Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen
Pulitzerpreise oder Klicks
Das Medienjahr 2015 war verwirrend, man darf sich eingestehen, dass man seine Logik nicht mehr unter einen Hut bekommt. Vielleicht gibt es tatsächlich nichts mehr zu verstehen. Die einzigen Gesetze, die noch zu gelten scheinen, sind die der Gewohnheit. Blicken wir noch einmal nach Amerika, wo Medienwissenschaftler auf ein weiteres Problem stießen. Als sie mit akademischem Interesse Zeitung lasen, stellten sie fest, was hierzulande noch unbemerkt bleibt: Gerade einmal jeder fünfte Artikel wird noch geschrieben, weil ein Redakteur des Hauses eine Geschichte für interessant und relevant hält. Die anderen mehr als achtzig Prozent der Zeitungsinhalte beruhen auf Ideen und Initiativen von PR-Agenten, allein 62 Prozent kommen von der Regierung.84Alterman, Eric 2015. How P. R. Is Killing Journalism. Takepart.com 13. Februar. URL: http://www.takepart.com/feature/2015/02/13/pr-jobs-journalism-jobs [Stand 2015–03–28]. Diese erschreckenden Zahlen sind aus dem Jahr 2009, als eine Gruppe Wissenschaftler des Pew Research Centers in Baltimore Zeitung las. Deutsche Zahlen zum Einfluss von PR-Agenturen und Regierungsstellen kennen wir natürlich nicht. Der österreichische Journalist Armin Wolf, stellvertretender Chefredakteur beim ORF und bei Twitter Reichweitenkönig, wies 2015 auf einen Text hin, der aufschlüsselte: »Kurier + Standard + Presse haben zusammen weniger Innenpolitik-Redakteure als die Bundesregierung Pressesprecher.«85Wolf, Armin 2015. Tweet 3. April. URL: https://twitter.com/ArminWolf/status/583944308782460929.
Für Deutschland lässt sich die Zahl grob überschlagen. Im Jahr 2015 arbeiteten für das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 444 Menschen. Zu dieser Zahl hinzuzuzählen sind die Sprecherapparate von vierzehn Bundesministerien, neun Obersten Bundesbehörden und etlichen weiteren Behörden im Bund und in den Ländern. Demgegenüber treffen sich in den überregionalen Tageszeitungen morgens in keiner Politik-Redaktion mehr als dreißig Menschen, um den Tag zu planen. Und über sie sagt das deutsche Publikum auch noch, sie seien »unmoralisch, mächtig, kommerzialisiert und boulevardesk«. Dieses Zitat entstammt einer umfangreichen Studie von Wolfgang Donsbach zu Erwartungen und Enttäuschungen im Journalismus, bereits 2009.86Donsbach, Wolfgang, u. a. (Hg.) 2009. Entzauberung eines Berufs: Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden. Konstanz: UVK Verl.-Ges.
So vertrackt ist die Lage. Journalisten leiden unter erkennbarem Bedeutungsschwund, den sie in Zahlen und Umfragen serviert bekommen, deren Ursachen sie jedoch nicht verstehen, weil ihm nicht nachgeforscht wird. Experimente waren wieder nur in Amerika zu beobachten. Nachdem Anderson, Bell und Shirky die Medienhäuser 2012 davor warnten, vor lauter Markenpflege ihre Produkte zu vernachlässigen, legte die »New York Times« 2015 den Schalter um: Die Zeitung entschied sich, die tägliche Konferenz zur Gestaltung der gedruckten Seite 1 abzuschaffen. Und für eine Woche im Juni schaffte die Zeitung sogar ihre Website ab. Zumindest die Redakteure im Haus sollten die Zeitung einmal so erleben wie ihre Leser: ausschließlich auf dem Handy.
