Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Das Ende der Zeitung

Was unterscheidet analoge, elektrische und digitale Massenmedien?

Sobald man sich über diese Unterscheidung im Klaren ist, drängt sich der Verdacht auf, dass die tatsächliche Funktion organisierter Massenmedien – analog, elektronisch oder digitalisiert – in den derzeitigen Diskussionen völlig unterschätzt wird. Zu sehr steht der Einzelne im Mittelpunkt, über Gesellschaft wird dagegen weitgehend geschwiegen. Zugespitzt ließe sich nämlich die These aufstellen, dass uns die als demokratisch verherrlichten Technologien geradewegs zurück ins gesellschaftliche Mittelalter führen. Sieht man mal von den technischen Entwicklungen und Errungenschaften ab, kommt in den Blick, worum es beim allgemeinen Konzept von Medien eigentlich geht – nämlich schon immer um etwas Soziales: Vor tausend Jahren, als Menschen in Villikationen lebten, also in Dörfern, die nicht mehr als zehn Familien umfassten, und jeder Einzelne in seinem gesamten Leben so vielen Personen begegnete wie der moderne Mensch morgens im Bus, da genügte die gesprochene Sprache. Gewohnheiten bestimmten den Alltag, Worte waren kaum notwendig – erst recht nicht geschriebene. Die in der Moderne quälende Limitierung, dass nämlich immer nur einer sprechen darf und alle immer nur über ein Thema, fiel damals kaum ins Gewicht. Insbesondere nicht, weil dem »grundlegenden Kommunikationsmedium« Sprache, wie der Soziologe Niklas Luhmann es beschrieb, ein zweites Medium zur Seite stand. Anders als die Beliebigkeit gewählter Worte und die Zwanglosigkeit der Gewohnheiten bestimmten Mythen das soziale Miteinander.

Sie brachten in der damals magischen Realität – in der der Wald lebendig, Tote nicht wirklich abwesend, aber Menschen auf Reisen wie vom Erdboden verschluckt waren – entscheidende Vorteile mit sich. Mythen entzogen sich dem Gerede und jeder Diskussion. Sie konnten nicht verändert werden und entzogen sich jedem Abgleich mit beobachtbarer Wirklichkeit. Sie galten durch bloßen Verweis auf ihr Alter und das Jenseitige, dem sie entsprangen. Normativ wirkten sie als Zwang und kognitiv als Glaube. Man musste sich weder kollektiv auf sie einigen, noch sich individuell mit ihnen einverstanden erklären. Ihre Funktion erfüllten sie trotz alledem: Mythen erzeugten eine gemeinsam geteilte, allgemeingültige Hintergrundrealität. Ihre Moral, ihre Appelle, ihre Wahrheiten und Erklärungen bestimmten den Alltag. Mythen waren weit mehr als bloß Tradition oder alte Geschichte. Über die damalige Zeit schreibt Niklas Luhmann: »Wo die Vermittlung und Deutung einer Weltordnung nötig war, nahm sie den Weg über die Autorität von Göttern, Heiligen oder wissenden Interpreten, denen wie eine Person vertraut wurde.«33Luhmann, Niklas 2000b. Vertrauen: Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. 4. Aufl. Stuttgart: Lucius und Lucius (UTB für Wissenschaft, 2185). Mythen, das ist der Brückenschlag zurück zur Moderne, sind Institutionen – ähnlich unseren modernen Werten: Freiheit, Toleranz oder Gesundheit. Sie sind für alle von gleicher Bedeutung und fußen auf der Unterstellung breiter sozialer Anerkennung. Sie sind ausgedacht, erzeugen aber totale Realität.

Unsere modernen Institutionen – Regierungen, Richter und Redaktionen, um einige zu nennen – funktionieren anders. Aber sie erfüllen dieselben Funktionen wie damals Mythen. Denn erst wenn Erwartungen nicht nur an einzelne und konkrete Personen gerichtet werden, ist die Bewältigung des Alltags möglich. Schließlich haben wir es im modernen Alltag hauptsächlich mit Unbekannten zu tun, denen wir nicht ohne weiteres vertrauen, mit denen wir aber dennoch sicher umgehen können. Wir geben Kassiererinnen unser Geld und befolgen, was Verwaltungsbeamte uns vorschreiben. Unser Vertrauen gilt dabei keinen Personen, sondern intransparenten Systemen und Strukturen. Ist von Gesellschaftsstruktur die Rede, geht es um nichts anderes als soziale Mechanismen, die Erwartungen stabilisieren, Überraschungen weitestgehend unmöglich machen und selbst das Unvorhersehbare planvoll in Bahnen lenken, sodass wir ohne Angst vor dem nächsten Morgen geruhsam ins Bett gehen können. Der kommende Tag hat folglich einen idealtypischen Beginn: Wir stehen auf, kümmern uns zuerst um uns selbst und wenden uns dann der Gesellschaft zu. Wir konsultieren das Angebot der Medien und informieren uns über den aktuellen Stand der Dinge, in der Erwartung, dass es unsere Nachbarn ebenso tun. Wenn in der Zeitung nichts steht, was den üblichen Ablauf der Dinge durcheinanderzubringen droht, dann ist alles gut. Die primäre Aufgabe einer guten Tageszeitung bestand darin, zu beruhigen und aufzuzeigen, an was zu denken und was zu tun ist – nur als Anregung. Nicht mit angeblich objektiver Behauptung vorgetragen, sondern – wie der 29-jährige Frank Schirrmacher als neuer Literaturchef der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« es sagte – »mit einem begründeten Urteil«.34Milz, Annette 1989. »Lesen ist asozial«: Die »Frankfurter Allgemeine« hat das Erbe des Literaturmonuments Marcel Reich-Ranicki einem 29jährigen anvertraut. Wer ist Frank Schirrmacher? Medium Magazin 1/89. URL: http://www.mediummagazin.de/wp-content/uploads/Schirrmacher_mm1_1989.pdf.

