Politik ohne Debatte
Googles und Facebooks Interesse für Politik
Eric Hysen, einer der vielen Unbekannten mit großer Verantwortung, der bei Google die Projekte leitet, aus denen beispielsweise in Deutschland die Wahlen-Seite mit der Wahlkreiskarte hervorging, fasst die großen Vorhaben von Google in leicht verständliche Worte: 1780 habe es zwei Tage gedauert, um die sechzig Meilen von Cambridge nach London zu reisen. Dabei hätten die Pferdekutschen schon damals viel schneller fahren können. Es fehlten nur die Straßen. Die Inhalteanbieter sind in der Informationsgesellschaft, was die Kutscher vor zweihundert Jahren waren. »Eure Bemühungen sind wie die Kutschen damals«, sagte Hysen 2014 bei einer Rede in Berlin.22Hysen, Eric 2014. Keynote, Open Knowledge Festival 2014. Berlin. URL: http://2014.okfestival.org. Nun brauche es jemanden, der sich um die Infrastruktur kümmert. Google nehme das gerne in die Hand, fügte er an, die »Community zu unterstützen« sei dem Unternehmen wichtig.
Google zieht sich stets auf die Position zurück, nichts weiter als eine Infrastruktur beziehungsweise, wie es heute heißt, eine Plattform anzubieten. Es ist eine der wichtigsten und gleichsam unterbelichtetsten Fragen, was das bedeutet. Die Merkmale Neutralität und Objektivität, die einmal mit dem Journalismus verbunden waren, vereinigt Google inzwischen auf sich und seine Sortier- und Suchalgorithmen. Nur die Ingenieure des Unternehmens wissen allerdings, wie sie genau funktionieren und wie häufig sie in die gesellschaftsprägende Technologie – in ihre Technologie – eingreifen. Wahrscheinlich mehrmals täglich. Mit jedem Eingriff gelten ihre Suchergebnisse als einen kleinen Schritt besser – wahrer. Wer Eric Schmidt zuhört, beispielsweise bei seinem Auftritt neben Sigmar Gabriel in Berlin, gewinnt den Eindruck, dass die Algorithmen nichts weiter als Naturgesetzen folgen. Als wären sie gottgegeben.
Als der Europäische Gerichtshof Anfang 2014 Europas Bürgern die Möglichkeit einräumte, Einfluss auf die Suchergebnisse zu nehmen, die mit ihrem Namen verknüpft sind, reagierte das Unternehmen mit großem Unverständnis. Jeff Jarvis – der, wenn auch nur auf Honorarbasis, auch zum Unternehmen zu zählen ist – nahm kein Blatt vor den Mund und sagte, das europäische Urteil käme »Gedankenkontrolle, Tyrannei und Propaganda« gleich.23Jarvis, Jeff 2014a. This Week in Google 249 | TWiT.TV. Twig, Episode 249 14. Mai. URL: http://twit.tv/show/this-week-in-google/249 [Stand 2015–04–13]. Dabei bedeutete das Urteil lediglich: Zusätzlich zu den Hunderten von Kriterien, nach denen Google das Wissen der Welt sortiert und zugänglich macht, gab es nun ein einzelnes zusätzliches Kriterium – das einzige, über das nicht Google entschied, sondern derjenige, nach dessen Namen gegoogelt wird.
Robert Epstein, Psychologe am American Institute for Behavioral Research and Technology, warnt ausdrücklich vor der Unabhängigkeit der Algorithmen von der Gesellschaft, die sie prägen und gestalten. Bei der Cebit 2015 sagte er: »Ganz egal, was das Google-Management für Absichten haben mag: Das Programm entscheidet schon heute über den Ausgang von Wahlen in aller Welt.« Tests mit 4556 Teilnehmern in Indien und Amerika, durchgeführt von seinem Institut, hätten gezeigt, dass Google die Wahlentscheidung von unentschlossenen Wählern um bis zu zwanzig Prozent zugunsten eines Kandidaten verschieben kann. Bei manchen der 2150 wahlunentschlossenen Inder, über die er sprach, lag der Einfluss sogar bei sechzig Prozent. Als Vermutung äußerte er, dass 99 Prozent der Teilnehmer wohl nicht bemerkt haben, dass überhaupt ein Experiment mit ihnen stattfand. Das klingt dramatisch, tatsächlich wird die Frage nach der Beeinflussbarkeit von Wahlen, die lediglich alle vier Jahre stattfinden, aber künftig zur Nebensächlichkeit. Denn interessanter wird ein anderer Einflussfaktor: »Was wäre«, fragte Eppstein, »wenn man das Tag für Tag und zugeschnitten auf den Internetnutzer tun würde?« Warum sollte man auf Wahltermine warten, wenn sich die Gesellschaft an jedem Tag, in jeder Stunde, zu jeder Minute beeinflussen lässt?