In Deutschland erntet die »New York Times« dafür zwar sehr viel Bewunderung von einigen Kollegen, denen allerdings völlig klar ist, dass keine ihrer Zeitungen hierzulande zu ebensolchen Anstrengungen bereit wäre. Wäre es anders, wäre trotzdem unklar, was vom alten Medienbetrieb noch erhalten oder vielleicht sogar für ihn neu hinzugewonnen werden kann. In einem journalistischen Text fasste die Medienwissenschaftlerin Angèle Christin Erkenntnisse aus ihrer Dissertation zusammen: Demnach müssten sich die Zeitungshäuser entscheiden, ob sie weiterhin Pulitzerpreisen hinterherjagen oder Klicks.87Christin, Angèle 2014. When it comes to chasing clicks, journalists say one thing but feel pressure to do another. Niemanlab.org 28. August. URL: http://www.niemanlab.org/2014/08/when-it-comes-to-chasing-clicks-journalists-say-one-thing-but-feel-pressure-to-do-another/ [Stand 2015–04–05]. Einen Mittelweg sieht sie nicht. Christin stützt ihre Aussage auf hundert Interviews mit Autoren und Redakteuren und mehr als vierhundert Stunden Beobachtungen in Redaktionen in Frankreich und Amerika. In den Online-Redaktionen ergab sich immer dasselbe Bild. Die Echtzeitanalyse des Leserverhaltens bestimmt die Abläufe in den Redaktionen, schreibt sie. Die Redaktionen seien »süchtig nach Chartbeat«. Die Analysen seien das zentrale Management-Werkzeug, das die Häuser und ihre journalistischen Produkte bestimme. Kaum ein Journalist spreche dabei ehrlich über die Abhängigkeit von der Technologie, die sich wiederum sehr leicht beobachten lasse. Alles im allem müsse man sich um die Abhängigkeiten der Redaktionen von den Marktkräften Sorgen machen. Eine redaktionelle Unabhängigkeit, wie sie Print-Redaktionen bestimme, kenne der Online-Journalismus nicht, schreibt Christin.
In Deutschland gibt es zu diesem grundlegenden Wandel im Medienbetrieb allenfalls Blogtexte, von Menschen, die sich mit eigenen Projekten ernste Gedanken machen, wie der Online-Journalismus zu retten sei, und die dann schreiben: »Facebook baut gerade einen Todesstern«, so Karsten Lohmeyer.88Lohmeyer, Karsten 2015. Facebook baut gerade einen Todesstern – und könnte den Journalismus verändern. lousypennies.de 4. Februar. URL: http://www.lousypennies.de/2015/02/04/facebook-baut-gerade-einen-todesstern/ [Stand 2015–04–01]. Auf Resonanz allerdings treffen solche Aussagen nicht, weder im Medienbetrieb noch in der ihm angegliederten Wissenschaft. Dabei treffen die Überschriften immer ins Schwarze. Beispielsweise auch diese: »Der Klick ist tot. Wie Facebook den Rest des Internets langsam ausbluten lässt«, von Marcel Winatschek.89Winatschek, Marcel 2015. Wie Facebook den Rest des Internets langsam ausbluten lässt. Amy&Pink 21. Juli. URL: http://www.amypink.de/2015/07/21/der-klick-ist-tot-wie-facebook-den-rest-des-internets-langsam-ausbluten-laesst/ [Stand 2015–08–01]. In Deutschland wandelt sich das Klagen der Medienhäuser nicht mal dann in konstruktive politische Debatten, wenn in Büchern, in diesem Fall von Googles Aufsichtsratschef Eric Schmidt, geschrieben steht: »Wer heute noch an Marken und Institutionen festhält, hat verloren. Wir kennen keine Industrie, die den Wandel nicht fürchten muss.« Schmidt fügte sogar explizit an, dass es die Medienbranche bloß als Erste erwischt habe.90Schmidt, Eric, Rosenberg, Jonathan & Eagle, Alan 2015. Wie Google tickt. Frankfurt am Main, New York: Campus.