Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen
Geistiges Eigentum nutzen und schützen
Man sollte sich als Journalist heute mit Unternehmen wie »Automated Insights« oder »Narrative Science« beschäftigen. Ersteres schreibt für die Nachrichtenagenturen Bloomberg und Associated Press (AP) Börsenberichte und reduzierte die Arbeitszeit von dreißig Minuten, die ein Mensch braucht, auf fünfzehn Sekunden, die dem Computer zur Publikation reichen.22Jensen, Lars 2015. Die Schreib-Maschinen. brand eins 23. Juli. URL: http://www.brandeins.de/archiv/2015/maschinen/wordsmith-schreibroboter-journalismus-von-computern-die-schreib-maschinen/ [Stand 2015–07–23]. Der Slogan für das Geschäft des Letzteren lautet »Big Data Storytelling«. Sogar Google betritt mit »Google Trends« den seit langem existierenden Markt, in dem Softwaremenschen- und maschinenlesbare Texte schreibt. Man kann sich kaum vorstellen, dass überhaupt ein journalistisches Metier von dieser Form der automatisierten Textproduktion völlig unberührt bleibt. Denn wann immer nicht das ästhetische Urteil eines Beobachters im Mittelpunkt steht, sondern die Auflistung von Zitaten, Ergebnissen, Kennziffern oder die Darstellung von Bildern und Grafiken, wird ein Computer diese redaktionelle Arbeit sehr viel schneller und gründlicher erledigen, sodass letztlich in den Redaktionen tatsächlich weniger Autoren gebraucht werden. Dem Journalisten könnte daher das gleiche Schicksal wie dem Müller drohen. Letztlich blieben nur die Mühle und in ihr der Qualität sichernde Ingenieur, der Maschinen wartet und Ergebnisse prüft – in dem Falle also Texte redigiert und kuratiert.
Über die Rolle des Menschen im Nachrichtengeschäft und sein neues Zusammenspiel mit Maschinen wurde bislang aber zu wenig diskutiert, um zukunftssichere Aussagen treffen zu können. Man könnte nämlich durchaus auch davon ausgehen, dass Kopfarbeiter von ihren neuen Dampfmaschinen ebenso profitieren wie zuvor die Industriearbeiter – wenn sie wüssten, wohin sie sich orientieren sollen. Bislang gilt allerdings, dass etablierte Journalisten mit derselben Redaktionstechnik arbeiten wie vor zehn oder zwanzig Jahren schon, und dass Facebook, Google und Twitter alle Technologien, die ihnen nützlich erscheinen, sogleich selbst entwickeln, ohne sie als Produkte auf Märkten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Und ebenso wenig diskutiert ist im Nachrichtengeschäft die Rolle des Konsumenten. Man muss sich nur ansehen, was in den vergangenen Jahren seit der Einführung des iPhones entwickelt wurde und geplant wird. Vertrauen wir einmal Joshua Topolsky. Der vergleichsweise junge Journalist, der heute für Bloomberg arbeitet, nachdem er als Chefredakteur von »The Verge« in Windeseile den hart umkämpften Markt des Technologiejournalismus in Amerika eroberte, sah im Frühsommer 2015 eine Epochenwende. Was war geschehen? Wie jedes Jahr stellte Google bei seiner hauseigenen Entwicklerkonferenz neue Produkte vor. Dabei, so Topolsky, schaffte Google im Nebensatz sein zentrales Produkt ab: das Googeln.23Topolsky, Joshua 2015. What Google Just Announced Is a Bombshell. Bloomberg Business 28. Mai. URL: http://www.bloomberg.com/news/articles/2015-05-28/what-google-just-announced-is-a-bombshell [Stand 2015–06–22].
Die genaue Betrachtung gibt ihm recht. Google hält zwar an der Suche selbst fest, aber den eigentlich unabdingbaren Suchbegriff schafft das Unternehmen allmählich ab. Google hatte festgestellt, dass Menschen in ihrem Alltag immer häufiger spezifische Apps für besondere Aufgaben verwendeten und dass Google als allgemeine Anlaufstelle bei Unklarheiten an Bedeutung verlor. Und so entwickelte Google etwas Neues. Die Hoheit über die Mobiltelefone hatte das Unternehmen, das Android herstellt und auf Milliarden von Telefonen betreibt, bereits, jetzt kämpfte es sich seinen Platz in der Aufmerksamkeitsökonomie zurück. Wann immer Menschen, egal in welcher App, eine Frage hatten, sollte eine Fingerbewegung reichen, um eine Antwort zu erhalten. Ein Suchbegriff ist nicht mehr notwendig.
