vorsprung einräumen: Sollten wir auf der Straße, in der Kaffeeküche oder im Wartezimmer auf Gleichgesinnte treffen, können wir etwas erzählen, was der andere noch nicht weiß, was ihn aber interessiert – wodurch wir wiederum ein wenig interessanter werden, so wie die Prominenten, über die wir tratschen.

Das Argument, auf das es mir beim Blick auf Winchells Wirken ankommt, ist nun überschaubar kurz: Die öffentlich-rechtlichen Abendnachrichten und die politischen Wochenendmagazine am Vorabend sind nichts anderes als Gossip-Reports. »RTL-Exclusiv« und »VOX-Prominent!« beschäftigen sich mit den Schönen und Reichen, beim ZDF und in der ARD beschäftigt man sich mit den Mächtigen. Die Folgen sind fatal: Plötzlich schrumpft das politisch relevante gesellschaftliche Leben in Deutschland und die Hundertausende von Mitarbeitern umfassende Staatsverwaltung auf das persönliche Kräftespiel von zehn Bundespolitikern zusammen, über die man sinnvollerweise nur eins sagen kann: Sie sind bekannt aus Funk und Fernsehen, weil sich ein acht Milliarden Euro schwerer Medienkoloss – der eigentlich eine ernste Aufgabe wahrnehmen soll – nicht schämt, regelmäßig zufällig ausgewählte Bundesbürger per Telefon zu fragen, welche Schulnoten sie an das aufgezählte politische Personal vergeben. Der Witz ist, dass dieses Politiktheater, das das ZDF »Politbarometer« und die ARD »Deutschlandtrend« nennt und als Journalismus dargeboten wird, eigentlich nichts als Medienwirkungsforschung ist. Wir erfahren ja gar nichts über die Politiker, sondern nur über ihr mediales Bild, für das wiederum die Sender allabendlich verantwortlich sind. Dass politische Entscheidungen eigentlich in der Verwaltung getroffen werden, dass sie eher einer organisationalen Rationalität als persönlichem Befinden unterworfen sind, ist in den Abendnachrichten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens niemals Thema. Geradezu Tabu ist, dass die Politik nur ein Teilbereich der Gesellschaft neben anderen ist.

Fernsehredaktionen, die sich mit Politik beschäftigen und dafür morgens konferieren, um abends etwas zu senden, können sich nur auf wenige Dinge konzentrieren – beispielsweise Konflikte, allen voran Wahlkämpfe. Ich habe bis hierhin mit Absicht nichts über die Arbeit von Redaktionen gesagt, die nicht täglich, sondern beispielsweise im Rhythmus von drei Wochen oder monatlich senden. Wenigstens dieser Rhythmus scheint in der redaktionellen Arbeit nämlich vom Zwang zu befreien, sich aus Angst, nichts zum Senden zu haben, an Personen zu klammern, ausschließlich mit oder über sie zu sprechen – statt Probleme zu behandeln. Für eine Handvoll abendlicher Politik-Magazine gilt also nicht, was wir im Podcast häufig bei den Abendnachrichten beobachtet haben: Sie befassen sich mit dem Handeln der höchsten politischen Amtsträger im Modus der Sportberichterstattung. Und sie warten mit den Antworten auf wichtige Fragen erst auf die Themensetzung und Sprachregelung der »Spitzenpolitiker«, um es sich mit ihren Lieblingen nicht zu verscherzen.

In dieser Hinsicht haben wir im Podcast den Spieß umgedreht und die Fernsehberichterstatter dabei beobachtet, wie sie das politische Personal beobachten. Wir haben festgestellt, auszugsweise: Der ZDF-Moderator Thomas Walde kann minutenlang reden, ohne danach inhaltlich zitierfähig zu sein. Der ARD-Chefredakteur Rainald Becker bejubelt das Regierungshandeln regelmäßig auf eine Weise, die sogar Regierungssprecher Steffen Seibert peinlich wäre. Der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Sigmund Gottlieb, kann überhaupt nur als Lautsprecher der CSU sinnvoll charakterisiert werden. Alle anderen Versuche, seine öffentlich sichtbare Berufstätigkeit zu beschreiben, gehen fehl. Die Beobachtungen hat der »brand-eins«-Redakteur Wolf Lotter in einer passenden Beschreibung verpackt, sie passt in einen Tweet: »Viele Journalisten sind zuverlässigere Staatsverteidiger als die Spitzenbeamten, die ich kenne. Letztere wissen ja auch Bescheid.«4Lotter, Wolf 2015. Tweet: »Viele Journalsiten sind zuverlässigere Staatsverteidiger als die Spitzenbeamten, die ich kenne. Letztere wissen ja auch Bescheid.« URL: https://twitter.com/wolflotter/status/651343284237897728.

