Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen

Wie Facebook uns behütet

Wie beeindruckend die praktischen Ergebnisse von Facebooks eigener Forschung sind, zeigt eine Studie der Universitäten Illinois, California State und Michigan. Vierzig Facebook-Nutzer nahmen an ihr teil. Mehr als die Hälfte, 25, wussten zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass Facebook überhaupt in ihren Newsfeed eingreift und bis zu vier Fünftel der Inhalte aussortiert. Nachdem sie zu Beginn über diesen Punkt aufgeklärt wurden, sagte ein Proband: »Das war intensiv, als würde ich in ›der Matrix‹ aufwachen. Ich meine, du glaubst, es sei die Realität, doch tatsächlich ist sie für dich gezielt ausgewählt.«18Eslami, Motahhare, u. a. 2015. Many, many Facebook users still don’t know that their news feeds are filtered by an algorithm: »I always assumed that I wasn’t really that close to [her]«: Reasoning about invisible algorithms in the news feed. URL: http://www-personal.umich.edu/~csandvig/research/Eslami_Algorithms_CHI15.pdf [Stand 2015–03–28]. Ein anderer Proband dachte bis dahin, dass er von einer bestimmten Person nicht besonders gemocht würde, weil er von ihr nie Inhalte bei Facebook sah. Seine Verwunderung den Wissenschaftlern gegenüber schloss er entsprechend mit den Worten: »Was zum Teufel …?« Die Fragen, die sich die Probanden zu diesem Zeitpunkt stellten, waren die eigentlichen Ausgangsfragen der Studie: Die Wissenschaftler wollten wissen, wie zielsicher der Newsfeed von Facebook funktioniert, ob das soziale Netzwerk seinen Nutzern also tatsächlich erfolgreich nur das anzeigt, was sie interessiert, oder ob nicht auch Inhalte von Interesse unterschlagen werden.

Nachdem man sie darüber aufgeklärt hatte, wie Facebook ihre News arrangiert, wurde den vierzig Probanden ihr Facebook-Inhalt ungefiltert vorgelegt. Anstelle von Facebook sollten sie dieses Mal selbst die Auswahl treffen und markieren, was sie interessierte. Das Ergebnis: Die Nutzer sortierten sich ihre Facebook-Inhalte so, wie sie Facebook auch für sie sortiert hätte. Die Abweichung lag nicht einmal bei siebzehn Prozent. Facebook war zwar überraschend ungenau in der Bewertung der sozialen Beziehungen, die Nutzer bewerteten fast die Hälfte ihrer Beziehungen zu ihren Facebook-Freunden mit anderer Gewichtung, als Facebook das tat. Inhaltlich stimmten sie allerdings mit der Auswahl der Meldungen, die Facebook zeigt oder verbirgt, weithin überein.

Facebook lag in den vergangenen Jahren mit seinen Entwicklungen, mit seinen Forschungsprogrammen, geschäftlichen Anliegen und mit seinem experimentellen Spieltrieb häufig erstaunlich richtig. Der »Social Graph« sowie der »Knowledge Graph« – Landkarten der sozialen Beziehungen, persönlichen Interessen und des Wissens der Welt – verschaffen dem Unternehmen heute einen enormen Vorsprung vor jeglicher Konkurrenz, egal aus welchen Branchen. Die von Facebook errungene ökonomische Macht und die soziale Stellung des Unternehmens in der Informationsgesellschaft, seine Bedeutung im Alltag von Hunderten von Millionen von Menschen sind bewundernswert und besorgniserregend. »Wann immer ein Facebook-Entwickler in Menlo Park die Parameter verändert, könnte irgendwo ein Mensch auf der Welt fälschlicherweise glauben, er würde nicht mehr geliebt«, schreiben die Autoren der Facebook-Studie. Gleichzeitig, dieses Zitat dokumentierte Steven Levy, sagt Adam Mosseri, der solch ein Facebook-Entwickler in Menlo Park ist: »Wir versuchen wirklich, keine redaktionellen Urteile zu fällen.« Es mag zwar sein, führt Mosseri weiter aus, dass Informationen über rassistische Unruhen in Amerika wichtiger sind als die lustigen Ice-Bucket-Challanges des Sommers 2014, »aber wir glauben nicht daran, dass wir unsere Nutzer dazu anhalten sollten, mehr Obst zu essen, obwohl wir wissen, wie gesund Obst ist«. Ob wir uns geliebt fühlen, welche politischen Ansichten wir haben und welches Leben wir führen, darüber bestimmt Facebook mit.