Bei diesen Themen und Fragen kann man die Massenmedien vergessen: Man wird vergeblich auf eine Diskussion warten. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« hat Epsteins Rede in Hannover nicht aufgegriffen, sondern lediglich eine kurze Onlinemeldung publiziert, nachdem die Deutsche Presseagentur die Zitate in fertig geschriebenen Absätzen geliefert hatte.24DPA 2015. Amerikanischer Forscher: Google-Algorithmus kann Demokratie gefährden. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17. März. URL: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/cebit/google-algorithmus-kann-wahlen-entscheidend-beeinflussen-13488556.html [Stand 2015–04–01]. So hielten es auch andere Redaktionen. Worüber wir bis heute also wenig wissen: Die Bundesregierung zeigt seit 2014 ein deutliches Interesse an verschiedenen politischen Projekten von Verhaltensbiologen, die ihrerseits von der Arbeit von Technologieexperten profitieren. Das Kanzleramt hat zumindest grundlegende Fragen provoziert, als bekannt wurde, dass sich seine Beamten für das »Nudging« interessieren und Wissenschaftler suchen, die ihnen weiterhelfen. Vorbildhaft dafür sind die angelsächsischen Projekte nach einer Idee des amerikanischen Rechtsprofessors der Harvard-Universität Cass Sunstein und des Wirtschaftswissenschaftlers Richard Thaler von der Universität Chicago. Ihr 2009 vorgelegtes Buch heißt »Nudge«25Thaler, Richard H. & Sunstein, Cass R. 2011. Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Ungekürzte Ausg., 1. Aufl. Berlin: Ullstein (Ullstein, 37366). und trägt den deutschen Untertitel: »Wie man kluge Entscheidungen anstößt«. Der englische Untertitel ist ein wenig gelungener: »Improving Decisions About Health, Wealth and Happiness«. Der persönliche Anreiz ist demnach bedeutend wirkungsvoller als die juristische Anordnung, wenn die politischen Verwaltungen ihre Effektivität steigern wollen. Warum sollte man noch in einen aufwendigen Dialog mit dem Bürger treten, wenn man ihn mit Kenntnis seiner nun ablesbaren intrinsischen Motivationen auch an dessen Bewusstsein vorbei in die richtige Richtung, beziehungsweise an der Nase herum, führen kann?
Dass die Bundesregierung ihr Projekt, sich mit Kenntnissen über die Bevölkerung zu versorgen, um sich einer direkten Auseinandersetzung mit ihr zu entziehen, »Bürgerdialog« nennt – ist ein Treppenwitz, der von Journalisten nicht erzählt wird. Wie viel Wahrheit aus den so geschürften Daten gewonnen wird, kann dahingestellt bleiben. Die maschinenlesbare Bevölkerung erzeugt auch als künstliche Wirklichkeit einen bedeutenden Wert für die Bundesregierung, denn die Alternativen lauteten bisher: ZDF-»Politbarometer« schauen, vermuten und raten.
