Redaktionsschluss · Stefan Schulz

Wie wir denken, was wir fühlen, wem wir vertrauen

Facebook und Google ermitteln Qualität

2015 machte Google den nächsten entscheidenden Schritt: Es hatte eine Methode gefunden, die Qualität eines Dokuments automatisiert und auf Basis seines Inhalts zu bestimmen. In einem Forschungsprojekt von acht Mitarbeitern zeigt Google auf, wie sich automatisiert Inhalte mit dem von Google gesammelten Weltwissen abgleichen und bewerten lassen. Man könne die »wahre Glaubwürdigkeit« einer Quelle mathematisch ermitteln, indem Websites inhaltlich mit Googles eigener Datenbank aus 2,8 Milliarden, aus dem Netz extrahierten, Fakten verglichen werden, behaupten die Forscher.55Dong, Xin Luna, u. a. 2015. Knowledge-Based Trust: Estimating the Trustworthiness of Web Sources. Google Inc. URL: http://arxiv.org/abs/1502.03519. Den entscheidenden Satz, auf den die Google-Gründer lange gewartet haben, schrieben die Autoren der Studie stolz in die Zusammenfassung ihrer Arbeit: Eine menschliche Nachprüfung der automatisierten Glaubwürdigkeitsfeststellung erübrige sich.

Damit greift Google auf ein Verfahren zurück, das vielerorts schon seit Jahren gang und gäbe ist. YouTube geht seit langem erfolgreich automatisiert gegen urhebergeschützte Werke und Pornografie vor. Googles langjähriger Chef und heutiger Aufsichtsratsvorsitzender Eric Schmidt lobt in seinem jüngsten Buch die »Pornofilter« als zivilisatorische Leistung.56Schmidt, Eric, Rosenberg, Jonathan & Eagle, Alan 2015. Wie Google tickt. Frankfurt am Main, New York: Campus. Seit Google im Sommer 2015 mit dem Projekt »DeepDream« an die Öffentlichkeit trat, um Einblicke in die Fortschritte bei der Bilderkennung und Bildverarbeitung zu geben, ist klar: »Pornografie« ist nur ein Platzhalter.57Mordvintsev, Alexander, Olah, Christopher & Tyka, Mike 2015. Inceptionism: Going Deeper into Neural Networks. Google Research Blog 15. Juli. URL: http://googleresearch.blogspot.de/2015/06/inceptionism-going-deeper-into-neural.html [Stand 2015–07–16]. Google verfügt über eine ausgereifte, automatisierte und schnell einsetzbare Filterinfrastruktur für das inzwischen vollständig zusammengetragene Text- und Bildweltwissen. Die Frage Greenwalds, ob das Internet drohe, die »schrecklichste und repressivste Waffe staatlicher Einmischung zu werden, die es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hat«, lässt sich bereits bejahen, zumindest zur Hälfte: Die Kapazität dafür steht bereit. Die zweite Hälfte wird allerdings immer ohne Antwort bleiben, da wir zu wenig über die Zusammenarbeit von Google mit staatlichen Behörden wissen und darüber hinaus ohnehin nicht mitbekommen, wie bereits heute in die Informationsströme eingegriffen wird.

Beobachten lässt sich lediglich der offene Umgang einzelner Mitarbeiter von Google mit den Akteuren des Netzes. Einer von ihnen, Matt Cutts, arbeitet seit Januar 2000 bei dem Unternehmen und leitete dort bis zu einem Sabbatical, das er 2015 begann, das »Webspam Team«. Sein Auftrag war, Datenmüll aus dem Internet zu fischen, was im Selbstverständnis von Google bedeutete: Cutts gab die Regeln vor, die über Erfolg und Misserfolg von Menschen und Unternehmen im Internet entschieden. Zwar sprach er selbst stets nur von Empfehlungen, doch jeder, der im Netz von Bedeutung sein möchte, schaut seine Videos. In ihnen erklärt er zwar nicht, wie Googles Suchindex funktioniert, aber er gibt Hinweise, wie man sich dort besser positionieren kann.