Google kennt schließlich alles, was es für notwendig erachtet, um die Frage, die sich ein alltäglicher Nutzer stellt, einfach zu erraten: Google weiß, wo sich Menschen aufhalten, es weiß, wofür sich Menschen zuletzt interessierten. Das Unternehmen kennt die persönlichen Vorlieben, das persönliche Verhalten, es kennt die vorherigen Suchen, und so spekulierte es einfach. Erst im Frühjahr 2009 führte Google die personalisierte Suche ein, seitdem gewann der Kontext einer Suche an Bedeutung. Inzwischen erbeutet Google so viel Wissen aus dem Beobachten unseres Verhaltens, dass der tatsächliche Suchbegriff neben allen anderen Signalen nebensächlich geworden ist.
Google hilft seinen Nutzern im Alltag nun nicht mehr nur bei konkretem Unwissen, sondern schon bei diffuser Unsicherheit. Wann immer man glaubt, Hilfe zu brauchen, kann man sich mit einer einzelnen Fingerbewegung auf dem Bildschirm des Telefons Google herbeirufen. »Now on Tab« heißt die Funktion, die stets zu Diensten sein soll. Nach ihrer Aktivierung durch die Fingerbewegung auf dem Bildschirm errät Google selbständig, worum es gerade geht: um Kinozeiten, weil eine Freundin den Namen eines Films in einer E-Mail schrieb, die man gerade las? Um den Wetterbericht, weil man gerade Urlaubsorte im Netz suchte? Sucht man einen Busfahrplan, der anzeigt, wie lang man bis zur Sehenswürdigkeit braucht, die man sich gerade auf einer Karte ansah? Umso häufiger man sich auf diesen Dienst verlässt, desto besser wird er funktionieren – Google lernt und legt es darauf an, die Grenze zwischen den Intentionen des Nutzers und den Angeboten der Maschine zu verwischen.
Die Tendenz, aufwendiges Denken und physisches Engagement – und seien es nur kleine Fingerbewegungen – in der Techniknutzung auf ein Minimum zu reduzieren, treibt Google heute auf die Spitze. Erfunden hat dieses Prinzip der möglichst reibungslosen Integration von Technologie in unseren Alltag allerdings Steve Jobs bei Apple. Er verstand sie als unausweichlich und sah sich in einen Wettkampf verwickelt, den er auch mit markigen Worten führte, gerichtet ausgerechnet an Google. 2011 wurde ein Zitat publik, nach dem Steve Jobs bis zu seinem »letzten Atemzug« den Konkurrenzkampf gegen Android, Googles Handy-Betriebssystem, austragen wollte. Die Auseinandersetzung bezeichnete er als »thermonuklearen Krieg« mit einem klaren Anliegen, nämlich der »Zerstörung von Android«.24Honan, Mat 2011. Steve Jobs Was Ready For »Thermonuclear War« With Google. Gizmodo.com 20. Oktober. URL: http://gizmodo.com/5851937/steve-jobs-was-ready-for-thermonuclear-war-with-google [Stand 2015–06–24].
Apple befand sich 2011 in etlichen gerichtlichen Auseinandersetzungen gegen Samsung, das seit Jahren als einziges Unternehmen weit mehr Mobiltelefone auf der Welt verkauft als Apple. Samsung vertrieb damals Geräte, deren Design dem iPhone auffällig ähnelten. Eigentlich kein aufsehenerregender Fall. Produktpiraterie ist nicht unüblich, und über Ästhetik lässt sich streiten. Es ging aber um deutlich mehr als um die bloße Anmutung der Geräte. Steve Jobs legte auf kaum etwas so viel Wert wie auf das Design seiner Geräte. Die Hardware, ihre Anschmiegsamkeit, ihre reibungslose Bedienbarkeit, war ihm ebenso wichtig wie der Funktionsumfang der Software. Das iPhone hat bis heute nur einen Button, auf den es ankommt. Und in den ersten vier Jahren gab es zwar Änderungen in den sichtbar verbauten Materialien – von Metall über Plastik zu Glas und zurück zum Metall –, die Form des Telefons blieb allerdings lange gleich. Wer das erste Telefon aus dem Jahr 2007 in der Hand hatte, konnte genauso auch das fünfte aus dem Jahr 2012 bedienen. Die Dimensionen, in denen sich der Bildschirm auf der Oberfläche erstreckte, die Dicke des Geräts, die Position der Knöpfe – es blieb alles gleich.