Abgeschafft sind die Wahlkämpfe deswegen aber nicht. Wie die Börsenberichterstattung finden sie noch als Medienereignisse statt. Journalisten werden sich weiterhin bemühen zu berichten, was Wahlkämpfer tun, um sich Vorsprünge vor ihren Konkurrenten zu verschaffen. Als handelte es sich um ein Pferderennen, fiebert der Journalist mit und erklärt hinter der Ziellinie die Resultate, am liebsten per Interview und Liveschaltung. Die Beziehung zwischen Berichterstatter und Akteur wird allerdings einseitiger und für die Journalisten einsamer. Man sieht es bereits in Amerika. In der heißesten Phase des amerikanischen Präsidentenwahlkampfs 2012 – in den letzten sechs Wochen bis zur Wahl – sprach Mitt Romney kein einziges Wort mit einem Journalisten. Er vertraute stattdessen auf seine Berater und Strategen, den News Cycle in Bewegung zu halten und ihn als guten Kandidaten darzustellen. Obamas Mannschaft gelangen die Inszenierungen ihres Kandidaten jedoch besser. Bei der ersten Handlung des wiedergewählten Präsidenten war dann allerdings kein Journalist Zeuge. Die Vereidigung fiel, von der Öffentlichkeit unbeachtet, auf einen Sonntag. Seit 1821 ist geregelt, dass eine zweite Vereidigung als bloße Show am darauffolgenden Montag durchgeführt wird. Dass zur tatsächlichen Vereidigung kein Journalist eingeladen war, blieb aber doch ungewöhnlich. Die White House Correspondents’ Association konnte allerdings nichts daran ändern. Die Distanz zwischen Politik und politischem Journalismus ist in Amerika kaum noch zu überbrücken – nicht einmal in Wahlkampfzeiten. Noch vor den innerparteilichen Vorwahlen zur Wahl 2016 in Amerika nutzen beispielsweise die republikanischen Kandidaten jede Gelegenheit, um bei den Fernsehdebatten auf Konfrontationskurs mit den etablierten Medien, deren Moderatoren sie gegenüberstehen, zu gehen.
Der tatsächliche Wahlkampf ist abgewandert, beispielsweise in die sozialen Netzwerke, wo er als Informationskrieg tobt und für soziale Experimente ausgebeutet wird. Der Autor und, wie er sich selbst beschreibt, Demokratieaktivist Micah Sifry beschrieb die vergangenen zehn Jahre des digitalen Aktivismus folglich als Enttäuschungsgeschichte – oder vielmehr als eine Geschichte der Täuschung. Sein Buch »The Big Disconnect« trägt den Untertitel »Why the Internet Hasn’t Transformed Politics (Yet)«.26Sifry, Micah L. 2014a. The Big Disconnect: Why the Internet Hasn’t Transformed Politics (Yet). New York: O/R Books. Es nimmt Bezug auf die Versprechungen und Verheißungen, die die Digitalisierung und das Internet mit sich brachten, aber nicht hielten. Genau genommen wurden nicht nur Erwartungen nicht erfüllt, sondern ihr Gegenteil verwirklicht. Die sozialen Netzwerke warben mit neuen Möglichkeiten der Kommunikation von Bürgern untereinander und von Politikern mit ihrem Wählerpublikum. Der tatsächliche Strukturwandel fand jedoch im Abseitigen statt. Anders als propagiert, nutzte das Internet weniger den Wählern, die sich über ihre politischen Möglichkeiten informieren wollten. Stattdessen informieren sich die Wahlkämpfer und Wissenschaftler über das Publikum, ohne dabei mit ihm in offenen kommunikativen Kontakt treten zu müssen. Für Wahlkämpfer und Wissbegierige ist das Internet ein Segen.