Die wichtigste Empfehlung von Cutts lautet, Googles »Qualitätsrichtlinien« einzuhalten. Wer sich im Netz als journalistische Marke, Unternehmen, Behörde oder Partei einen Namen machen will, sollte sie besser befolgen. Wenn Cutts die von seinem Team umgesetzten Neuerungen vorstellt, kommt er beispielsweise auf das Problem zu sprechen, dass nicht alle Seitenbetreiber klar kennzeichnen, welche ihrer Inhalte redaktionell erstellt wurden und wann eventuell Werbegelder flossen. Im selben Video erklärt er dann ebenfalls, dass sich Google das Recht einräume, Angeboten im Netz händisch verschiedene Grade an »Autorität« zuzuschreiben. Dass die Kriterien für diese Entscheidungen nicht genannt werden, versteht sich von selbst. Dass sich Google mit der Verordnung einer Kennzeichnungspflicht von Werbung zum Richter im Mediengeschehen erklärt, wird auch nicht problematisiert. Vonseiten Googles steht am Ende nur der Hinweis, dass man sich bei Fragen an das Unternehmen wenden könne, indem man sich bei unterschiedlichen Diensten des Unternehmens mit seiner Website registriere.58Cutts, Matt 2013. What should we expect in the next few months in terms of SEO for Google? URL: https://www.youtube.com/watch?v=xQmQeKU25zg [Stand 2015–03–30].

Formal bleibt es bei all dem bei Empfehlungen, die aufgrund von Googles Bedeutung allerdings enorme normative Kraft entfalten. Manchmal greift Google allerdings auch direkt in die Informationsströme ein. Während der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien 2014 betrieb Google in San Francisco eine eigene Redaktion. Sie sollte Googles Wissen darüber, wonach die Menschen suchen, inhaltlich aufbereiten und in die sozialen Netzwerke streuen. Suchten beispielsweise vor dem Spiel Deutschland gegen Brasilien viele Brasilianer nach dem verletzten Spieler Neymar, bot ihnen Google entsprechend aufbereitete Inhalte an. Ähnlich verfuhr die Redaktion während des Spiels mit den deutschen Nutzern, die in der Halbzeitpause wissen wollten, ob es schon einmal einen Halbzeitstand mit fünf Toren Unterschied in einem Weltmeisterschaftshalbfinale gegeben hatte. Auch solche Antworten hatte Google rechtzeitig parat.

Nach dem Spiel setzten die Redakteure allerdings auf ihren Menschenverstand und schalteten die Maschinen ab. Auf den brasilianischen Nutzeransturm zu Stichworten wie »Schande« oder »Niederlage« reagierte die Redaktion nicht. Sie wollte »nicht weiter Salz in die Wunde streuen«, sagte Sam Clohesy aus dem Google-Team. Die Journalistin Aarti Shahani, die für die amerikanische Radiosendergruppe NPR Googles Redaktion in San Francisco besuchte, notierte dieses Zitat und stellte den dahinter liegenden Wandel fest. Traditionelle Medien versorgten ihr Publikum mit Dramen und Katastrophen (»if it bleeds, it leads«), Google stattdessen achtete auf das emotionale Wohlbefinden der Kundschaft. Das war der Journalistin als Kennerin des Kampfes um Aufmerksamkeit neu.59Shahani, Aarti 2014. In Google Newsroom, Brazil Defeat Is Not A Headline. NPR 9. Juli. URL: http://www.npr.org/blogs/alltechconsidered/2014/07/09/330003058/in-google-newsroom-brazil-defeat-is-not-a-headline [Stand 2015–04–05]. Plötzlich ging es nicht mehr um den Inhalt einer Nachricht, sondern um das Gefühl, das sie bei einem Leser weckt. Die Journalistin wunderte sich.

Für Facebook, war das längst ein alter Hut. Von Beginn an verband Mark Zuckerberg Facebooks Newsfeed mit drei gleichwertigen Zielen. Facebook soll Freunde miteinander verbinden, informieren und unterhalten. Und all das möglichst so, dass es dem Nutzer aus einem Guss erscheint. Den Begriff »Information« verkürzte Facebook dabei nie auf »Nachrichten«. So wichtig wie die Frage, was in der Welt passiert, sollte beispielsweise auch zum richtigen Zeitpunkt die Hilfestellung sein, wie man seine Jeans wäscht.60Levy, Steven 2015a. Revealed: Facebook’s Project to Find Out What People Really Want in Their News Feed. URL: https://medium.com/backchannel/revealed-facebooks-project-to-find-out-what-people-really-want-in-their-news-feed-799dbfb2e8b1 [Stand 2015–02–02]. Entsprechend dieser Maxime, dass Informationen unterhaltsam, hilfreich und niemals grundlos betrüblich sein sollten, nahm Facebook 2015 einen interessanten Kampf gegen bis dahin belanglose Streiche auf. Die Aufdeckung und Verbannung des heimlichen Humors und der versteckten Witze auf den Seiten Facebooks fielen allerdings nicht nur Aprilscherze am falschen Tag zum Opfer, sondern auch die politische Satire. Satire darf alles, außer zu schlechter Laune führen.