Samsung ahmte nun diese Bauform nach, und Apple behauptete vor etlichen Gerichten, sein »geistiges Eigentum« gegen Samsung zu verteidigen. Mit diesem Begriff bezeichnete Apple sein Design, gemeint hat das Unternehmen jedoch etwas ganz anderes. Apple verteidigte seinen Anspruch auf das geistige Eigentum in den Köpfen seiner Nutzer. Über Jahre hatte es sie darauf trainiert, das iPhone richtig zu verwenden. In einer berühmten E-Mail, die Steve Jobs einem Kunden schrieb, der sich über Empfangsprobleme im Umgang mit seinem Telefon beschwerte, antwortete Steve Jobs: »Halten Sie es anders.«25Topolsky, Joshua 2010. Apple responds to iPhone 4 reception issues: you’re holding the phone the wrong way. Engadget.com 24. Juni. URL: http://www.engadget.com/2010/06/24/apple-responds-over-iphone-4-reception-issues-youre-holding-th/ [Stand 2015–06–24]. Der junge Mann, der Jobs die Mail schrieb, war mit seinem Problem eine Ausnahme. Alle anderen verliebten sich auf der Stelle in ihre technischen Anhängsel. Das Telefon funktionierte umso besser, je mehr es mit seinem Nutzer verschmolz. Darauf arbeitet Apple hin. Auf der jährlichen Entwicklerkonferenz des Unternehmens in San Francisco geht es dementsprechend nicht nur um Designs und die Anmutung von Apps. Die Hinweise des iPhone-Herstellers an die App-Entwickler umfassen ausdrücklich auch Richtwerte, wie eine App letztlich vom Nutzer zu handhaben sei, beispielsweise wie lange Interaktionen mit dem Gerät maximal zu dauern haben, oder wie viele Klicks dem Nutzer zugemutet werden können, ehe er sein Ziel erreicht haben soll.
Die alte Idee, dass die Hand eine Art externes Gehirn ist; das moderne Medizinerwissen, dass auch das körperliche Tun zum geistigen Prozess des Denkens gehört; die alltägliche Ahnung, dass die Bedeutung von Ästhetik und persönlichem Gefallen zu oft unterschätzt werden; und die marktwirtschaftliche Erkenntnis, dass die Simplizität in der Verwendung ausschlaggebend ist für die Akzeptanz eines Produkts, all das hatte Steve Jobs schon als junger Mann verinnerlicht und in der Entwicklung des iPhones zum Ausdruck gebracht. Die Form und die Maße des Telefons, seine Symmetrie, sein Gewicht, seine Gewichtsverteilung, die Größe des Bildschirms und die Platzierung der Buttons passten so gut zu Form, Gestalt und Symmetrie unserer Hände, dass wir als Kunden niemals bewusst wahrgenommen haben, wie viel Kreativität und Arbeitsleistung in der Entwicklung des Geräts steckte. Das war Absicht, wir sollten uns darüber keine Gedanken machen.
Dass Samsung das iPhone in seiner Gestalt nachahmte, empfand Steve Jobs als Raubzug durch seinen Mensch-Maschine-Kosmos. Nicht nur das iPhone als Gerät, sondern auch seine Durchdringung unserer Leben empfand er als seine Errungenschaft. Er verteidigte sie mit allen Mitteln.