Was hier nun nah an Verschwörungstheorien klingt, lässt sich allerdings wirklich nicht logisch auflösen. Wir haben im Podcast beispielsweise Archivsendungen von »Jung & Naiv« gespielt, in denen der ehemalige Chefredakteur des ZDF, Nikolaus Brender, im Gespräch mit Tilo Jung davon berichtet, dass zumindest zu seiner Zeit die CDU »mit Bärbeißigkeit« versucht habe, in »die Berichterstattung einzugreifen«. Als wir mit dem Nachrichtenchef des ZDF, Elmar Theveßen, als Gast im Podcast darüber sprachen, hatte er jedoch nie zuvor davon gehört, sagte aber wiederum, dass im Verwaltungsrat seines Senders noch immer zu viele Mitglieder der CDU sitzen, was sogar das Bundesverfassungsgericht per Urteil zu korrigieren vorgab. Leider sei man noch nicht dazu gekommen, das Urteil auch tatsächlich umzusetzen – als handle es sich bei dem Karlsruher Urteilsspruch um eine unverbindliche Rechtsberatung.

Meine persönliche Nachrichtendiät zum Thema Regierungshandeln sieht seit 2015 so aus, dass ich die Regierungspressekonferenzen per Podcast verfolge. Tilo Jung dokumentiert sie inzwischen vollständig, auch per Video. Auffällig ist die Erfahrung, dass die Einblicke in das Regierungshandeln auf diesem Weg sehr weitreichend sind. Mein Eindruck ist, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen – zugegebenermaßen der einzige Fernsehbetrieb, der sich überhaupt mit dem politischen Betrieb beschäftigt – mit seiner redaktionellen Arbeit die Nuancen der offiziellen Regierungskommunikation, deren Bedeutung nach gewisser Zeit leicht zu registrieren ist, sogar verdeckt. Im Fernsehen erfährt man letztlich doch mehr über die redaktionelle Arbeit der Medienhäuser als über das politische Handeln der Regierung. Erstaunlicherweise nimmt der unmittelbare politische Nachrichtenkonsum, die Regierungspressekonferenzen zu verfolgen, nicht einmal nennenswert mehr Zeit in Anspruch. Die Dauer der Regierungspressekonferenzen sowie der Abendnachrichten von ARD und ZDF beläuft sich pro Woche auf jeweils vier Stunden, sofern man die exorbitante Bundesliga- und Wetterberichterstattung der »Tagesthemen« abzieht. Hört man den Podcast mit doppelter Geschwindigkeit, beläuft sich der Zeitaufwand auf höchstens dreißig Minuten täglich.

Dennoch verfolge ich auch die Fernsehnachrichten weiterhin – mit soziologischer Lust. Unser Podcast eröffnete uns inzwischen viele informale Einblicke in die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Ohne es zitierfähig vortragen zu können, kann ich mich als Soziologe nur sprachlos fasziniert zeigen: Dass Bürokratien intern zu Zynismus führen, ist normal, ja sogar notwendig. Das Ausmaß des Zynismus in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten spottet aber allen Vorstellungen. Es ist ein soziales Wunder. Das allerdings ist nicht Thema dieses Buches, obwohl man sich natürlich auch die Frage stellen kann, ob der Medienwandel nur eine rein gesellschaftliche Angelegenheit ist, oder ob er nicht auch zu innerorganisationalen Effekten führt, die wiederum eine Eigendynamik befeuern, die sich aus den gesellschaftlichen Veränderungen nicht direkt ableiten lässt, der man sich allerdings unbedingt zuwenden sollte – insbesondere als Beitragspflichtzahler. Wir können die Ausführungen zum Fernsehen damit abschließen. Unsere Gesprächspartner kommen nämlich auch nicht darauf zurück.