Die Aufgabe der Massenmedien, egal welcher Form, erschöpft sich nicht darin, den Einzelnen zu informieren oder zu unterhalten. Medien erfüllen auch die Funktion, den Einzelnen in Gleichklang mit anderen zu bringen, indem sie der Gesellschaft nicht nur ihre Themen vorgeben, sondern auch ihren Rhythmus. Das verdeutlicht insbesondere ein beliebtes begriffliches Missverständnis. Der Begriff »Echtzeit« wird bei der Beschreibung neuer Medien sehr häufig, aber sehr oft falsch verwendet. Das erste Echtzeitmedium der Gesellschaft sind nicht die hyperindividuellen Hochgeschwindigkeitssysteme von Twitter & Co., sondern es war der Rundfunk. Spätestens mit der »Tagesschau« wurde der Echtzeit-Journalismus vor mehr als sechzig Jahren etabliert. Twitter, Facebook und insbesondere Google sind dagegen für die Einführung eines ganz anderen Paradigmas verantwortlich. Sie hoben die Echtzeit und Gleichzeitigkeit, die der Rundfunk herstellte, nämlich wieder auf, indem sie für jede noch so knappe und unbedeutende Information einen Speicher zur Verfügung stellen, der von jedermann beliebig genutzt werden kann. Digitale Nachrichten, egal welchen Formats, haben im Vergleich zum Rundfunk ganz andere Chancen, sich zu bewähren, weil sie sich mit ihrer Ausstrahlung nicht sofort versenden. Sie fragmentieren das Publikum und bringen die Gesellschaft aus dem gemeinsamen Rhythmus.

Die neuen, digitalen Medien widersprechen vielen ihrer zentralen Ideologien und fördern weder per se Demokratie noch Gemeinwohl. Stattdessen schöpfen sie die knappe Aufmerksamkeit des Einzelnen aus, indem sie ihn mit nur für ihn Interessantem und Reizendem, aber sozial Irrelevantem beschäftigen. Das Argument lässt sich mit einem weiteren historischen Schritt zurück verstärken. Nicht nur die aus den Flugblättern der Kaffeehäuser erwachsene Tageszeitung hatte schon Demokratisierungsideen im Schlepptau. Auch das heute häufig niveaulos genutzte Fernsehen weckte bei seiner Einführung Wünsche für eine bessere Welt. Eine eindrucksvolle Aufarbeitung der Fernsehgeschichte als besondere Form der damals neuen elektronischen Medien publizierte der Kommunikationswissenschaftler Joshua Meyrowitz 1985.35Meyrowitz, Joshua 1985. No Sense of Place: The Impact of Electronic Media on Social Behavior. New York: Oxford University Press. Schon der apodiktische Titel des Buches enthält die Eckpfeiler des Arguments: »No Sense of Place«. Sense lässt sich doppelt verstehen, als biologischer Sinn, in Kontakt mit der Welt zu treten, und als sozialer Sinn, mit diesen primären Eindrücken kommunikativ umzugehen. Ebenso doppelt ausgelegt, bezieht sich Place auf soziale und regionale Aspekte, nämlich Status und Ort einer Person. Das Fernsehen – das erste Echtzeitmedium, dem sein Anspruch auf Wahrhaftigkeit nur mit mühsamer, zeitraubender Kritik abzusprechen war, weil es ihn mit zwar ausgewählten, aber unverfälschten Bildern untermauerte – wirkte wie ein Spiegel der Gesellschaft. Jeder Zuschauer sah sie plötzlich mit eigenen Augen und wusste, dass jeder andere Zuschauer im selben Moment dasselbe für wahr nahm. Das Fernsehen versprach eine glaubwürdige Abbildung des Geschehens, tatsächlich lieferte es aber noch viel mehr. Es erzeugte als erstes Medium überhaupt den Eindruck, dass tatsächlich alle in derselben Gesellschaft leben. Statt nachträglicher Erzählungen galt nun das aufgenommene und millionenfach in Privatwohnungen sichtbare und kritisch überprüfbare Bild. Es entzauberte Helden als normale Menschen und enttarnte elitäre Männerriegen als korrupte Klüngel. Das Fernsehen stellte Gesellschaft her und weckte im Publikum Teilhabeansprüche und Wünsche für eine bessere Welt. Der Feminismus oder die Friedensbewegung wären ohne das Fernsehen so nicht möglich gewesen. Ebenso wenig die neuen Formen von Solidarität mit Unbekannten, die zwar namenlos blieben, aber nicht mehr unsichtbar waren.