Im Wahlkampf 2012 interessierten sich Forscher von Facebook beispielsweise für die Frage, ob sie allein durch Eingriffe in die Algorithmen von Facebooks Newsfeed in der Lage wären, die Wahlbeteiligung zu erhöhen, schreibt Sifry.27Sifry, Micah L. 2014b. Facebook wants you to vote on Tuesday. Here’s how it messed with your feed in 2012. motherjones.com 31. Oktober. URL: http://www.motherjones.com/politics/2014/10/can-voting-facebook-button-improve-voter-turnout [Stand 2015–04–05]. Ein im Grunde ehrenwertes, aber ebenso beliebig austauschbares Anliegen, welches das methodische Vorgehen interessant macht. Der erste, naheliegende Versuch zur Steigerung der Wahlbeteiligung bestand darin, die Frequenz politischer Texte in den Newsfeeds von rund zwei Millionen Facebook-Nutzern zu steigern. Schon zwei Jahre zuvor versuchten Sozialforscher, bei Facebook Prinzipien der sozialen Kontrolle zu nutzen. Sie kreierten einen Button, den Nutzer drücken konnten, um ihren Facebook-Freunden mitzuteilen, dass sie gewählt hatten. Bei den Midterm Elections 2010 bekamen sechzig Millionen Amerikaner diesen Button bei Facebook angezeigt, einer Kontrollgruppe von 600 000 Nutzern blieb er verborgen. In einem Artikel für das Wissenschaftsmagazin »Nature« schrieben die Wissenschaftler von Facebook, dass sie ermittelt hätten, dass sie die Wahlbeteiligung auf diesem Wege um mindestens 340 000 Stimmen erhöhen konnten. Sie postulierten: »Es ist möglich, dass die Wahlbeteiligung zwischen 2006 und 2010 durch eine einzelne Facebook-Nachricht um 0,6 Prozent gesteigert werden konnte.«28Bond, Robert M., u. a. 2012. A 61-million-person experiment in social influence and political mobilization. Nature 489 (7415), 295–298. Für Michael Buckley, Facebooks Vice President for Global Business Communication, habe es sich lediglich um einen Produkttest gehandelt, schreibt Sifry. Facebook variierte die Schriftzüge und experimentierte mit unterschiedlichen Farben des Buttons. Außerdem habe es an akademischer Präzision gemangelt. Laut Buckley wusste Facebook selbst nicht, wie viel Einfluss Softwarefehler auf die Ergebnisse hatten und wie genau der Zufallsmechanismus funktionierte, der die Test- und Kontrollgruppen zusammenstellte.
Bei der Präsidentenwahl 2012 kamen dann weitere, raffiniertere und sorgfältiger durchgeführte Experimente hinzu. Üblicherweise, zitiert Sifry anschließend aus einem Vortrag von Lada Adamic, einer Sozialwissenschaftlerin von Facebook, sehen Facebook-Nutzer beim Öffnen ihres Newsfeeds an erster Stelle persönliche Informationen. Eine Gruppe von 1,9 Millionen Nutzern erhielt nun testweise politische Informationen auf den ersten Blick. Eine Befragung nach der Wahl habe ergeben, dass die Wahlbeteiligung dieser Gruppe von 64 Prozent auf 67 Prozent anstieg. Nachdem Sifry an dem Vortrag und der Forschung Interesse zeigte, nahm Facebook die Videos dazu aus dem Netz und versprach, ohne ein Datum dafür zu nennen, eine akademische Publikation. Die Forschung dient in erster Linie Facebooks Wissensmehrung und nicht der allgemeinen Wissenschaft.
Ob Facebook mit seiner Forschung künftig überhaupt noch offen umgehen wird, ist unklar. Gute Erfahrungen hat das Unternehmen mit den bisher wenigen Versuchen, öffentlich zu diskutieren, nämlich nicht gemacht. In einer im Sommer 2014 veröffentlichten Publikation offenbarte das Unternehmen, dass es zum Thema Emotionen forsche. Anhand des Verhaltens von 700 000 Nutzern konnte ermittelt werden, dass Menschen ihre Stimmung an die Inhalte des Facebook-Newsfeeds angleichen. Wer weniger erfreuliche Nachrichten und Botschaften in seinem Newsfeed sieht, äußert sich selbst auch betrüblicher. Dass Emotionen durch Sinneseindrücke verändert werden, überrascht nicht. Die Forscher der Facebook-Studie merkten an, dass der von ihnen gemessene Effekte sehr gering sei. Aufgrund der hohen Nutzerzahlen schlage er sich allerdings dennoch in Hunderttausenden Facebook-Nachrichten nieder.29Kramer, Adam, Guillory, Jamie & Hancock, Jeffrey 2014. Experimental evidence of massive-scale emotional contagion through social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 111 (24), 8788–8790. Der anschließende Medienwirbel war gewaltig. Journalisten, die auch nichts anderes tun, als ihre Leser zu beeindrucken, merkten empört an, dass Facebook seine Nutzer beeinflusst.
