Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen

Humor als neuster und letzter Versuch politischer Berichterstattung

Damit ist nicht das Ende des politischen Journalismus beschrieben, sondern nur das Ende seiner gängigen Methoden, auch wenn sie in Deutschland noch immer hochgehalten werden. Der heute erfolgsträchtigste politische Journalismus setzt auf Humor. Damit verwirrt er das Publikum weit weniger als die seriösen Profikollegen im Mediensystem. Die Zahlen sprechen allerdings auch hierzulande für sich. Schon in Dezember 2012 hatte die »heute-Show«, das satirische Pendant zu den Abendnachrichten des ZDF, erstmals mehr Zuschauer als das »heute-Journal« wenige Minuten zuvor. Bei der Reichweite im Netz – die viel deutlicher die Präferenzen des Publikums abbildet – schlägt die »heute-Show« das »heute-Journal« um Längen. Das Phänomen ist auch heute noch fast unerforscht, lässt sich beim Blick nach Amerika – insbesondere auf John Oliver, der mit »Last Week Tonight« das Erbe von Jon Stewarts »Daily Show« antrat – aber zumindest in den Ansätzen gut erklären.

Im Dezember 2012 schrieb ich in der Wochenendbeilage der F. A. Z. ein ganzseitiges Lesestück. Daraufhin bekam ich ein Abwerbeangebot eines Fernsehsenders, das ich fast angenommen hätte. Die Fernsehmacher interessierten sich für etwas, worüber sie bis dahin noch kein Wissenschaftler informiert hatte. Was sich bis heute nicht geändert hat, weshalb ich es auch jetzt nur bei meiner Notiz von damals belassen kann: »Der Humor bekam eine ganz neue Funktion. Er erlaubte, den Reflex der endlosen, moralisierenden Argumentation in der Behandlung strittiger Themen zu unterdrücken. Politik in ihrer reinen Darbietung ist etwas für Hartgesottene. Im Publikum der ›Daily Show‹ versammelte sich dagegen eine Gemeinschaft gleichgesinnter, humorvoller Hoffnungsloser, die plötzlich den Mut fand, sich einer für sie unerträglichen politischen Wirklichkeit zu stellen und ihre Wünsche für eine bessere Welt als das anzusehen, was sie sind. Das kleine deutsche Avantgardistenpublikum, das Jon Stewart im Sturm eroberte, hatte dabei die ›Daily Show‹ stets mit einer Nachrichtensendung verwechselt.«51Schulz, Stefan 2012. Politisches Fernsehen: Ausgedachte Wirklichkeiten. Frankfurter Allgemeine Zeitung 22. Dezember. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/politisches-fernsehen-ausgedachte-wirklichkeiten-11993563.html [Stand 2015–07–16].

Es geht nämlich tatsächlich um viel mehr als um Glaubwürdigkeit und die Frage, wie sich wieder ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Medienmachern und ihrem Publikum herstellen lässt. Es geht um den Journalismus selbst. Nur noch Journalisten interessieren sich dafür, was Journalismus ist und was nicht. Die Kriterien, nach denen sie ihre Unterscheidung treffen, gelten dem Publikum allerdings nichts mehr.

In den neuen Energiezentren der Aufmerksamkeitsökonomie – das lässt sich allerdings nicht zitieren – wird darüber gelacht, dass sich Journalisten so vehement von der politischen Tat distanzieren und glauben, sie stünden in direkter Konkurrenz zu Twitter und Facebook, die weniger glaubwürdig seien, als ob es nicht tatsächlich darum ginge, dass auf diesen Plattformen – neben den etablierten Medien selbst – mittlerweile auch Parteien, Gewerkschaften, Unternehmen und Privatmenschen zu Medienakteuren wurden, die sich mit dem Urteil »qualitativ minderwertig« oder »kein Journalismus« nicht einfach wegdiskutieren lassen. Man sollte den Begriff »Glaubwürdigkeit« heute links liegenlassen oder klären, was er künftig noch leisten könnte. Es ist nämlich nicht nur genügend Pluralität im Mediensystem, sondern auch Intelligenz im Publikum vorhanden, um auf die normativen Aspekte in der Argumentation verzichten zu können.

2015 drehten sich stattdessen alle im Kreis: »Von Putinverstehern und Journalistenverstehern« nannte Stefan Niggemeier einen seiner Texte, in dem er ein ums andere Mal aufdröselte, mit welchen Aufrichtigkeitsbehauptungen etablierte Journalisten um die Glaubwürdigkeitsgunst ihres Publikums rangen, welches diese Bemühungen seinerseits allerdings mit umso deutlicher formulierten Motivunterstellungen quittierte. Die Vertrauenserosion führe zwar auch zu Phänomenen wie »Lügenpresse«-Rufen. Allerdings, schreibt Stefan Niggemeier, seien es, »glaube ich, tatsächlich unauffällige, politisch interessierte und zunehmend von den Mainstream-Medien desillusionierte Menschen«, die ihre Unzufriedenheit zeigten, zum Teil mit Programmbeschwerden, häufiger jedoch durch Ablehnung der Programme.52Niggemeier, Stefan 2014. Von Putinverstehern und Journalistenverstehern. stefan-niggemeier.de 14. November. URL: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/19716/von-putinverstehern-und-journalistenverstehern/ [Stand 2015–04–05]. Das genannte Thema – der Krieg in der Ukraine – ist hierbei beliebig austauschbar. Es lässt sich abstrahieren: Umso mehr Glaubwürdigkeit die Medien explizit für sich einfordern, desto weniger Glaubwürdigkeit wird ihnen von ihrem Publikum zugeschrieben.

Wollte man das faktische Nutzerverhalten, die Einstellung des Publikums zum Medienbetrieb und die Arbeitsethik unter Journalisten wieder auf einen Nenner bringen, bliebe nur die Neutralisierung des Glaubwürdigkeitsbegriffs. Man spräche von nichts weiter als »Akzeptanz«. Den Clou können wir jetzt sehen: Hohe Werte im Nutzungsverhalten – der Zweifel ist dann ausgeräumt – bezeugen die Akzeptanz eines Mediums, auch dann, wenn der Leser oder Zuschauer weiß, dass die gebotenen Informationen von einer sachlich nicht unabhängigen Quelle kommen. Und noch einmal die Betonung der Bedeutung der Pluralität: Wenn Unternehmen, Parteien, Gewerkschaften und andere Organisationen an der massenmedialen Kommunikation selbständig teilnehmen, ist damit kein allzu großes Problem benannt – weil nicht Einzelne, sondern alle gemeint sind.