Die alten, von Meyrowitz beobachteten elektronischen Medien liefern ein einfaches und verständliches Bild der Gesellschaft und dessen Making of. Dieser kollektiven Erfahrung folgte rasant die kollektive Erwartung, in den gezeigten Lauf der Dinge eingreifen zu können. Das Engagement des Einzelnen wurde eines der wichtigsten medialen Themen. Das gilt bis heute, da alle als seriös geltenden Fernsehnachrichten und Tageszeitungen ihre politische Berichterstattung vor alle anderen Themen stellen. Die Botschaft lautete: Wenn du darüber Bescheid weißt, was Politiker tun, kannst du über den Lauf der Dinge mitentscheiden. Die beliebte, als modern und aufgeklärt geltende Kritik, dass politisch nur möglich scheint, was sich medial von Politikern gut verkaufen lässt, ist dementsprechend eine unbemerkt ironische Mahnung. Tatsächlich ist es nämlich eine enorme zivilisatorische Errungenschaft, dass politische Fragen, die sich medial gut vermitteln lassen, weil sie jeden betreffen, auch tatsächlich demokratischen Prozessen überlassen werden. Für einen jungen Journalisten ist es verblüffend, in den politischen Betrieb hineinzusehen und festzustellen, dass das meiste und Wichtigste, was man da zu sehen bekommt, niemals in den Massenmedien thematisiert wird. Elektronische Medien – die Nachzügler der Flugblätter und Vorgänger der digitalen Netze – halten der Gesellschaft somit nicht nur ihren Spiegel vor oder verführen sie zum Selbstgespräch. Sie stellen die Realität, die wir kennen und in der wir leben, erst einmal her. Mit aufrüttelndem Humor verpackte der Soziologe Niklas Luhmann die zentrale Aussage seines Buchs über »Die Realität der Massenmedien« schon im Titel seines Werks36Luhmann, Niklas 2004. Die Realität der Massenmedien. 3. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. und erst recht im ersten Satz: »Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.«

Wollte man über diese Aussage streiten, müsste man erst klären, was der Begriff »Massenmedium« heute bedeutet. Darüber, ob die Potenziale der digitalen Medien ihre Bezeichnung als Massenmedium rechtfertigen, oder ob es doch nur um raffinierte, aber rein technische Verbreitungsmedien geht, lässt sich in jedem Einzelfall lange streiten. Die vornehmlichste Aufgabe leistungsfähiger Massenmedien steht jedoch auch heute noch außer Zweifel: Sie garantieren, so Luhmann, der Gesellschaft eine »gesellschaftsweit akzeptierte, auch den Individuen bekannte Gegenwart«. In dieser Hinsicht gleichen moderne Massenmedien den mittelalterlichen Mythen. Diesen Bogen hat Ferdinand Tönnies bereits 1923 geschlagen, als er in seiner sechshundert Seiten langen »Kritik der öffentlichen Meinung« die Presse als »nach innen verbindende Kraft« und »allgemein anerkannte, tief wirkende Macht« beschrieb, deren Funktionen über Jahrhunderte die Religion erfüllte.37Krug, Hans-Jürgen 2015. Facebook first. heise.de 14. Juni. URL: http://m.heise.de/tp/artikel/45/45157/1.html [Stand 2015–06–22]. Den Übergang datierte er auf das 17. Jahrhundert. Wir werden, wenn wir in den kommenden Kapiteln über die Trinität von Information, Technologie und Vertrauen sprechen, darauf zurückkommen.

Erst einmal halten wir fest, dass Massenmedien anders als Mythen weder auf Zwang noch auf Glauben zurückgreifen können. Sie drehen den Spieß um: Statt per Verweis auf Tradition und alte Geschichte Autorität zu begründen, buhlen Massenmedien mit Neuigkeiten um Aufmerksamkeit. Sie berufen sich nicht auf das Alte und Jenseitige, sondern ganz im Gegenteil auf all das, was im Hier und Jetzt passiert. Umso näher der Ort des Geschehens und umso aktueller die Ereignisse – desto eher schenken wir ihnen unsere Aufmerksamkeit. Tatsächlich entwickelten die Massenmedien sogar eine ausgeprägte Allergie gegen alles bereits Bekannte, weit Entfernte und Transzendentale. Die Funktionslogik der Massenmedien, die sich bis in die detailliertesten Fragen der Berufsethik ihrer Macher niederschlägt, lautet: wahrheitsgetreue Berichterstattung.