Sifry interessiert sich für eine diesem Sachverhalt naheliegende Frage: Warum spricht Facebook nie über seine Studien zu Themen der Politik? Schließlich rühmt sich das Unternehmen an anderer Stelle ganz eindeutig entsprechender Kompetenz: Kein Thema werde unter Facebook-Nutzern eifriger diskutiert als Politik, behauptet beispielsweise Elizabeth Linder, Facebooks Politics and Government Specialist for Europe.30Tyers, Roger 2015. Electioneering, Facebook-style. Sociology Lens. 19. Februar URL: http://thesocietypages.org/sociologylens/2015/02/19/electioneering-the-facebook-way/ [Stand 2015–02–20]. Sifry blieb bloß eine Vermutung. Der Grund sei womöglich die Politik selbst: Facebooks Führungsspitze möchte demnach nicht, dass sich Politiker in Washington, D. C. zu sehr mit der Frage befassen, ob der Einfluss Facebooks auf die Wahlbeteiligung ein generelles Phänomen sei und sich mit Bezug auf Milieus, Gruppen und Regionen gezielt nutzen lasse.
Kein Journalist beschäftigt sich mit dieser Frage. Das wiederum bedeutet nicht, dass die Politik nicht dennoch über den Wandel der Informationsströme informiert ist und selbst davon profitiert – oder sich zumindest anpasst. Auch in Deutschland: Die Bundesregierung ist seit 2015 auf Facebook aktiv und hat sich zuvor sehr genau mit den dortigen Gegebenheiten beschäftigt. Und die SPD gab auf Nachfrage bekannt, dass Jim Messina, Barack Obamas zentraler Stratege im digitalen Wahlkampf, »seine Wahlkampfmaschine demnächst für die deutsche Sozialdemokratie in Gang setzt«.31Munzinger, Paul 2015. Obama-Berater Jim Messina: Der Wähler-Durchleuchter. Süddeutsche Zeitung 10. Februar. URL: http://www.sueddeutsche.de/politik/obama-berater-jim-messina-grossmeister-der-waehler-durchleuchtung-12344019 [Stand 2015–03–28]. Der Typus des deutschen Wahlkämpfers und die Form unserer Debatten werden sich in Zukunft von den Verhältnissen in den USA nicht sehr stark unterscheiden. Konkret bedeutet das: Recht unabhängig davon, was in der Politik entschieden und von der Verwaltung durchgesetzt wird, besteht für einen Politiker immer die Möglichkeit, sich durch massenmediale Inszenierung wie ein Baron von Münchhausen am eigenen Schopf aus der Affäre zu ziehen. Steven Levy beschrieb es beispielhaft an Barack Obama: Guantanamo sei offen geblieben, die Regierung führe einen Drohnenkrieg mit mehreren zehntausend Toten am anderen Ende der Welt, die soziale Ungleichheit in Amerika wachse – aber mit einzelnen YouTube-Videos rette der Präsident seine Popularität wöchentlich aufs Neue.32Levy, Steven 2015b. The Man Who Made Obama Viral. Backchannel (Medium.com) 9. März. URL: https://medium.com/backchannel/the-man-who-made-obama-viral-1c06bc3c8760 [Stand 2015–04–02].