Heute wissen wir, dass der Bildschirm des iPhones mit 3,5 Zoll in der Diagonale für die Ansprüche vieler Menschen doch etwas klein war. Sehr spät passte sich Apple an die neue Nachfrage am Markt an und verbaute größere Displays in größeren Geräten. Die ersten iPhones findet man heute nur noch im Museum, der Streit um ihre Gestalt geht dagegen weiter. Im August 2015, nachdem Samsung bereits zu Strafzahlungen in Milliardenhöhe verurteilt worden war, erklärte das amerikanische Patentamt das Geschmacksmuster der frühen iPhones für ungültig.26Briegleb, Volker 2015. Apple vs Samsung: Geschmacksmuster für iPhone-Design ungültig. heise.de 18. August. URL: http://www.heise.de/mac-and-i/meldung/Apple-vs-Samsung-Geschmacksmuster-fuer-iPhone-Design-ungueltig-2783335.html [Stand 2015–08–21]. Der Streit um die alten Telefone wird noch lange weitergehen. Wahrscheinlich wird ihnen einmal dieselbe Bedeutung beigemessen wie heute alter Architektur. Noch arbeitet Apple mit gewohnter Strenge an seinen Designs, was man beispielsweise daran sieht, dass Jonathan Ive Chef-Designer sowohl für die Hardware als auch für die Software der Geräte von Apple wurde.
Die nächste Zäsur in der Evolution der Informationstechnologien wurde allerdings schon eingeläutet, von Google: Das Gerät wird nicht länger reduziert auf einen Bildschirm, es verschwindet stattdessen ganz. Google lässt sich heute auf Zuruf bedienen. Sowohl auf dem Computer als auch auf dem Smartphone reicht ein Signalwort, um Google mündlich eine Wissensfrage zu stellen. Amazon hat ein Gerät im Angebot, das ebenso auf Zuruf funktioniert und im Wohnzimmerregal versteckt werden kann. Und auch Apple zieht bei dieser Entwicklung nach. Die technologischen Grundlagen der Informationsgesellschaft verstecken sich nicht länger nur hinter den Bildschirmen der Geräte, sie verschwinden, sie entziehen sich unseren Blick und damit wieder einen Schritt weiter unserem Bewusstsein. Sie überhaupt noch wahrzunehmen macht schon heute erstaunlich viel Arbeit.
Das Verschwinden des Suchbegriffs, der, sofern man ihn noch nutzt, gesprochen und nicht mehr getippt wird, wollte Google, wie von Topolsky gehört, selbst gar nicht so deutlich herausstellen. Dennoch wurde Google bei seiner Entwicklerkonferenz 2015 konkret. Eines der vielen Projekte, das tief in unser Leben eingreifen soll, heißt beispielsweise »Hands Free«. Im dazugehörigen Werbevideo ist eine junge Mutter zu sehen, die im Supermarkt ihr Kind trägt, es liebevoll im Arm hält, was möglich ist, weil sie per Zuruf an der Kasse (»I like to pay with Google«) bezahlt.27Google 2015. Hands Free, by Google 28. Mai. URL: https://www.youtube.com/watch?v=Qxet1VdpOQ4. Die Technologie ist wie immer beeindruckend, schließlich geht es um den Transfer von Geld, um die Authentifizierung einer Person und um die verbindliche Dokumentation eines rechtlichen Vertrags. Beeindruckend ist, wie viel von dem, was mit uns und um uns herum an unserem Bewusstsein vorbei geschieht. Wir sollen nicht länger bemerken, dass wir Technologie benutzen.
Nicht zum ersten Mal akzeptieren Menschen Entwicklungen, die aus anderer Perspektive jeder gewöhnlichen Akzeptanzunterstellung widersprechen. Rückblickend kommt es uns aberwitzig vor, aber Menschen dachten einmal, sie würden sterben, wenn sie in einen Zug steigen, der schneller als 30 km/h fährt. Nun, niemand starb daran. Aber die Akzeptanz der Technologie bedeutete dennoch Arbeit: Hinzunehmen, die Welt um uns herum nur im vorbeieilenden Panorama wahrnehmen zu können, ist uns heute selbstverständlich. Vor wenigen Jahrhunderten galt genau das Gegenteil. Heute reisen wir in Flugzeugen, aus denen heraus wir gar nichts mehr wahrnehmen. Wir vertrauen der Technologie blind. Und wie für den Transport, gilt auch für die Information: Das Vertrauen, das einmal der Journalist als Autor unter dem Dach einer allseits bekannten Institution auf sich vereinigte und das den Wert seiner Arbeit in erheblichem Maße mitbestimmte, ist fast gänzlich in die uns umgebende Technologien abgewandert.