Mit der Treffsicherheit seines Newsfeeds hat Facebook heute den gesamten globalen Nachrichtenmarkt erobert. Facebook müsse gar nicht darauf warten, dass sich die Medienhäuser bereiterklären, ihre Inhalte direkt bei Facebook zu publizieren, schrieb der Journalist Leo Marini Anfang 2015, als es »Instant Articles« noch nicht gab. »In den vergangenen Jahren haben sich die Inhalteanbieter Zuckerbergs Vorstellungen unterworfen.«19Mirani, Leo 2015. Facebook won’t kill journalism. It might even save it. Quartz 28. März. URL: http://qz.com/369875/facebook-wont-kill-journalism-and-might-even-save-it/ [Stand 2015–03–31]. Sogar Google steht nun weit hinten an. 2013 stieg die Anzahl an Links zu Medieninhalten, die in Amerika auf Facebook publiziert wurden, von 62 auf 161 Millionen.20Thompson, Derek 2014. The Facebook Effect on the News. The Atlantic 12. Februar. URL: http://www.theatlantic.com/business/archive/2014/02/the-facebook-effect-on-the-news/283746/ [Stand 2015–01–22]. Dieser rasante Anstieg – der sich fortgesetzt hat, auch wenn wir keine aktuellen Zahlen über ihn haben – liegt nicht allein am Erfolg gut funktionierender Algorithmen. Ausschlaggebend ist auch bei Facebook der kluge Umgang mit dem Newsfeed, der mehr ist als eine Plattform zum Teilen von Inhalten, der auch mehr ist als eine Suchergebnisliste oder ein thematisches Archiv. Facebook hat ihn zu einer funktionierenden Tageszeitung entwickelt, zur einzigen zukunftssicheren, die wir heute haben. Das Unternehmen versteht seinen Newsfeed selbst, so sagt es Chris Cox, Chief Product Officer bei Facebook, im Gespräch mit Steven Levy, als »wirklich beeindruckenden Ausgangspunkt für den Start eines digitalen Universums. (…) Es ist unser Traum, diese Welt zu erschaffen, in der Menschen Facebook als nützlichen, wichtigen Teil in ihrem Leben begreifen.«

Die Medienhäuser wissen nun nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Facebooks Konkurrenz in den sozialen Netzwerken zieht dagegen nach. Sogar Twitter, wo man sich bislang und wahrscheinlich auch in Zukunft gegen solche Entwicklungen sträubte und kaum in die Chronologie eingreift, in der Nutzer Inhalte teilen, betreibt schon seit längerem eine Redaktion für das Projekt »Lightning«.21Honan, Mat 2015. This Is Twitter’s Top Secret Project Lightning. BuzzFeed News 18. Juni. URL: http://www.buzzfeed.com/mathonan/twitters-top-secret-project-lightning-revealed. Parallel zur Timeline, die, bis auf Werbeunterbrechungen und kurze Hinweise, chronologisch auflistet, was Menschen auf Twitter teilen, entwickelte das Unternehmen eine Anlaufstelle für sekundenaktuelle Informationen und Nachrichten. Automatisiert werden Bilder, Videos und Texte, die thematisch zusammengehören, gebündelt und ohne Verzögerung durch Ladezeiten sofort abrufbar bereitgestellt. Möglich ist das, weil die inhaltliche Arbeit von einer Redaktion erledigt wird. Sie arbeitet nach selbst aufgestellten Richtlinien und wählt aus, was die Nutzer zu sehen bekommen. Man habe sich mit den ethischen Fragen befasst, man wolle »Fairness und Integrität« walten lassen, sagt die Chefredakteurin des Projekts, Katie Jacobs Stanton.

Die nicht mehr ganz neue Klage, dass etablierte Redaktionen und ihre journalistische Arbeit künftig Automatismen und Algorithmen zum Opfer fallen würden, ist somit nur die halbe Wahrheit. Computerprogramme schreiben schon heute Börsen- und Sportberichte. Dennoch spielt der Mensch im Nachrichtengeschäft noch immer eine prägende Rolle, nur nicht mehr allzu oft als Journalist.