In Bedrängnis geraten die Amtsinhaber nur noch, wenn ihnen Wahlkampfkontrahenten auf gleiche Weise in die Parade fahren. Bei Obamas Rede zur Lage der Nation 2009 gelang dies dem Kongressabgeordneten Joe Wilson. Er rief Obama entgegen: »Du Lügner!« Anschließend rühmte er sich damit, die darauf folgende Aufmerksamkeit in 2,5 Millionen Dollar Wahlkampfspenden umgemünzt zu haben. In der »Süddeutschen Zeitung« notierte Matthias Kolb sechs Jahre später: »Seither ist es in US-Wahlkämpfen normal, dass Auftritte des Gegenkandidaten gefilmt und Missgeschicke und Fehltritte gnadenlos ausgenutzt werden.«33Kolb, Matthias 2015. Wie US-Politiker ins Netz drängen. Süddeutsche Zeitung 30. März. URL: http://www.sueddeutsche.de/politik/social-media-strategie-wie-us-politiker-ins-netz-draengen-12404171 [Stand 2015–04–01]. Die Aufmerksamkeitsspanne der Wähler wird als derart kurz angesehen, dass bereits Mitte 2015 Rand Paul gute Chancen auf die Präsidentschaft nachgesagt wurden, nur weil er wie kein zweiter die App »Snapchat« für sich zu nutzen wusste. Beliebt wurde die App unter Jugendlichen für digitale Kommunikation, die sich nach wenigen Sekunden selbst zerstört.34Schwarz, Hunter 2015a. Rand Paul’s one-word strategy to reach young voters: Snapchat. Washtington Post 13. März. URL: http://www.washingtonpost.com/blogs/the-fix/wp/2015/03/13/rand-pauls-one-word-strategy-to-reach-young-voters-snapchat [Stand 2015–04–01].
Für Aufsehen sorgten zwei Jugendliche, die eine Software zur persönlichen politischen Mobilisierung schrieben, die, so Kritiker, der Dating-App »Tinder« in vielen Belangen gleicht.35Lamden, Tim 2015. Teens launch Tinder-style politics app for general election. Ham & High Broadway 6. Februar. URL: http://www.hamhighbroadway.co.uk/home/election-2015/teens_launch_tinder_style_politics_app_for_general_election_1_3982198 [Stand 2015–04–02]. Was das bedeutet, lässt ein Text der 29-jährigen Isabell Prophet in der F. A. Z. vermuten. Sie schrieb Mitte 2015 über die Rolle von Tinder in ihrer Altersklasse in Deutschland: »Wir sind ganz schön dämlich. Zwei Millionen von uns brauchen Tinder, um Nähe zu anderen Menschen herzustellen. Das Unternehmen wirbt mit der großen Liebe, ›Any swipe can change your life‹, und wird genutzt von Menschen, die Liebe gar nicht mehr ertragen.«36Lange, Stefan 2003. Niklas Luhmanns Theorie der Politik: Eine Abklärung der Staatsgesellschaft. 1. Aufl. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. Erlebnishunger gepaart mit Ungebundenheit, Ungeduld und Sprunghaftigkeit ergibt vermeintlich Freiheit. So funktioniert heute auch die Politik.
Für Inhalte bleibt bei diesen Formen des Wahlkampfs kein Platz. Die Beziehung, die Wähler und Wahlkämpfer – fast ausschließlich von neuen Technologien vermittelt – eingehen, bestimmt alles. Ganz ohne Journalismus geht das natürlich nicht, für Überschriften wie »Politiker in den sozialen Medien: Selfie-Time für Twitter-Könige« reicht das redaktionelle Denken, in diesem Fall bei der »Süddeutschen Zeitung«, noch aus.37Denkler, Thorsten 2015. Politiker Top-Ten: Selfie-Time für Twitter-Könige. Süddeutsche Zeitung 2. April. URL: http://www.sueddeutsche.de/politik/politiker-in-den-sozialen-medien-selfie-time-fuer-twitter-koenige-12406263 [Stand 2015–04–02]. Für die Wähler spielt das alte Medienspiel jedoch immer seltener noch eine Rolle. Junge Amerikaner gaben bereits zu Protokoll, dass für ihre Wahlentscheidung nur noch zwei Dinge ausschlaggebend sind: das Fernsehduell und die dazugehörige Debatte – geführt in den sozialen Netzwerken.38Sedghi, Ami 2015. A third of young people think social media will influence their vote. Guardian 10. März. URL: http://www.theguardian.com/news/datablog/2015/mar/10/a-third-of-young-people-think-social-media-will-influence-their-vote [Stand 2015–03–28].
Ein kritisch und aufschlussreich schreibender Beobachter dieser Entwicklung ist der amerikanische Journalist Sasha Issenberg. Will man Genaueres über die nächste Gesellschaft wissen, muss man den Wahlkampf beobachten, und zwar am besten so, wie Issenberg ihn beobachtete. Er notiert, dass in den Wahlkämpfen derzeit die beiden spannendsten Entwicklungen zusammengeführt würden. Zum einen die Möglichkeiten, am politischen Wahlvolk Experimente durchzuführen, Test-Gruppen und Kontrollgruppen zu bilden und die Änderung von Variablen auf kausale Effekte zu überprüfen. Zum anderen habe sich das traditionelle Wahlvolk vollständig aufgelöst. Es sei nicht nur zersplittert in regionale und soziale Gruppen, sondern jeder Wähler stehe heute für sich allein.39Issenberg, Sasha 2012b. How Obama’s Embrace of Empiricism Could Swing the 2012 Race. Slate.com 22. Mai. URL: http://www.slate.com/articles/news_and_politics/victory_lab/2012/05/obama_campaign_ads_how_the_analyst_institute_is_helping_him_hone_his_message_.html [Stand 2015–04–02]. Was den Wahlkampf heute ausmache, beschrieb er in vielen Artikeln, die später in ein Buch mündeten: »The Victory Lab: The Secret Science of Winning Campaigns«.40Issenberg, Sasha 2012a. The Victory Lab: The Secret Science of Winning Campaigns. 1st ed. New York: Crown. Sein Fazit des Präsidenten-Wahlkampfs 2012 lautet: Es handelt sich nur noch um ein Pferderennen, bei dem die Journalisten gerade noch das Offensichtliche in Worte fassen können, nämlich Informationen darüber, wer gerade führt. Das Jahr 2012 sei das Jahr, an dem der politische Journalismus seinen Sinn weithin verloren habe. Terry Nelson, der Wahlkampfmanager von John McCain 2008, habe es bereits damals erkannt: »Die Möglichkeiten für Wahlkampfstrategen, Journalisten an der Nase herumzuführen, sind deutlich gegeben und sehr ungesund.« Die Journalisten machten weiter wie bisher, die Wahlkämpfer allerdings hätten im letzten Jahrzehnt ihre Techniken grundlegend aktualisiert. Wer mit den heutigen Budgets Wahlkampf führe, könne Verhaltensbiologen, Psychologen und Statistiker engagieren und verfüge überdies über einen immensen Datenschatz, mit dem sich die Bevölkerung aufschlüsseln lässt. Über all das verfügt der Journalist von heute nicht. Er wird zum Zaungast. Für den Journalisten, zitiert Issenberg den Politikwissenschaftler Samuel Popkin von der Universität von Kalifornien, bleibt der Wahlkampf auf das beschränkt, was er sieht. Tatsächlich finde er allerdings nicht mehr nur in Wahlkampfreden und Haustürbesuchen statt, sondern auf Dutzenden von weiteren Kanälen und rund um die Uhr.41Issenberg, Sasha 2012c. Why Campaign Reporters Are Behind the Curve. New York Times 1. September. URL: http://campaignstops.blogs.nytimes.com/2012/09/01/why-campaign-reporters-are-behind-the-curve/?_r=0.
Für die Forscher des Pew Research Centers verbarg sich darin eine Forschungsfrage, die sie noch 2012 überprüften. Das Ergebnis ist eindeutig: In Bezug auf die gegenseitige personenbezogene Diffamierung, die unter amerikanischen Präsidentschaftskandidaten gang und gäbe ist, spielt es fast keine Rolle, ob sich Journalisten mit ihr beschäftigen. Die Botschaften der Wahlkämpfer kommen entweder auf direktem Wege oder von Journalisten vermittelt bei den Bürgern an, wie sie von den Wahlkampfstrategen zuvor ersonnen wurden.42Rosenstiel, Tom & Jurkowitz, Mark 2012. The Master Character Narratives in Campaign 2012. URL: http://www.journalism.org/2012/08/23/2012-campaign-character-narratives/ [Stand 2015–03–28].